„Ein gefährliches Alter“ - Sebastian Madsen über den Abschied von der Jugend

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Sebastian, du hast für deine Band schon oft Lieder über Liebe geschrieben, auch jetzt wieder. Auffällig ist, dass du mit den Jahren Gefühle immer deutlicher benennst, nicht mehr so abstrakt dichtest. Bewusst oder unbewusst? Schon bewusst. Wir wollten jetzt auch ein großes Album machen. Große Musik, große Melodien - große Worte. Und das brachte auch so eine textliche Offenheit mit sich. Ich fand es lange Zeit schwierig, offen über Liebe zu singen, und habe das als große Herausforderung gesehen. In Deutschland gibt es nicht viele Bands, die das gut machen. Der Distelmeyer zum Beispiel macht das auf seine Art sehr gut, sehr authentisch und ehrlich. Andere Bands verstecken sich hinter einer Coolness in ihrer Sprache. Wenn ihr bei Konzerten Liebeslieder spielt – freust du dich darauf oder denkst du eher: na gut, schnell noch was für die Mädchen? Man genießt das, wenn man sich bewusst macht, dass man in diesen Momenten ganz normal sein kann. Wenn man die Scheu abgelegt hat, fühlt sich das auch nicht mehr komisch an, sondern eher schön Wie legt man die Scheu denn ab? Wir haben vor kurzem das erste Mal den Song „Labyrinth“ live gespielt. Am Ende heißt es darin ja, „du kannst fliegen, du kannst fliegen – wenn du willst“, und „da ist immer irgendjemand, der dich liebt“. Wenn ich so was irgendwo lesen würde, würde ich wohl den Kopf schütteln. Aber zusammen mit der Sprache, die die Musik dazu spricht, macht das für uns absolut Sinn. Die Leute sind uns und dem Spannungsbogen des Stückes auch gefolgt. Wenn man bei Madsen den Kopf ausschaltet und sich das live anguckt, kann man mit dieser Band sehr viel Spaß haben. Du sagst, wenn du so was erst mal nur lesen würdest, würdest du mit dem Kopf schütteln. Aber am Anfang steht es doch auch nur so da. Habt ihr keine Angst vor Kitsch? Grundsätzlich stehe ich ja auf Kitsch, wenn es guter Kitsch ist. Ich lasse mich gerne von Musik oder Filmen, die kitschig sind, berühren. Element of Crime zum Beispiel schreiben wunderbar romantische, kitschige Musik. Ich bin auch ein Fan der 60er-Jahre-Musik. Botschaften wie „All You Need Is Love“ finde ich einfach und genial. In Deutschland wird über so was zu selten direkt gesungen.

Madsen "Lass die Liebe regieren" from John Donson on Vimeo. Als Junge, der auf dem Dorf aufgewachsen ist: Würdest du sagen, dass die schönere Romantik auf dem Land entsteht? Auf der neuen Madsen-Platte geht’s ja oft um die Einfachheit und die daraus entstehende Schönheit des Ländlichen. Im Wendland hat man einfach mehr Ruhe. Mehr Ruhe bedeutet vielleicht auch mehr Romantik. Was ich an Berlin faszinierend finde, ist auch gleichzeitig das, was ich an der Stadt anstrengend finde: das Überangebot an Kultur, die Menschenmassen, das Chaos, der Dreck. Als Landei fühle ich mich auch nach drei Jahren in Berlin manchmal maßlos überfordert. Ich stelle mir nämlich regelmäßig die Frage, was diese Stadt eigentlich von mir will. „Labyrinth“ ist ein Song übers Aufwachsen auf dem Dorf. Ist das so was wie euer „Dorfpunks“? Es geht ja auch um das Alter generell, das ich jetzt habe: 28. Der endgültige Abschied von der Jugend, und man kann überhaupt und gar nichts dagegen tun. Langsam müsste man einen ungefähren Entwurf vom Leben haben. Den hast du mit deiner Band doch. Ja, aber jede Platte ist auch wieder ein Lottospiel. Es macht zwar Spaß, Risiken einzugehen und so einen Schritt zu machen, wie wir ihn jetzt gemacht haben. So muss es sein, davon lebt Kunst ja auch. Aber man weiß nie, wie das von anderen angenommen wird. Was ich im Freundeskreis beobachte, ist dass die meisten mit ihrem Studium durch sind, alle haben so ein bisschen rumgefeiert und nicht über morgen nachgedacht. Und das hört jetzt langsam auf. Es ist ein gefährliches Alter, in dem sich ganz andere Grundsatzfragen stellen. Ist das dann für dich umso schöner zu sehen, dass du zwar dein Studium frühzeitig abgebrochen, einfach Musik gemacht und jetzt doch schon viel mehr erreicht hast, als viele deiner früheren Freunde? Dass wir unsere Leidenschaft mit einem Job verbinden können, ist nach wie vor ein Riesenglück. Aber der Alterungsprozess findet natürlich trotzdem statt. Ich stelle mir die gleichen Fragen wie meine Kumpels, die sich manchmal verloren fühlen und nicht so genau wissen, was sie machen sollen. Hat dich Berlin weich gemacht? Meine leidenschaftliche Verweigerungshaltung habe und möchte ich mir beibehalten. Die kann man ja auch auf dem Dorf wunderbar zelebrieren. Dort hat man eine eher beobachtende Position, es spielt sich einfach wenig ab. Ich weiß noch, dass ich als 15-Jähriger die Loveparade im Fernsehen gesehen habe, und das alles ultrascheiße fand. Es regen mich auch heute noch viele Dinge in Berlin unheimlich auf. Wenn zum Beispiel irgendwelche Medienfutzis auf der Sonnenseite des Lebens sitzen und ihren Latte Macchiato schlürfen. Wenn stolze Eltern ihre Kinder durch die Gegend schieben und permanent zueinander sagen: Mein Kind ist geiler als dein Kind! Es ist ein grundsätzlicher Wunsch, dort nicht zu landen. Trotzdem ist es so, dass man, je näher man dieser Stadt kommt, auch diese Menschen versteht und zu schätzen weiß. Und dann ist man auch mit dem ein oder anderen befreundet. Meine Verweigerungshaltung möchte ich mir beibehalten.

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Illustration: Julia Schubert

„Labyrinth“ von Madsen erscheint am 23. April auf Vertigo/Universal.

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