Eigenloop stinkt nicht

Jarle Bernhoft aus Norwegen fungiert als komplette Ein-Mann-Soul-Combo und macht aus dem Prinzip des Eigen-Loopings ein Erlebnis.
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Illustration: Julia Schubert



Dein Album erschien offiziell am 08. Juli, im Netz ist es allerdings längst verfügbar gewesen. Wie gehst du damit um?
Das ist natürlich nichts, weshalb ich Luftsprünge machen würde. Allerdings sorgt dieser Umstand auch für steigendes Interesse an meiner Musik. Manche Leute reisen aus anderen Orten zu meinen Konzerten an. Es ist also ein zweischneidiges Schwert.  

Durch illegale Downloads werden Künstler dazu gezwungen, die sinkenden Einnahmen aus Plattenverkäufen durch mehr Ticketverkäufe auf mehr Konzerten auszugleichen. Das führt zu einem größeren Angebot und dazu, dass das Publikum irgendwann übersättigt wird. Wie stehst du dazu?
Ich verstehe, was du meinst, und das ist sicherlich nicht ganz falsch. Auf der anderen Seite werden die Künstler dadurch aber auch dazu gezwungen, sich mehr Mühe zu geben und aus der Masse herauszuragen. Es entsteht also ein gesunder Wettbewerb, von dem am Ende alle Beteiligten profitieren.  

Deine Karriere als Musiker hast du mit kleinen Rollen an der norwegischen Oper begonnen, hattest dann einen Plattenvertrag mit deiner Rockband Span und schreibst nun soul-orientierte Songs. Woher kommt diese musikalische Vielfältigkeit?
Ich habe mich immer schon für viele verschiedene Musikrichtungen interessiert, aber ich habe keine Ahnung, wo dieses Interesse an schwarzer Musik herrührt. Mein Vater ist Opernsänger und meine Mutter klassische Klavierlehrerin und Chorleiterin. Beiden fließt keinerlei afrikanisches Blut durch die Adern. Mein Vater hasst das regelrecht und nennt das abschätzig Bumbum-Musik – und damit meint er jegliche Form von Musik, bei der ein Beat zu hören ist. Aber er öffnet sich langsam dafür. Als ich damals in meiner Metal-Phase war, hatte er jedoch eine regelrechte Krise (lacht).  

Das war dann wohl auch die Zeit, in der du angefangen hast, Gitarre zu spielen, oder?
Ja. Ich habe gedacht, wenn ich anfange, Gitarre zu spielen, kriege ich auch die Mädchen – wahrscheinlich der häufigste Grund, warum Musiker Musiker werden. Bei mir stellte es sich jedoch als Irrglaube heraus (lacht).  

Du hast also nicht reihenweise Mädchen abschleppen können?
Nein, leider nicht. Ich war ein schüchterner Nerd, der außer seiner Gitarre nicht viel gesehen hat. Irgendwann habe ich dann mit dem Singen angefangen, weil ich fand, dass viele Sänger besser klingen würden, wenn sie anders singen würden – nämlich so wie ich (lacht).  

Könnte es denn sein, dass du auf dem nächsten Album wieder in eine komplett andere musikalische Richtung gehst?
Möglich ist es, aber unwahrscheinlich. Ich fühle mich mittlerweile sehr wohl mit meinen Songs und habe mich musikalisch gefunden. Aber ich werde immer das Bedürfnis verspüren, neue Seiten an mir entdecken zu wollen und auch mal Wege zu gehen, die ich noch nicht beschritten habe. 

Im Zuge einer Live-Performance wurdest du mal als „Giraffe auf PCP“ beschrieben. Kannst du dich noch daran erinnern, wie es dazu kam?
Das stand irgendwann mal im NME über mich, allerdings noch zu Span-Zeiten. Ich war, wie gesagt, ein sehr schüchterner Teenager, habe mich als Frontmann einer Rockband auf der Bühne aber in ein Tier verwandelt – und das hat viele Leute überrascht. Wenn ich damals nach einem Gig von der Bühne gegangen bin, wusste ich manchmal gar nicht mehr, was ich überhaupt gemacht habe. Irgendwann kamen meine Bandmitglieder nach einem Konzert mal zu mir uns sagten: „Man, das war Wahnsinn. Wie du dem Typen vor der Bühne in die Nase gebissen hast – geil!“ Ich konnte mich an nichts mehr erinnern, aber es kam wohl gut an.  

Du hast einem Typen im Publikum in die Nase gebissen?
Ja (lacht), aber nicht doll. Es hat nicht geblutet und der Typ hat wohl gelacht. Es war also alles gut.

http://www.youtube.com/watch?v=GjEsAEsYCw4&feature=related  

Mittlerweile fungierst du bei deinen Shows als Ein-Mann-Band und benutzt das Prinzip des Eigenloopings. Stimmt es, dass der Grund dafür vor allem darin liegt, dass das Touren mit mehreren Leuten zu teuer ist?
Es ist zumindest ein Grund dafür, ja. Als ich angefangen habe Songs zu schreiben, hatte ich durchaus eine Gruppe im Hinterkopf. Aber einer Band beizutreten ist mit vielen Pflichten verbunden, und die Musiker, mit denen ich arbeiten wollte, hatten bereits zu viele andere Verpflichtungen. So ist das Ganze zu einem Solo-Projekt mutiert. Aber das ist cool: So kann ich für ein Minimalbudget überall auf der Welt spielen, weil ich bloß eine Reisetasche und zwei Gitarrenkoffer brauche.  

Fühlst du dich dadurch nicht manchmal limitiert?
Sobald ich an diesen Punkt komme, höre ich sofort auf, solo zu spielen. Aber momentan sehe ich diese Limitierungen sogar als Bereicherung an, weil man sich selbst ein Parameter setzt, dessen Grenzen man ausloten kann. Ein fundamentaler Unterschied ist jedoch der, dass ich Musik immer auch als Kommunikationsmedium verstehe. Wenn man in einer Band spielt, dann gibt es zwischen den einzelnen Bandmitgliedern eine besondere Energie, die ich natürlich nicht erfahre, wenn ich alleine auf der Bühne stehe.  

Das Prinzip des Eigenloopings ist nicht neu. Gab es Künstler, die dich in dieser Hinsicht inspiriert haben?
Die einzige Künstlerin, von der ich wusste, dass sie auch so arbeitet, war Imogen Heap. Erst später habe ich auch die all die anderen Leute entdeckt, die nach diesem Prinzip zu Werke gehen wie KT Tunstall, Owen Pallett, Reggie Watts oder Beardyman. Doch die Technologie ist immer noch neu, sodass sie von jedem Künstler anders eingesetzt wird. Jeder hat seine eigene Nische. Ich benutzt neben einer Fender Rhodes und diversen elektronischen Geräten zum Beispiel eine Gitarre, auf der ich vier Gitarren- und zwei Bass-Saiten aufgezogen habe – ein Instrumentalhybrid also, der gleichzeitig auch als Percussiontool eingesetzt wird.  

Wie schwierig war es denn beim Schreiben des Albums stets im Kopf zu behalten, dass die Songs auf der Bühne auch reproduzierbar sein müssen?
Wenn ich im Studio bin, denke ich überhaupt nicht an die Live-Umsetzbarkeit. Ich lasse mich in meiner Musik nicht beschneiden. Das führt allerdings in der Tat dazu, dass ich bloß die Hälfte meiner Albumsongs bei meinen Auftritten spielen kann.  

Zentrales Thema deiner Platte ist „Solidarität“. Warum war dir die musikalische Auseinandersetzung damit wichtig?
Ich bin einfach ein Fan von dem, was gemeinhin Solidarität genannt wird. Von Verbundenheit. Von Zusammenhalt. Ich liebe die Energie, die zwischen Menschen spürbar ist, die sich solidarisch zueinander verhalten. Leider bewegen wir uns in der westlichen Welt immer mehr in eine Richtung, in der die individuellen Ziele über die der Gemeinschaft gestellt werden. Und diese egoistischen Wertvorstellungen werden in vielerlei Hinsicht auch noch entlohnt. Plötzlich werden irgendwelche Börsenspekulanten und Investoren zu Idolen einer Gesellschaft, und das finde ich bedenklich. Umso faszinierter bin ich von Leuten, die noch für die althergebrachten Werte einstehen und hatte das Bedürfnis, darüber zu schreiben.  

Ich habe dich bei einem kleinen Wohnzimmer-Konzert auftreten sehen. Du hast allerding auch schon als Vorgruppe von Joe Cocker oder dem Kaizers Orchestra in großen Hallen gespielt. Fühlst du dich überall wohl, solange du auf einer Bühne stehen kannst?
Eigentlich schon. Aber ob ein Konzert richtig gut wird, hängt natürlich von vielen verschiedenen Faktoren ab wie Publikum, Stadt und eben auch den Räumlichkeiten. Als ich in der O2-Arena in Berlin vor Joe Cocker gespielt habe, hat sich dort leider nur wenig Stimmung entfaltet, weil der Saal so riesig ist und die Leute viel zu weit weg waren. Ich habe gemerkt: Wenn du einen kleinen Stein nimmst, ihn wirfst und damit nicht mehr das andere Ende der Halle erreichst, dann ist der Saal eindeutig zu groß.  

Vielleicht bist du aber auch einfach kein guter Werfer.
Sagen wir so: Wenn ich irgendwann einmal so groß werden sollte, dass ich die O2-Arena alleine gefüllt bekomme, muss ich vorher auf jeden Fall werfen üben (lacht).

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Illustration: Julia Schubert


"Solidarity Breaks" von Jarle Bernhoft ist bei Ministry of Sound erschienen.

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