Florian Thalhofer, 36, ist Regisseur des Films Vergessene Fahnen. Nach der Fußball-WM 2006 fuhr er zusammen mit Juliane Henrich durch Deutschland und befragte Menschen, warum sie noch immer an ihrem Haus die Deutschlandfahne hängen haben. Am Anfang der Reise stand ein ungutes Gefühl Wie kam es zu dem Projekt? Noch Monate nach der Weltmeisterschaft sah ich jeden Tag von meinem Küchenfenster aus die Deutschlandfahne meines Nachbarn hängen. Hat Dich das gestört? Am Anfang fand ich es kurios, aber mit der Zeit hat es mich immer mehr gestört. Warum? Das weiß ich nicht genau. Ich kann es bis heute nicht richtig benennen. Als ich dann losfuhr, um mit Leuten darüber zu sprechen, wollte ich auch das herausfinden. Die Tatsache, dass es mich stört, steckt in mir drin. Ich finde es seltsam ein Staatssymbol vor der Tür hängen zu haben.. Wir haben dann als erstes bei meinem Nachbarn an der Tür geklingelt und mit ihm gesprochen. Das war sehr toll. Insgesamt fuhren wir dann 10 Tage durch Deutschland und befragten Menschen in fast allen Bundesländern, was die Fahne für sie bedeutet. Fast alle Menschen, mit denen wir auf der Reise sprachen, waren auf ihre Art sehr liebenswert Die Leute gaben die unterschiedlichsten Gründe an, warum sie die Fahne noch hängen hatten. Aber eigentlich nichts, was in irgendeiner Form erschreckend sein könnte. Gab es eine Quintessenz? Etwas, das alle Erklärungen gemeinsam hatten? Oder waren sie vollkommen unterschiedlich? Die Beweggründe waren sehr unterschiedlich. Viele sagten, sie schätzten das Sozialsystem. Sehr schön fand ich die Aussage von Herr Mendel, genannt Mendelssohn, aus Leipzig. Er sagte: Ich habe die Fahne nicht für Deutschland, sondern Deutschland zum Trotz hängen. Was meinte er damit? Der Mann war in der DDR aufgewachsen und hatte dort Probleme mit dem Regime. Als dann die Wende kam, wurde es aber nicht besser. Herr Mendel hatte immer seinen eigenen Kopf.

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Gab es niemanden, bei dem der „innere Nazi“ heraus gekrochen kam? Es gab einen, der wirklich schlimme Dinge sagte. Er war sehr jung, betrunken und auch nicht besonders helle. Ich hatte eher den Eindruck: Das ist ein dummer Junge, der dummes Zeug redet Die Argumentation von „Fahnenfans“ lautet meistens: „In anderen Ländern ist es ganz normal, die Fahne aus dem Fenster zu hängen. Warum also sollten wir Deutsche damit ein Problem haben?“ Das kann ich so nicht bestätigen. Ich bin viel gereist und habe den Film oft im Ausland gezeigt. Ich kann nur sagen: Das Verhältnis zur Fahne ist in jedem Land kompliziert. Du kannst nirgendwo auf der Welt die Fahne aus dem Fenster hängen und es bedeutet nichts. Es ist überall ein aufgeladenes Symbol, an dem sich die Geister scheiden. Das ist in Spanien so, in Polen, in der Türkei und auch in Indien. Heißt das, dass sich Deutschland in seinem zwiespältigen Verhältnis zur eigenen Fahne nicht von anderen Ländern unterscheidet? Es „normalisiert“ sich offensichtlich, aber ich finde das schade. Weshalb? Weil ich die Deutschen gerade wegen ihrer kritischen Einstellung sehr schätze. Ich bin sehr gerne Deutscher und für mich gehört eben dazu, ein nicht so eindeutige Einstellung zu diesem Land zu haben. Was bedeutet Deutschsein für Dich? „Germans don’t dance“. Auf einer Party sind es meistens die Deutschen, die in einer Ecke stehen und tiefsinnige Gespräche führen. Das ist zwar ein altes Klischee, aber für mich trifft es zu – und ich mag tiefsinnige Gespräche. Hat sich bei Dir persönlich durch die Arbeit an dem Film etwas verändert? Die ersten drei Monate danach, ja. Später kam das ungute Gefühl wieder zurück und ist bis heute geblieben. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich für Fußball nicht interessiere, und die deutsche Fahne nicht als Fußballfahne begreifen kann. Konntest Du herausfinden, woher dieses Unbehagen kommt? Naja, weil ich eben kritisch erzogen wurde und mir, wie vielen anderen sehr bewusst ist, wie leicht nationale Symbole missbraucht werden können. Man kann den Film online ansehen. Allerdings ist es etwas gewöhnungsbedürftig… Das liegt an dem „Korsakow-System“. Ich habe eine Software zu entwickelt für nichtlineare Erzählstrukturen. Der Film besteht aus vielen Einzelszenen und dieser Software setzt die einzelnen Szenen immer wieder neu zusammen, so dass man den Film jedes Mal in einer anderen Reihenfolge sieht.