In einem der Songs auf dem neuen Album heißt es, dass Erziehung sich daraus ergibt, dass man… Pelle: …immer auf dem Boden bleibt. Nicht ganz. Pelle: Okay, Erziehung hängt davon ab, woher du kommst und was du gemacht hast. Was auch immer du versuchst oder unversucht lässt – irgendwie wirst du immer zur Summe deiner verschiedenen Teile werden. Teile, die zwangsläufig auch mit deinen Eltern und deiner Herkunft zu tun haben. Erziehung ist in Rocksongs bislang nicht als besonders relevante Kategorie in Erscheinung getreten. Ihr würdigt sie jetzt aber gleich in mehreren Songs… Pelle: Ja, aber es ist nicht so, dass wir wir sagen würden "Wir haben Erziehung nötig". So nicht. Es ist nur… Ich kann mich jetzt gerade überhaupt nicht erinnern, bei "Bigger Hole To Fill" geht es ja noch einmal um was ganz anderes. Nämlich hauptsächlich um Leute, die in den 40er Jahren geboren sind und denken, dass sie sich um nichts mehr bemühen müssen, weil sie eh schon alles wissen. Die rumsitzen und dir erzählen, was du alles falsch machst.

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"The Black and White Album" heißt die neue Platte, da muss das Outfit stimmen (Foto: Universal) Du sprichst von den 68ern? Pelle:Irgendwie schon. Dieses ganze "Wir haben die Welt verändert" und "Wir haben dies und das geschafft" und "Alles, was ihr jetzt habt, habt ihr uns zu verdanken". Aber eigentlich sind die 68er noch schlimmer als die Generation vor ihnen. Scheint dich richtig zu nerven. Pelle: Was mich wirklich nervt ist die Tatsache, dass manche Leute, die in den 40er Jahren geboren sind, das Gefühl haben, in den 60er Jahren die Revolte erfunden zu haben. Und nicht nur das. "Wir haben die Musik erfunden, die Politik und alles andere auch." Kürzlich habe ich einmal so eine Jubiläumsausgabe des Rolling Stone durchgeblättert. Da haben sie versucht, Leute wie Bob Dylan und Mick Jagger dazu zu bewegen, von sich zu behaupten, dass sie die größte Sensation aller Zeiten gewesen seien. Darauf hat sich aber niemand von denen eingelassen, geschweige denn behauptet, dass sich in den 60er Jahren alles fundamental verändert hätte. Das Gefühl, dass sich alles geändert hätte, hatten nur die Redakteure von Rolling Stone – viele von ihnen in den 40er Jahren geboren – mit ihrem "wir waren die erste Generation mit Jugendkultur"-Dünkel. Mick Jagger und Bob Dylan meinten hingegen: "Schwachsinn, es gab doch schon Rebellen in den 30er und 40er Jahren." Darauf wieder die Redakteure: "Nein, versteht doch: Es hat sich in den 60er Jahren wirklich ALLES verändert." Lächerlich. Könnte es sein, dass Du ein klein wenig neidisch auf die 68er bist, weil die noch so wunderbar die Möglichkeit hatten, sich als Rebellen zu stilisieren? Pelle: Nein, man muss das doch auch alles in Zusammenhang mit den damaligen Verhältnissen sehen. Wenn man die 60er Jahre selbst erlebt hat, war das vielleicht eine verdammt langweilige Zeit. Da gibt's eine andere Zeile in "It Won't Be Long" wo es um die Generation der Babyboomer geht, die ihre Jugend verherrlicht. "Oh Mann, das war wirklich was ganz Besonderes damals." Das ist einfach ermüdend. In dem Song heißt es außerdem "Du wirst, was du hasst"… Pelle: Oder du hasst, was du wirst. Ja. So ist das nunmal, mit dem Erwachsenwerden. Entweder wirst du mit 40, 50 zu dem, was du hasst, besser gesagt zu dem, wogegen du rebelliert hast. Zum Beispiel zu einem faulen Beamten. Oder du wirst nicht zu einem Bürohengst, sondern bist mit 50 immer noch Hippie und hasst dann das, was aus dir geworden ist. Da gibt's keine einfachen Lösungen. Trotzdem versuchen sie, dir das Gegenteil einzureden. Jedes Leben ist dazu verdammt, sich in Richtung lächerliche Tragik zu entwickeln? Pelle: Naja, die ganze Sache hat ja auch ihre faszinierenden Seiten. Das ist doch alles sehr interessant. All diese Leute, die sich nicht verändern wollen, weil sie der festen Überzeugung sind, ihre beste Zeit mit 20 gehabt zu haben und für den Rest ihre Lebens krampfhaft versuchen, an diesem Zustand festzuhalten. Gibt eben auch eine gewisse Sicherheit. Pelle: Klar. Andererseits gibt es dir aber auch eine Sicherheit, wenn du dich in einen Bürohengst verwandelst. Finanzielle Sicherheit zum Beispiel. Unter Umständen auch emotionale Sicherheit. Mit Veränderungen scheinen The Hives keine Probleme zu haben. Die aktuelle Platte entstand unter völlig veränderten Vorzeichen. Ihr seid dafür um die halbe Welt gereist… Pelle: Stimmt. Wobei es eher so war, dass wir dafür durch halb Amerika gereist sind. Es war nicht so, dass wir dafür nach Sri Lanka gegangen wären. Chris: Aber auch nach London. Und nach Schweden. Man hört der Platte diese Ortsveränderungen an. Pelle: Ganz bestimmt. Die Platte klingt wohl amerikanischer als alles, was wir bis dato gemacht haben. Chris: Viele der Songs haben wir in Amerika aufgenommen. So gut wie alle eigentlich. Mit Dennis Herring haben wir zum Beispiel zusammengearbeitet und dann gab's natürlich noch die Zusammenarbeit mit Pharrell… … mit dem ihr einen Song gemacht habt, der ganz und gar nicht nach Pharrell klingt. Eine großartige Leistung. Pelle: Bei "Well Allright!", oder? Ja, er liebt das. Er liebt es, wenn wir wie eine Sixties-Combo klingen. Er wollte es sogar noch extremer. Aber uns ging der Sound eher auf die Nerven. Ich meine: Jede Rockband benützt doch mittlerweile diesen Sixties-Sound, bei dem du zwar diesen federnden Beat hast. Der dann aber trotzdem immer wie ein Beatles-Song mit Verzerrer klingt. Jede britisch beeinflusste Rockband macht das heute so. Das langweilt uns nur noch. Soviel also zum berühmten Sound der "The"-Bands. Hattet Ihr damit nicht auch mal was zu tun? Pelle: Naja, das ist nicht wirklich der "The"-Sound… ein bisschen vielleicht. Ich glaube mit "Well Allright!" haben wir den Absprung geschafft. Das klingt nicht nach den Beatles, sondern nach Mitch Ryder, den ich persönlich auch wesentlich besser finde. Aber Pharrell wollte eben partout diese Sixties-Nummer mit uns durchziehen. Die Tatsache, dass er keine große Erfahrung damit hat, Rockbands auf Sixties zu bürsten, hat uns dann allerdings gerettet.

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"The Black And White Album" von The Hives erscheint am 12. Oktober