„Eine Bar ist kein Club.“

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Herr Jackschenties, 80er, 90er oder 00er - in welchen Jahren gab es die besten Clubs in Berlin?
Jede Zeit hatte coole Läden. In den 80ern war die Clubszene allerdings wesentlich übersichtlicher. Deshalb war es auch einfacher für die Leute, sich über eine Musikrichtung oder ein Image zusammen zu finden. Heute gibt es unheimlich viele Clubs, so dass das Publikum fast schon überfordert von dem Angebot ist. Viele beschränken sich nun eher auf bestimmte Kieze. Jeder Bezirk, der zum ausgehen prädestiniert  ist, hat ja einen Laden für eine Zielgruppe zu bieten. Außer vielleicht Prenzlauer Berg.

Gleich um die Ecke vom Privatclub gibt es eine Kneipe, über welcher der Werbespruch einer Cola-Marke hängt: Koksen ist Achtziger. Was ist denn für Sie typisch 00er Jahre?
Typisch für die 00er-Jahre war die 60s- oder auch Retro-Szene, wie sie damals genannt wurde. Die gab es sogar schon Ende der 90er. Auch ich habe im Privatclub am Anfang  extrem viele 60s-Partys veranstaltet. Weil es cool war, weil die Szene sympathisch war und weil es die Hütte voll gemacht hat.

Was die Musik angeht, funktionierte ja auch Indie-Rock schon immer, oder?
Es funktioniert nicht jede Indie-Party. Aber ein paar feste Größen gibt es schon, in Berlin zum Beispiel den Karrera Klub (eine eigenständige Konzertagentur; d.Verf.). Die haben ja damals angefangen, diesen Sound zu spielen, auch im Privatclub. Deren erste Partys waren zwar nicht voll besucht, aber sie waren konsequent und haben immer weitergemacht.

Was bedeutet für Sie eigentlich Indie?
Das ist heute schwer zu sagen. Heute ist alles, was gitarrenlastig und nicht gerade extremer Mainstream ist, schon Indie. Indie ist heute ja schon fast Mainstream, da muss man sich nur mal die Charts angucken. Früher war Indie mehr Indie. Es gab kaum amerikanische Bands, fast ausschließlich britische. Die Briten haben diesen bestimmten Sound kreiert und waren Vorreiter in Sachen Indie.

Glauben Sie, dass die sogenannten Indie-Kids auch in den nächsten zehn Jahren auf das  next big thing aus Großbritannien abfahren werden oder kommt was Neues?
Ganz ehrlich: schon vor ein paar Jahren habe ich gedacht, irgendwann muss es doch mal damit vorbei sein. Aber es wird wohl noch eine ganze Weile so weitergehen. Mittlerweile gibt es allerdings so viele Bands, dass es immer schwieriger für sie wird, besonders zu sein. Das ist für eine Abgrenzung ja nötig.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert



Irritiert es Sie, dass die Clubgänger jetzt wieder so aussehen wie Sie damals in den 80ern?
Das bemerke ich gar nicht so sehr. Ich finde aber, dass sich so ein Indie-Outfit stark verbreitet hat, und zwar genauso wie Indie-Musik. Die erste Röhrenschnitthose fiel mir vor etwa fünf Jahren auf. Aber da die Indie-Szene ja keine extreme Szene ist, sind die dazugehörigen Outfits auch nicht wirklich extrem. Mehr als ein Seitenscheitel, Jeans oder
Cordhose, Turnschuhe und ein paar kleine Accessoires ist es ja nicht. Nur die jüngeren
Clubbesucher, also die zwischen 18 und 21, haben Ambitionen, sich extremer zu stylen.

Mal abgesehen von Musik und Klamotten inwieweit haben sich Indie-Kids in den 14 Jahren Privatclub in ihrer Erwartungshaltung verändert? Sind sie heute anspruchsvoller und wollen mehr bespaßt werden?
Jein. Es stimmt schon, dass der Anspruch wächst, was an dem größeren Angebot in der Clubszene liegt. Da gibt es ja heute die absurdesten Veranstaltungen an den absurdesten
Orten, die illegalen Partys mal mitgerechnet. Auch ich hatte im Privatclub schon schwierige Zeiten, zumindest einmal. In den Anfängen war der Club ja fast konkurrenzlos, es gab kaum einen anderen Laden in der Umgebung. Ich habe auch nie mein Konzept geändert. Ich wollte, dass der Privatclub kein Puristenclub wird, also kein Laden nur für eine Szene. Hier lief schon immer alles. Indie war von Anfang an ein Schwerpunkt, aber es gibt im Privatclub auch Electro- und Balkanmusik-Veranstaltungen. Wir bieten alles, wovon wir denken, dass es cool ist.

Sie haben schwierige Zeiten erwähnt. Wie genau sahen die denn aus?
Alle zehn Jahre gibt es in der Clubszene einen großen Generationenwechsel. Da brechen dann gefühlte 100 Prozent des Publikums weg. Die Leute, die dann 35 sind, einen Job und ein Kind gekriegt habe, kommen plötzlich nicht mehr. 2006 gab es einen dieser Generationenwechsel. DJs, die zehn Jahe lang vor vollem Haus aufgelegt und auch ihre eigenen Fans hatten, waren auf einmal nicht mehr angesagt. Weil ihr Publikum generell zu alt wurde und keine Lust mehr hatte, jedes Wochenende wegzugehen. Außerdem hat in dem Jahr in Friedrichshain und Kreuzberg ein neuer Laden nach dem anderen aufgemacht, das Lido und das 103 zum Beispiel. Es war ein unglaublich heißer Sommer, was die Sache noch schwieriger gemacht hat, und dann gab es auch noch die WM. Da kam einfach unheimlich viel zusammen, weshalb es für uns dann schlecht lief. Da mussten wir dann echt kämpfen.

Und wie haben Sie dann gekämpft?
Mir fiel es schwer, aber ich habe dann das komplette DJ-Line-Up ausgewechselt und jüngere DJs geholt, die der jungen Szene, die gerne ausgeht, einfach näher waren. Die haben dann teilweise auch ihre eigenen Leute in den Club geführt. Und ich habe gespart, in dem ich nicht nur als Veranstalter, sondern auch als Booker, Buchhalter, Tontechniker und Security-Mann gearbeitet habe. Außerdem habe ich einen Relaunche der Website durchgeführt und mich um ein neues Layout gekümmert. Obwohl ich in der Zeit kein Geld hatte, habe ich auch investiert, um mit einer noch besseren Technik die Konzerte voranzubringen. Ein Jahr lang hat diese Phase angedauert, und dann stand der Club wieder gut da.

Sie haben mal gesagt, Clubs und Bars sind sich ähnlich - alles dreht sich ums
Unterhalten, Kennenlernen und Trinken.
Das war auch mal so. Bis dann, so vor fünf, sechs Jahren, viele Bars zu Pseudo-Clubs wurden und einen DJ in die Ecke gestellt haben. Das hat aber meist nicht funktioniert, denn eine Bar ist nun mal kein Club und darf in der Regel auch gar nicht so laut sein, weil sie sich in nicht schallisolierten Wohnhäusern befindet. Und es ist ja auch so: Wenn die Leute in eine Bar wollen, dann gehen sie in eine Bar. Wenn sie in einen Club wollen, dann gehen sie in einen Club. Das entscheiden sie schon alleine.

Und das Trinken? Haben Sie im Trinkverhalten der Leute über die Jahre
Veränderungen bemerkt? Laut Statistik trinken 16-27-Jährigen ja immer mehr.
Das kann ich für unseren Club nicht bestätigen. Klar wird bei uns gefeiert, aber das hält sich in Grenzen. Und solche Sachen wie Flatrate-Saufen gibt es im Privatclub sowieso nicht. Die Leute, die das machen, sind eher in prolligen Läden unterwegs. Das einzige, was ich im Vergleich zu früher feststelle und was mich auch nervt - ist dieses Vorglühen. Viele stehen noch eine halbe Stunde mit ihren Bier-, Wein- oder Schnapspullen vor dem Club und trinken sich einen an, damit sie drinnen nicht so viel Geld ausgeben müssen. Wobei das bei uns eigentlich kein großes Problem ist, wir haben ja Kreuzberger Preise. Bei Läden, die teuerer sind, verstehe ich das aber auch ein bisschen. Ein Indie-Pop-Kind hat halt nicht so viel Geld. 

Mussten Sie eigentlich mal die Öffnungszeiten nach hinten verlegen, weil die
Diskogänger immer später in den Club kamen?
Ja, einmal haben wir das gemacht. Viele Jahre hatten wir ab 23 Uhr geöffnet, irgendwann dann eine halbe Stunde später. Weil wir vor der Party oft Konzerte veranstalten. Und wenn kein Konzert stattfindet, kommt vor zwölf eh keiner.

Nervt Sie das?
Ich fände es super, wenn wir um neun anfangen würden. Ich glaube sogar, dass wenn jeder Laden um neun aufmachen würde, es irgendwann funktionieren könnte und die Leute früher ausgingen.

Den Brunch am Mittag nach der Diskonacht gab es ja schon in den 80ern. Selbst Herr Lehmann, der im Film in der Markthalle, dem Lokal direkt über dem Privatclub, zu Gast ist, beschwerte sich über die späten Frühstücker
Ich bin 1986 ausgereist und nach West-Berlin gekommen, und da gab es schon Frühstück in Restaurants. Brunch noch nicht, das ist eher ein 90er-Jahre-Ding.

Herr Lehmann spielt in der Zeit, in der Clubs noch nicht gewollt ranzig waren, weil es Mode ist sondern weil sie eben ranzig waren. Vermissen Sie diese Zeit und deren Echtheit?
Ja, aber im Privatclub ist es ja anders. Der steht heute genauso da, wie vor 14 Jahren. Nur mit besserer Technik, was Ton und Licht betrifft. Der Privatclub sieht so aus, wie ich mir eine Wohnung mit wenig Geld einrichten würde. Also mit gebrauchten Möbeln, aber trotzdem gemütlich. Man spürt auch, dass da Herz drin steckt.

Den Privatclub kann man auch mieten. Wer mietet den denn so?
Leute mieten den Club für Geburtstags-, Weihnachts- oder Hochzeitsfeiern. Oder auch
Plattenfirmen für einen Showcase. Jetzt bald mietet ihn der Mati Gabriel, der bei X-Factor mitgemacht hat. Den kenne ich gut, ist ein alter Bekannter, und der wohnt hier auch in Kreuzberg. Er hat mir erzählt, er hätte 40.000 E-Mails bekommen, in denen es hieß, er solle mal ein Konzert spielen. X-Factor ist doof, aber Mati ist in Ordnung. Deswegen kriegt er den Club auch für sein Konzert. Indie ist ja inzwischen auch ein bisschen Mainstream!

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