Eindrücke vom Reifeprozess: Strokes-Bassist Nikolai Fraiture über Morrissey und Eddie Vedder

Als The Strokes vor ziemlich genau fünf Jahren mit ihrem Debüt-Album "Is This It" einen nicht unmaßgeblichen Anteil zur Renaissance des Gitarrenrocks leisteten, schien es kurzfristig so, als wäre der Begriff "Hype" endgültig an seine Grenzen gestoßen. Die Superlativ-Industrie ließ stapelweise neue Huldigungen vom Band, nachdem der New Musical Express den New Yorkern bereits im Januar 2001 (da hatten sie eben erst ihre EP "The Modern Age" veröffentlicht) ein Cover spendierte. Es folgte eine kräftezehrende Welttournee, ein zweites Album und die Hoffnung, dass der ganze Trubel das Potential der Strokes nicht schmälern möge. Nachdem zur Jahreswende mit "First Impressions of Earth" ihr drittes Studioalbum erschienen war, schien sich diese Hoffnung zu bestätigen. Bleibt jetzt bloß noch zu hoffen, dass die aktuelle Welttournee nicht allzu sehr an den Nerven zehrt. jetzt.de sprach mit Bassist Nikolai Fraiture (28). Über Musik. Damit er mal ein bisschen vom Tourstress abgelenkt wird.
uli-karg

Nikolai, die Strokes sind wieder auf Tour. Du wirkst etwas müde… Ein bisschen vielleicht. Aber es macht einen Heidenspaß. Vor allem auf dem Southside war's absolut großartig. Außerdem spielt ihr auf dem Montreux-Festival… Ja, in der Schweiz. Schon aufgeregt? Wie meinst Du das? Es ist eines der legendärsten Festivals überhaupt. Wenigstens in Europa. Ach wirklich? Keine Ahnung, die Termine vereinbart das Tourmanagement. Wer hat denn schon gespielt in Montreux? Miles Davis, James Brown, Johnny Cash. Cool… Na dann sehen wir mal, was das wird. Und in Österreich spielen wir auch noch. Wir waren mal in Wien, das war absolut großartig. Traumhafte Stadt mit atemberaubenden Gebäuden. Wenn ich könnte, würde ich da gerne mal ein paar Monate verbringen.

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Illustration: Julia Schubert

Was machst Du bei Stippvisiten, um möglichst viel von einer Stadt mitzubekommen? Ich gehe in die Lobby meines Hotels, hole mir einen Stadtplan und geh dann einfach blind drauflos und schau mal, wo ich lande. Wofür dann der Stadtplan? Damit ich den Weg zurück zum Hotel wieder finde und nicht verloren gehe. Der Stadtplan ist da nur meine kleine Rückversicherung. Besteht das Bedürfnis nach Rückversicherungen auch über Spaziergänge hinaus? Im Leben generell? Äh… Das ist jetzt eine ziemlich heftige Frage. Können wir die auslassen? Natürlich. Musikfragen? Musikfragen sind super. Reden wir über Musik. Reden wir über Franz Ferdinand. Fand ich zunächst ganz gut, dann wieder nicht so, dann schon wieder. Bitte sag jetzt nicht dasselbe über die Arctic Monkeys. Die klingen neu, machen interessante Sachen, sind aber eben auch noch sehr jung. Ist Jugend ein einschränkendes Kriterium bei einer Rockband? Nicht in der Außenwirkung, aber was die Prozesse innerhalb der Band selbst betrifft. Bei einer jungen Band wie den Arctic Monkeys weiß ich, wie hart es ist, mit dem Rummel umzugehen, der mit dem Erfolg kommt, weil wir auch noch ziemlich jung waren, als wir plötzlich berühmt wurden. Du willst dich eigentlich nur mit deiner Musik ausdrücken, weil die Musik ein Teil, der größte Teil deiner Identität ist, aber die öffentliche Aufmerksamkeit lässt das nicht zu. Mal sehen, wie das wird, wenn man älter wird. Wir bekommen vom Reifeprozess ja mittlerweile auch schon einen ersten Eindruck. Hat Morrissey vorgemacht, wie man einen Reifeprozess bestmöglich nutzt? Von Morrissey war ich ehrlich gesagt noch nie ein großer Fan. Komisch eigentlich, wo ihr doch beide so auf die New York Dolls steht… Aber er hat mich nie so berührt wie andere Musiker. Klar hab ich irgendwann verstanden, dass das, was er machte, gut war. Aber seine Person übte nie eine besondere Anziehungskraft auf mich aus. Wir halten fest: Die erste Platte, die Nikolai Fraiture erstmals und bis zur völligen Erschöpfung immer und immer wieder angehört hat, war nicht von Morissey. Völlig korrekte Feststellung. Das war nämlich Jane's Addiction, "Ritual De Lo Habitual". Die letzte Platte, bei der's Dir so ging? Die letzte? Mal überlegen… Ach ja, klar: Die neue Pearl Jam. Ach ja, klar: Eddie Vedder. Ihr habt mit ihm vor Kurzem "Mercy Mercy Me" von Marvin Gaye eingespielt, das auf der nächsten Single erscheint. Du scheinst immer noch ganz hingerissen von diesem Treffen zu sein… Es war eine unglaubliche Erfahrung für uns, ich kann's irgendwie immer noch nicht fassen, dass wir mit Eddie Vedder im Studio waren. Er war völlig entspannt, sehr nett und überhaupt nicht abgehoben. Es gibt nicht viele Leute in diesem Geschäft, von denen man das behaupten könnte. Er war einfach so, wie ich wollte, dass er ist. Ich meine: Das war ein Traum, der für mich in Erfüllung gegangen ist. Wir sind wunderbar miteinander ausgekommen und gemütlich was trinken gegangen. Alles lief auf eine ganz natürliche, vertraute Art und Weise ab. Anscheinend funktioniert Rockmusik also doch noch am besten, wenn sie von Freunden gemacht wird. Ja, von Menschen, die musikalisch und persönlich auf einer Ebene sind. Die intellektuelle Ebene ist zu vernachlässigen? Wenn der Typ, der die Texte schreibt, nicht völlig minderbemittelt ist, schon. Tourdaten: 13. Juli: St. Pölten (A), Vaz 14. Juli: Montreux (CH), Montreux Jazz Festival

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