"Eine Doktorarbeit kostet etwa 20.000 Euro"

Tomas Nemet schreibt gegen Bezahlung wissenschaftliche Arbeiten. Er nennt sich selbst einen "akademischen Söldner.
steffen-armbruster

Der akademische Söldner Thomas Nemet (40) ist Geschäftsführer der Acad Write International AG, die über die Seite www.acad-write.com wissenschaftliche Arbeiten gegen Bezahlung vertreibt. Er beschäftigt rund 400 freie Ghostwriter, die Texte bis hin zum Umfang von Dissertationen verfassen. Eine Grauzone: Nemet macht sich nicht strafbar. Für Kunden aber, die eine solche Arbeit unter ihrem eigenen Namen an der Uni abgeben, kann das eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren wegen Betrugs nach sich ziehen.

Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat in seiner rechtswissenschaftlichen Doktorarbeit mutmaßlich von anderen Wissenschaftlern abgekupfert. Denken Sie, er hat den Doktortitel trotzdem verdient?
In Unikreisen wird jedem eine Fehlerquote von fünf bis zehn Prozent zugestanden. Natürlich hat Herr zu Guttenberg eine Vorbildfunktion. Ob man deswegen fehlerfrei sein kann, kann ich nicht beantworten. Wenn es sich im normalen wissenschaftlichen Rahmen bewegt, würde ich den Titel nicht aberkennen wollen.

Es wird gemutmaßt, dass zu Guttenberg, weil er so viele Ämter gleichzeitig inne hatte, kaum Zeit hatte, eine mehrere hundert Seiten lange Abschlussarbeit quasi nebenher anzufertigen. Hatte er möglicherweise einen Ghostwriter?
Die Frage habe ich mir in der Tat natürlich auch gestellt. Ob er einen Ghostwriter hatte, kann ich nicht beantworten.

Kann es denn sein, dass eine Arbeit in der Größe dieser Dissertation von einem Ghostwriter angefertigt wird?
Absolut ist das möglich. Wir haben Arbeiten in diesem Umfang schon gestemmt. Das ist kein Problem.


Sie bieten also wissenschaftliche Texte von der Hausarbeit bis zur Dissertation an. Ich bestelle jetzt bei Ihnen eine Dissertation. Was passiert dann genau?
Das bieten wir nicht an. Ich muss das juristisch korrekt formulieren: Wir bieten wissenschaftliche Arbeiten von 10 bis 500 Seiten an. Ihre Arbeit soll dem Anspruch einer Dissertation nur genügen. Dann erstellen wir im ersten Zug ein Expose für Sie. Wenn das von Ihnen für gut befunden wurde, produzieren wir das Werk und werden Sie während des Bearbeitungsprozesses mit entsprechenden Teillieferungen versorgen, auf Ihr Feedback warten und das Werk fertig stellen. Das dauert circa sechs bis acht Monate. Gegebenenfalls auch länger.

Zu Guttenbergs Arbeit hat 475 Seiten. Was würde mich eine Arbeit ab 200 Seiten kosten? Der Kostenrahmen kann ganz erheblich sein. Es kommt immer auf die Forschungsmethode an. Ich kann aber gerne mal eine Hausnummer nennen: Bei dem Umfang müssten Sie Minimum mit 20.000 Euro rechnen, nach oben hin offen.

Worin liegt das Interesse für Ihre Kunden, eine solch umfangreiche Arbeit von Ihnen anfertigen zu lassen und 20.000 Euro zu investieren, wenn sie die Arbeit an der Universität nicht unter ihrem eigenen Namen abgeben können?
Ich muss das ganz knapp beantworten: Das kann mir egal sein. Oder anders formuliert: Ich bin in dem Fall ein akademischer Söldner und tue, was der Kunde wünscht.

Sie bewegen sich in einer Grauzone: Sie erstellen wissenschaftliche Texte gegen Bezahlung und tragen damit dazu bei, es den Menschen leicht zu machen, die Arbeiten unter ihrem eigenen Namen abzugeben. Wenn jemand 20.000 investiert, wird er das doch tun, oder?
Das kann durchaus sein. Ich bin keine staatliche Strafverfolgungsbehörde. Ich muss gestehen, dass der Kunde uns versichert, dass er das Werk nicht unter eigenem Namen abgeben wird. Wenn er damit anderes tut, muss er mit den Konsequenzen, die daraus folgen, leben. Ich weiß nicht, was die Leute mit den Texten anstellen und ich kann das ja auch nicht nachvollziehen. Aber man kann doch auch nicht den Messerlieferanten, mit dem Sie Ihre Schwiegermutter um die Ecke gebracht haben, dafür haftbar machen, dass er das Messer produziert hat.

Arbeiten Ghostwriter so sauber, wie es von Wissenschaftlern verlangt wird oder wird auch unter Ghostwritern manchmal abgeschrieben?
In unserem Haus ist so etwas nicht aufgetreten. Wir benutzen Plagiatssuchsoftware, um zumindest grobe Schwindeleien aufdecken zu können. Andererseits prüfe ich unsere Mitarbeiter natürlich auf Herz und Nieren. Für den größten Teil meiner Mitarbeiter kann ich selbstverständlich die Hand ins Feuer legen, dass keinerlei Abkupferei vorkommt.

Sie waren früher selbst Ghostwriter. Was macht den Reiz an dieser Arbeit aus?
Man beschäftigt sich ständig mit Neuem, taucht in neue Wissensgebiete ein, muss sich zwangsläufig mit Sachen befassen, von denen man vielleicht noch nie etwas gehört hat und die man dann doch ganz spannend findet.

Für welche Themengebiete haben Sie Arbeiten angefertigt?
In die harte BWL bin ich nicht hinein. Ein Schwerpunkt lag rein in der Philosophie und im soziologischen Bereich. Für Geschichte war ich natürlich auch dankbar. Randbereiche der BWL konnte ich auch bedienen – alles was zum Beispiel in die Organisationskultur und so weiter ging.

Wo haben Sie denn Ihren Universitätsabschluss gemacht?
In Deutschland.

Und an welcher Uni genau?
Muss ich das sagen? Nicht dass Sie mir einen Strick daraus drehen und er mir aberkannt wird.

Wieso? Haben Sie plagiiert oder einen Ghostwriter für Ihre Arbeit verwendet?
Wissen Sie, die Ehrbarkeit in Deutschland geht doch über alles...

Haben Sie für Ihre Abschlussarbeit in Philosophie einen Ghostwriter verwendet?
Nein. Das würde ich nicht machen.

Die Umsätze Ihrer AG haben in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Derzeit beträgt der Jahresumsatz zwischen 800.000 und einer Million Euro. Wie erklären Sie sich diesen Boom?
Durch Marketingmaßnahmen, die wir am Markt einbringen. Es ist natürlich auch eine Nachfrage vorhanden. Ich will nicht sagen oder mutmaßen, dass die Nachfrage verstärkt auftritt. Ich würde sagen, wenn man einen Markt entsprechend bedient, dann gibt es auch eine höhere Nachfrage. Nebenbei bemerkt ist Ghostwriting so alt, wie die Wissenschaft selbst. Garantiert ist das auch auf den Leistungsdruck in der Gesellschaft zurückzuführen und die Bologna-Reform spielt ebenfalls mit hinein. Viele Studenten erhalten vielleicht nicht mehr die richtige Ausbildung an der Hochschule.

Für welche Fachbereiche kommen denn die meisten Anfragen Ihrer Kunden?
Der Bereich BWL ist stark gefragt. Auch Sozialwissenschaften oder Literaturwissenschaften und vor allem auch die Rechtswissenschaften.

Text: steffen-armbruster - Illustration: Christopher Stelmach

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