"Eine eigene Welt“: Geschichten von Zartheit, Exzess und Zerstörung

„Wir werden nie aufhören so zu leben.“ Das Zitat von Rainald Goetz, mit dem der Film „Feiern“ endet, ist gleichermaßen Versprechen wie auch unausgesprochenes Motto einer Technogemeinde jenseits aller Love-Parade-Klischees, für die es keine Seltenheit ist auch mal 72 Stunden durchzufeiern. Die Berliner Regisseurin Maja Classen stellt in Interviews die Menschen rund um den Berliner Technoclub „Panaroma Bar“ vor, die den Tag zur Nacht machen und die dabei nicht nur die Musik vorwärts treibt. jetzt.de sprach mit Maja Classen über ihren Film und über Leute, von denen der DJ Ewan Pearson sagt, „sie würden auch weitertanzen, wenn jemand mit einem Kochlöffel auf einen Suppentopf schlägt, solange es im Takt sei.“
tobias-wullert

Im Presseinfo zu deinem Film heißt es „Techno ist zurück“. Wo war er denn die ganze Zeit? Techno hat es natürlich die ganze Zeit gegeben, aber die Szene, die ich beleuchte, findet doch mehr im Underground statt. Der kommerzielle Höhepunkt von Techno war schon Mitte der Neunziger Jahre und das stumpfe Klischee vom Raver mit den Zelthosen und dem Mädchen mit dem Sonnenblumen-Bikini auf dem Love Parade Truck das damals in den Medien entstand, spiegelt nicht die Szene wieder, die ich portraitieren wollte. Die Leute, um die es sich bei meinem Film dreht, sind älter und gehen auch sehr reflektiert mit ihrem Drogenkonsum um. Sie wissen um die Risiken, lassen sich aber ganz bewusst drauf ein. Sie sind zum großen Teil zwischen 25 und 35 Jahren alt und viele sind gleichzeitig mit Techno älter geworden. Mein Vorsatz war auch nicht, einen repräsentativen Durchschnitt der Szene zu schaffen, sondern interessante Leute zu finden und zu portraitieren.

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Illustration: Julia Schubert

Gehst du selber oft in die Panorama Bar oder wie kamst du mit der Szene in Berührung? Ich wurde so Ende 2002 in die alte Panorama Bar mitgenommen und fand es dort total beeindruckend. Dann hat sich das Thema weiter entwickelt: Ich hatte das Projekt erst als halbfiktionale Story gedacht, die ich erzählen wollte, damit sich die Personen dahinter verstecken können. In Einzelgesprächen habe ich dann aber erfahren, dass die Leute selber ein Bedürfnis haben, über ihre Erfahrungen und Erlebnisse zu sprechen. Wie bist du dramaturgisch im Film vorgegangen? Die Dramaturgie ist chronologisch so angelegt, dass es mit dem ersten beeindruckenden Techno-Erlebnis von jeder Person beginnt und diese aber so zusammen montiert wurden, als ob sie einen einzelnen Abend beschreiben würden. Diese Montage funktionierte erstaunlich gut und es hat auch total Spaß gemacht das auf diese Art zusammenzufügen. Am Anfang des Films sieht man eine Szene, in der Du versuchst ein Fenster zu filmen, hinter dem ein paar tanzende Silhouetten zu erkennen sind. Selbst dabei wurdest du freundlich aber bestimmt von der Security darum gebeten, das nicht zu filmen. Du durftest im Berghain und der Panorama Bar überhaupt nicht filmen. Wie bist du mit diesem Handicap umgegangen? Zuerst wollte ich eigentlich auch nur die Schlange bei der Wiedereröffnung filmen und auch dabei wurde ich schon weggeschickt. Ich habe dann stattdessen stellvertretend in anderen Clubs wie dem Watergate oder auch in verschiedenen Open-Air-Locations in Berlin gedreht. Es ist eben auch eine geheime, halblegale Welt, um die sich der Film dreht. Ich musste da ganz vorsichtig sein, dass keine Grenzen überschritten werden und man niemand vorführt oder verletzt. Am Anfang und am Ende des Films hast Du jeweils ein Rainald Goetz-Zitat verwendet. Das Buch „Rave“ von Rainald Goetz war eine wichtige Inspiration für den Film. Deswegen habe ich Zitate daraus verwendet. Er hat es geschafft, diese Erfahrung und diese Welt in ein Medium umzusetzen. Ich habe mir auch sehr viel Gedanken über die Umsetzung gemacht, und dafür entschieden, das ich gar nicht versuchen will, die Erfahrungen nacherlebbar zu machen, sondern ich wollte eher versuchen dahinter zu kommen, was für Sehnsüchte für die Leute im Nachtleben eine Rolle spielen.

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Illustration: Julia Schubert

Du hast deine Interviewpartner nicht während des Feierns oder während der After Hour gefilmt, sondern zu Hause in einer entspannten Wohnzimmeratmosphäre. Hast du es dadurch geschafft, das sie Dir auch so ganz private oder intime Dinge wie ihre Drogen- oder Suchterfahrungen erzählt haben? Ich habe versucht Ihnen ein großes Gefühl von Sicherheit zu geben, deswegen habe ich die Leute sehr direkt gefragt. Ihnen aber auch gesagt, dass sie jederzeit „Nein“ sagen können. Auch hatten sie die Möglichkeit, nachdem sie noch mal drüber geschlafen haben, Aussagen zu einem späteren Zeitpunkt zurückzunehmen.


Du beschäftigst dich in deinem Film nicht nur mit der glamourösen Fassade, sondern auch mit den dunkleren Seiten. Die „Friede, Freude, Eierkuchen“- Atmosphäre, die zu Anfang des Films unter den Szeneleuten herrscht, kippt gegen Ende immer mehr ins Gegenteil um. Für mich war ganz klar: Es kann kein Werbefilm über das Feiern werden. Ich finde die schillernde Seite toll und faszinierend und das wollte ich auch darstellen, diese eigene Welt. Das darf man aber nicht alleine stehen lassen. Denn es gibt eben auch Leute, die darin verloren gehen oder daran zerbrechen.

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Illustration: Julia Schubert

Bleibt einem diese „Feiern“-Welt verschlossen, wenn man keine Drogen nimmt? Es gibt Leute, die überhaupt keine Drogen nehmen, oder damit aufgehört haben, aber nicht auf die Musik und das Tanzen verzichten wollen, die ausschlafen und dann erst morgens kommen. Aber das ist eher die Ausnahme, würde ich sagen. Ist dieses Phänomen deiner Meinung nach nur in Berlin in dieser Weise möglich? Ich denke, in Berlin wird am exzessivsten gefeiert. Viele DJs und Produzenten ziehen deshalb von überall aus der Welt hierher. Aber die Aussage, die DJ Ricardo Villalobos in meinem Film trifft, wo er meint, dass er keinen kennt, der um 9 Uhr im Büro sitzen muss und die Berliner höchstens so Verpflichtungen haben, wie eine Frühstücksverabredung am Mittag oder ein Bild zu malen, das ist natürlich etwas übertrieben. So lebt nur ein ganz exklusiver Kreis. Dennoch gibt es in Berlin vielleicht mehr Freiberufler, Kreative, Studenten, die sich ihre Arbeitszeiten selbst einteilen können. Ein Phänomen der Panorama Bar ist, dass sie in einem explizit schwulen Kontext existiert. Das alte Ostgut, der Vorgänger des Berghain, ist aus schwulen Sex-Partys hervorgegangen und später hat sich das dann doch immer mehr mit Hetero-Publikum vermischt. Unten im Berghain gibt es auch einen Darkroom und auf der anderen Seite des Gebäudes das Lab, in das ich als Frau gar nicht reinkomme. Da ich dort nicht drehen konnte, habe ich dafür stellvertretend die Bilder des Fotografen Wolfgang Tillmans verwendet. Die After Hour, also das Feiern nach der Party, ist eine eigene Welt, wie hast Du selber After Hours erlebt? Sehr unterschiedlich. Es gibt da ganz verschiedene Ausprägungen, je nachdem, ob eine After Hour öffentlich oder privat stattfindet. Es gibt After Hours, die sich von anderen Parties kaum unterscheiden, außer dass sie am Sonntag stattfinden. Bei den privaten Chills kann es sehr intim werden oder auch völlig aus dem Leim gehen. Ich wurde auch schon mit der Kamera auf solche Veranstaltungen eingeladen, aber das habe ich abgelehnt, denn ich finde, dass es Bereiche gibt, die einfach nicht öffentlich sichtbar werden müssen. Selbst wenn die Leute es in dem Moment witzig finden, würden sie es im nüchternen Zustand vielleicht bereuen. Der Film „Feiern“ erschien am 3. November auf DVD. Foto: privat; www.feiern-film.de

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