"Ein Mix aus Terror und Ekstase"

Im August veröffentlichen Franz Ferdinand ihr neues Album, heute feiert das Video von "Love Illumination" Premiere. Wir haben mit Sänger und Gitarrist Alex Kapranos über Freiheit und Planung, Unsicherheit und Kontrollverlust gesprochen.
erik-brandt-hoege

jetzt.de: Alex, wann hast du zuletzt gedacht, dass du etwas ganz und gar richtig gemacht hast?
Alex Kapranos: Ich glaube, das war, als wir mit der Band das Cover für das neue Album entworfen haben. Wir haben uns zu viert zusammen gesetzt, hatten alle viele Ideen, und trotzdem mussten wir nicht lange diskutieren. Es gab überhaupt keinen Stress. Wir konnten ganz entspannt über alles reden und uns ziemlich bald einigen. Das hat sich sehr gut und richtig angefühlt. Ich mag es, wenn ich am Ende einer langen Arbeitsphase mit den Jungs etwas in den Händen halten kann, hinter dem alle von uns voll und ganz stehen.  

Und neben der Musik?
Als ich einen Fehler eingesehen und mich dafür entschuldigt habe.  

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Illustration: Julia Schubert


Franz Ferdinand mit Sänger Alex Kapranos (zweiter von links). Heute veröffentlichen die Briten ihr Video zur Single "Love Illumination". Du kannst es auf süddeutsche.de sehen.

Versuchst du grundsätzlich, Fehler zu vermeiden, in dem du zum Beispiel konkrete Pläne machst?
Ich glaube, man erreicht nicht viel, wenn man immer alles genau plant. Vielmehr sollte man mit einer positiven Grundeinstellung an die Dinge herangehen, die man macht, dann gelingen sie am ehesten. Außerdem: Wenn man alles ständig plant, wird es vorhersehbar. Und Vorhersehbares ist in der Regel ziemlich langweilig. Ich persönlich lasse mich viel lieber überraschen.  

Eine Einstellung, die für Entspannung sorgt?
Absolut! Ich bin nicht der Typ, der weit in die Zukunft blickt. Ich lasse die Dinge einfach auf mich zukommen.  

Keine Lust auf Sicherheit?
Einerseits bin ich gerne frei und spontan, weiß aber auch, dass ich bei nichts, was ich mache, total frei und spontan sein kann. Das kann niemand, auch Musiker nicht. Man muss sich seiner Sache immer ein Stück weit sicher sein und wissen, was man tut.  

Wann würdest du dich als Musiker besonders unsicher und deshalb unwohl fühlen?
Wenn ich auf die Bühne gehen würde, ohne mein Instrument richtig zu beherrschen.  

Wie war es denn bei der Arbeit am neuen Album: Wie viel davon ist geplant, wie viel spontan entstanden?
Das Album ist ein Mix aus beidem: Plan und Spontaneität. Wir hatten kein übergeordnetes Thema, nachdem wir uns beim Schreiben gerichtet haben. Aber wir haben uns einen gewissen Rahmen gesteckt, in dem wir uns bewegt haben.  

Das heißt?
Zum Beispiel haben wir im Vorfeld abgemacht, dass wir mit keinen Journalisten sprechen, während wir noch am Album arbeiten.  

Habt ihr eine Medienphobie?
Es ist doch so: Wenn man gerade dabei ist, etwas Kreatives zu machen und gleichzeitig anfängt, darüber zu sprechen, wird man aus dem kreativen Prozess herausgerissen. Man wird auf eine Art befangen, ist nicht mehr so frei. Und wenn man über etwas spricht, das noch gar nicht fertig ist, ja womöglich noch nicht mal ansatzweise existiert, hypt man etwas vollkommen zu Unrecht. Das wollen wir nicht. Darin macht sich auch der Unterschied bemerkbar zwischen Prominenten, die nur prominent sein wollen, und prominenten Musikern, die nur Musiker sein wollen. Wir wollten nie prominent sein, deshalb reden wir auch nicht über uns und was wir tun, bevor es keine Musik gibt, die wir vorstellen können.  

Wie ist es, wenn ihr ein neues Album auf die Bühne bringt, es live spielt? Plant ihr eure Shows mehr als die Songs, aus denen sie bestehen?
Wenn wir auf die Bühne gehen, wissen wir alle, was wir zu tun haben. Trotzdem sind unsere Shows nicht durchgeplant. Showplanung ist etwas, das eher in die Popwelt gehört, nicht in unsere. Zu viel Plan würde uns auf der Bühne einschnüren. Ich mag es, wenn ich einen Song live spiele und die Abläufe kenne, aber eben noch nicht weiß, was im nächsten Moment passiert und wie ich meine Performance daraufhin verändere. Ich will frei und dem Publikum gegenüber immer offen sein. Ich will den Leuten vor der Bühne zuhören und auf sie reagieren können. Ich will etwas aufführen, was es nur einmal gibt.  

Erlebst du manchmal einen Kontrollverlust vor Publikum?
Man sollte gar nicht erst versuchen, sich vor Publikum voll und ganz unter Kontrolle zu haben. Man sollte die Dinge da oben einfach geschehen lassen. Vor allem sollte der Kopf möglichst frei sein, wenn man auf die Bühne geht. Denn wenn man da oben an irgendetwas anderes denkt, als an die Musik, kann das nicht gut gehen.  

Kann man das trainieren den Kopf frei kriegen?
Nein, aber man kann die Umstände schaffen, die es braucht, um einen freien Kopf zu kriegen.  

Wie zum Beispiel?
Zum Beispiel kann man darauf achten, dass in der Zeit vor dem Auftritt niemand um einen herum ist, der irgendwie stören könnte. Eine angenehme, friedliche Atmosphäre ist das A und O. Es sollten keine Leute in der Umkleide sein, die dort nicht hingehören, überhaupt niemand im näheren Umkreis, der schlechte Stimmung oder gar einen Streit auslösen könnte. Denn den nimmt man meistens mit auf die Bühne.  

Wenn man auf der Bühne regelmäßig eine gute Interaktion mit dem Publikum schafft kann man süchtig nach dieser Art Showgefühl werden?
Man kann total süchtig danach werden! Sogar physisch. Jeder, der einmal auf Tour war, weiß das. Sobald man eine Bühne betritt, ist das Kopf- und Körpergefühl ein komplett anderes. Dieser Mix aus Adrenalin und Endorphinen ist so beängstigend wie unfassbar wundervoll. Ein Mix aus Terror und Ekstase. Wenn man danach wieder von der Bühne kommt und noch mehr dann, wenn man gerade eine Tour beendet hat, kann es schon Mangelerschienungen geben.  

Über Twitter hast du Franz Ferdinand nicht zuletzt wegen eurer Live-Shows als the last bastard of British pop bezeichnet
(lacht) das war mehr ein Witz. Ich saß in einem Taxi in Sao Paulo, zusammen mit jemandem aus einer anderen britischen Band, der sehr betrunken war. So betrunken, dass das, was er sagte, nur noch stark vernuschelt bei mir ankam. Er sprach über die aktuelle Situation im britischen Musikgeschäft und sagte: We are the last bastion in British pop! Ich verstand aber etwas anderes und dachte: Cool! We are the last bastard of Britisch pop! Klingt ja auch irgendwie gut.

Das Video zur Single Love Illumination kannst du hier auf süddeutsche.de sehen. Das Album Right Thoughts, Right Words, Right Action von Franz Ferdinand erscheint am 23. August.

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