"Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht."

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Den Namen Truvada dürften wir in Zukunft häufiger hören. Das Aids-Medikament könnte nämlich die erste Anti-HIV-Pille werden. Mit der Expertenempfehlung steht Truvada kurz vor der Zulassung auch für die Präventionsarbeit. Die FDA, die zuständige US-Behörde, richtet sich in der Regel nach den Empfehlungen. Annette Haberl ist Vorstandsmitglied der Deutschen AIDS-Gesellschaft. Sie hält die verstärkte Prävention trotz aller Schwächen für sinnvoll - glaubt aber nicht, dass Truvada demnächst auch in Deutschland eingesetzt wird. Ein Interview.

jetzt.de: Frau Haberl, können wir nun eine Pille schlucken statt ein Kondom zu benutzen, um uns vor der Ansteckung mit HIV zu schützen?
Annette Haberl: Nein, das heißt es sicherlich nicht. Und für Deutschland schon mal gar nicht. Unsere strukturelle Prävention funktioniert hervorragend.  Es ist nicht so, dass wir hierzulande auf „die Pille davor“ gewartet haben. Aber es gibt andere Länder und andere Gesundheitssysteme, wo es durchaus Sinn machen könnte, die Pille in der HIV-Prävention einzusetzen. Beispielsweise auch in einigen Regionen in den USA. Das Gesundheitssystem dort kann man nicht mit unserem vergleichen, der Zugang zu Medikamenten  zum Beispiel ist für Risikogruppen schwieriger als  in Deutschland. Deshalb haben sich auch die Communities also die Menschen und Organisationen, die sich für die Rechte von Menschen mit HIV einsetzen, dort für die Zulassung von Truvada für die Prävention stark gemacht.
 
Wie gut schützt das Medikament vor einer HIV-Infektion?
In verschiedenen Studien hat sich gezeigt, dass das Kombinationspräparat Truvada auch einen präventiven Effekt hat, also bei ungeschütztem Sex mit einem infizierten Partner vor einer HIV-Infektion schützen kann. Die Schutzwirkung liegt in den verschiedenen Studien zwischen 44 und 73 Prozent – je nachdem, wie zuverlässig jemand die Pille schluckt. Je zuverlässiger man das Medikament einnimmt, desto höher ist die Wirksamkeit. Das sagt aber noch nicht sicher, wie gut sich diese Pille im Alltag bewährt. Im Rahmen einer Studie nehmen die Teilnehmer ein Medikament nämlich in der Regel besonders zuverlässig ein. 

Default Bild

Illustration: Julia Schubert


 
Anders gesagt: Der Schutz durch „die Pille davor“ ist also längst nicht so gut wie durch ein Kondom.
Ja, das kann man so anhand der Studienlage sagen. Ein Kondom senkt das Risiko einer Infektion um bis zu 95 Prozent- auch da gibt es natürlich eine gewisse Schwankungsbreite, bedingt durch Anwendungsfehler. Noch besser als das Kondom funktioniert nur HIV-Therapie als Prävention. Stellen Sie sich ein Paar vor, bei dem ein Partner infiziert ist und einer nicht. Wenn der Infizierte eine Therapie erhält und dadurch seine Virusmenge unter der Nachweisgrenze liegt, senkt das für den gesunden Partner das Risiko einer HIV-Übertragung um 96 Prozent, also noch einen Ticken besser als das Kondom. Was man aber auch klar sagen muss: Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht.  Aber natürlich kann man sich durch sein eigenes Risikoverhalten besser oder schlechter schützen.
 
Schafft die Einführung der Pille denn nicht ein trügerisches Sicherheitsgefühl, so dass Menschen auf bessere Schutzstrategien zu verzichten?
In Deutschland steht das derzeit ja überhaupt nicht zur Diskussion, dass „die Pille davor“ in großem Stil eingeführt wird. Auch die Communities bei uns stehen der „Pille davor“ eher kritisch gegenüber. Einzelne könnten auch bei uns von Truvada zur Vorbeugung profitieren, ebenso wie für bestimmte Risikogruppen in anderen Ländern diese Form der Prävention durchaus sinnvoll sein könnte. 
 
An wen soll die Pille dort verschrieben werden?
An Menschen, die zu einer Gruppe mit einem hohen Risiko gehören, sich bei ungeschütztem Sex mit HIV zu infizieren. Zum Beispiel Männer, die häufig ungeschützten Sex mit mit wechselden Sexualpartnern haben, vielleicht auch noch in „Hotspots“ mit besonders hoher HIV-Prävalenz, wie das z.B. in Teilen von San Francisco oder New York der Fall ist.  Eben überall dort, wo die Prävalenz von HIV, sehr hoch ist. Wenn Menschen dort das wünschen, können sie sich durch die Einnahme von Truvada ihr Infektionsrisiko vermindern.
 
Die Versorgung mit Truvada kostet 11.000 Dollar pro Patient und Jahr. Von der Summe könnte man auch sehr viele Kondome kaufen.
Ja, oder man könnte auch bereits erkrankte Menschen behandeln. Ich kann mir daher nicht vorstellen, dass eine solche Form der Prävention bei uns eine Kassenleistung werden könnte und dass es eine Solidargemeinschaft übernehmen kann, das zu finanzieren. Aber ich glaube auch, dass es Menschen gibt, die bereit wären, diese Kosten selbst zu tragen, wenn sie dazu finanziell in der Lage sind. Man sollte die Frage nach dem Einsatz in der Prävention aber nicht auf ein Kostenproblem reduzieren. Die wichtigeren Fragen sind beispielsweise: Wie häufig sollte man dann HIV-Tests machen bei den Behandelten? Wie sollte die begleitende Beratung aussehen? Die Kostenfrage steht da erst ganz am Schluss.
 

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Annette Haberl von der Deutschen AIDS-Gesellschaft

Wie funktioniert die Pille gegen HIV?
Truvada ist ein Kombinationspräparat aus zwei Wirkstoffen. Die beiden Substanzen verhindern die Virusvermehrung in einer Zelle, wenn das Virus zwar bereits in die Zelle eingedrungen ist, aber noch nicht in die Wirts-DNA integriert ist. Dadurch wird die Ausbreitung des Virus im Körper und damit das Angehen einer Infektion verhindert.
 
Was ist mit den Nebenwirkungen?
Bei den beiden Wirkstoffen handelt es um insgesamt recht gut verträgliche Substanzen, aber bei der Einnahme kann es beispielsweise zu einer negativen Beeinflussung des Knochenstoffwechsels kommen oder  auch zur Beeinträchtigung der Nierenfunktion. Allerdings können wir die Langzeitauswirkungen für gesunde Menschen derzeit noch gar nicht einschätzen.
 
Besteht nicht auch die Gefahr, dass sich vermehrt Resistenzen entwickeln, wenn dieses Medikament jetzt viel häufiger verschrieben wird?
Es besteht auf jeden Fall die Gefahr, dass sich eine Resistenz entwickelt, wenn sich jemand während der Präventionsbehandlung mit HIV infiziert, die Infektion aber nicht entdeckt wird und weiter Truvada eingenommen wird. Eine Zweifachkombination ist nämlich nicht geeignet für eine dauerhafte erfolgreiche Behandlung einer HIV-Infektion. Wenn dann nicht mehr alle vorhandenen Medikamente anschlagen, fallen als Folge bestimmte Behandlungsoptionen für die Betroffenen weg.
 
Wenn man liest, dass in Studien getestet wurde, dass unter einer bestimmten Therapie die Infektionsrate gesenkt wurde, fragt man sich auch immer, wie man solche Studien ethisch ordentlich durchführen kann. Die Gruppen setzen sich schließlich dem Risiko einer Infektion aus.
Die Menschen machen natürlich freiwillig bei einer solchen Studie mit, werden über alle Risiken aufgeklärt und unterschreiben eine entsprechende Einwilligungserklärung. Alle diese Studien werden selbstverständlich nach den geltenden internationalen Standards durchgeführt. Das heißt es gibt ein Ethik-Votum und eine Kommission hat sich die Studie genau angeschaut und ihre Zustimmung dazu gegeben.
 
Hat das Bewusstsein nachgelassen, dass man sich vor HIV schützen muss, weil AIDS inzwischen besser behandelbar ist?
Das Thema HIV ist in manchen Bevölkerungsgruppen nicht mehr so präsent wie früher. Ich sehe das z.B. häufiger bei schwangeren Frauen, die ihr positives Testergebnis im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge bekommen und völlig ungläubig vor mir sitzen und fragen: Wie kann das denn sein? Ich hatte doch alles andere als ein wildes Sexualleben. Dass man sich auch bei einem heterosexuellen, ungeschützten Kontakt mit HIV infizieren kann, dieses Bewusstsein ist leider nicht bei allen da. Aber insgesamt nachgelassen hat es bei uns sicherlich nicht. Das  Leben mit HIV ist deutlich normaler geworden ist, weil die Patienten inzwischen eine fast normale Lebenserwartung haben und auch mit der Infektion z.B. über Familienplanung nachdenken können. Wir haben in Deutschland keine steigenden, sondern gleichbleibende Neuinfektionsraten – auf einem Niveau, das im internationalen Vergleich sehr niedrig ist. Trotzdem dürfen unsere Anstrengungen in der Prävention nicht nachlassen.

Text: juliane-frisse - Foto: ap

  • teilen
  • schließen