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30. April 2009. Gegen elf Uhr morgens erreicht die Regensburger Polizei ein Notruf. Ein junger Mann sagt, er werde von seinem Mitbewohner bedroht. Als die Polizei am Einsatzort eintrifft, ist der Anrufer in ein nahe gelegenes Sonnenstudio geflüchtet. Im Hausflur treffen die Beamten auf den 24-jährigen Musikstudenten Tennessee Eisenberg. Wie die Ermittler später berichten, drängt Tennessee einen der acht Polizisten mit einem Küchenmesser in die Enge. Zwei Beamte schießen sechzehn Mal. Zwölf Kugeln treffen den Studenten, zwei davon in den Rücken (jetzt.de berichtete).

Drei Jahre später ist noch immer unklar, was an jenem Tag geschah, als Tennessee Eisenberg starb. Der Grund: Ein Verfahren gegen die am Einsatz beteiligten Beamten hat es nie gegeben. Sämtliche Klagen der Familie Eisenberg wurden abgewiesen. Die Begründung der Staatsanwaltschaft: Die Todesschützen haben aus Notwehr gehandelt. Bis heute können die Angehörigen nicht glauben, dass sich ausgebildete Polizeibeamte nur mit tödlichen Schüssen gegen den Studenten wehren konnten. Um zu erfahren, was damals wirklich geschah, möchten sie bis vor den Europäischen Gerichtshof ziehen, auch eine Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht haben die Anwälte der Familie eingelegt. Die Entscheidung, ob es zu einer Anklage gegen die Polizisten kommt, kann allerdings Jahre dauern. Die Erfolgsaussichten sind gering. Gut möglich, dass der Tathergang nie geklärt werden wird.

Damit Tennessee Eisenbergs Tod nicht in Vergessenheit gerät, bringt das Regensburger Studententheater in dieser Woche ein Theaterstück auf die Bühne. Der Titel „Zwölf zu Null“ erinnert an die zwölf Todesschüsse, auch der Inhalt ist angelehnt an den Fall Eisenberg: Um gegen die Polizeigewalt zu demonstrieren, sprüht der empörte Student Henry das Konterfei seines getöteten Kommilitonen an die Hauswände der Regensburger Altstadt. Als er von einem Polizisten dabei erwischt wird, kommt es zu einem ungewöhnlichen Deal. Der Beamte lässt Henry gewähren, falls er sich bereit erklärt, zusätzlich auch einige polizeifreundliche Bilder an die Wände zu sprayen. Dem Beamten geht es offenbar um die Bereinigung seines Gewissens, gleichzeitig möchte er den guten Ruf der Polizei wiederherstellen. Das Theater ist der Versuch der Regensburger Studenten, den Tod ihres Kommilitonen künstlerisch zu verarbeiten. Das Besondere an der Inszenierung: Die Studenten verzichten auf politische Meinungsmache. Sie stellen Fragen statt spekulative Antworten darauf zu liefern, was rund um den Tod Tennessee Eisenbergs wirklich geschah. Im jetzt.de-Interview erzählt Drehbuchautor Thomas Spitzer, 23, weshalb er trotz des ernsten Hintergrundes auf geradezu provokanten Humor und Sprachwitz setzt statt auf politische Aufklärung. 


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Thomas Spitzer


jetzt.de: Thomas, du hast ein unterhaltsames, humorvolles Theaterstück geschrieben über einen traurigen Vorfall: die tödlichen Polizeischüsse auf den Studenten Tennessee Eisenberg. Wie passt das zusammen?
Thomas Spitzer: Am Anfang erschien es mir selbst als purer Wahnsinn, ein Stück über diesen Fall zu schreiben. Irgendwann war mir klar, dass ich es nur machen kann, wenn ich es humorvoll verpacke. Einfach deshalb, weil ich den Überraschungseffekt für wichtig halte. Wenn man als Zuschauer reinkommt und genau das zu sehen bekommt, was man erwartet, kann man sich so ein Stück eigentlich auch sparen.

Welches Ziel verfolgst du damit?
Die Idee stammt vom Regisseur Roland Weisser, der einige Demos für die Aufklärung der Todesschüsse organisiert hat. Ihm war es wichtig, dass die Aufmerksamkeit für den Fall wieder zurückkommt. Das war die Vorgabe, die ich versucht habe umzusetzen. Denn was damals passiert ist, ist in den letzten drei Jahren in Vergessenheit geraten. Für mich ist Entertainment eine wirksame Waffe, um das Thema in die Köpfe der Menschen zurück zu holen. Manchmal ist es eben sinnvoller zu unterhalten als zwei Stunden lang die Moralkeule zu schwingen oder auf die Tränendrüse zu drücken.

Also geht es dir schlicht um Provokation?
Es ist gar nicht möglich, sich zu diesem heiklen Thema zu äußern, ohne provokant zu sein. Aber mir ging es nie darum, allein zu provozieren. Im Ernst: Es gibt doch nichts Schlimmeres als Provokation der Provokation wegen. Die Zeiten, in denen man sich im Theater in Alufolie einhüllt und gegenseitig anpinkelt, sind vorbei. Wenn mein Stück provokant ist, dann eher deshalb, weil es zahmer daherkommt als mancher Hardliner erwarten würde.

Das Stück beleuchtet auch die Seite der Polizisten, die geschossen haben. Warum war dir das wichtig?
Über ein paar Ecken kenne ich den ein oder anderen Polizeibeamten. Aus deren Erzählungen weiß ich, dass ein Mensch, der mit dem Rücken zur Wand steht, enorme Kräfte freisetzen kann. Und dann kann es eben sein, dass er selbst Schüsse nicht spürt.

So ist ja auch die Darstellung der Polizei im Fall Tennessee Eisenberg, den angeblich erst die zwölfte und letztlich tödliche Kugel in seiner Aggressivität stoppen konnte.
Es gibt auch Erzählungen von Autounfällen, nach denen Leute rumlaufen und ihren Arm suchen, ohne zu merken, dass er ab ist. In solchen Ausnahmesituationen ist es auch für die Polizisten brutal schwer, angemessen zu reagieren. Das sind Aspekte, die ich zwar nicht in den Vordergrund gestellt habe, aber trotzdem berücksichtigen wollte.

In den vergangenen drei Jahren haben Regensburger Studenten immer wieder für die Aufklärung des Falles demonstriert. Trotzdem machst du dich in deinem Stück auch ein wenig über diese Demonstranten lustig. Warum?
Weil es eben viele Studenten gibt, die nur bei Demos mitlaufen, um morgens schon einen Grund zu haben, Bier zu trinken und pauschal gegen die Polizei zu hetzen. Die üblichen Verdächtigen eben, die immer dabei sind, wenn irgendwo demonstriert wird. Dabei gibt es in meinen Augen nichts Sinnloseres als T-Shirts, auf denen Sprüche stehen wie „Don't kill our students!“. Auf diese Schiene wollte ich beim Schreiben des Stückes ganz bewusst nicht.

Trotzdem gibt es Menschen, die auf die Straße gehen, weil Ihnen der Fall wirklich am Herzen liegt. Diese Leute werden sich wohl ziemlich verhöhnt vorkommen, wenn sie diese Woche ins Theater gehen.
Diese Leute meine ich nicht, sondern solche, die ich auch beim Aufhängen der Theaterplakate getroffen habe. Es war sehr interessant, in welcher Art und Weise manche Passanten mit mir über das Thema Eisenberg geredet haben. Plötzlich kamen dann Sätze wie: Ich finde es auch scheiße, dass Marihuana nicht legalisiert wird. Bei politischen Themen mischen sich eben immer Dinge mit rein, die mit der eigentlichen Sache nichts zu tun haben. Das gilt übrigens auch für die pauschalen Urteile der Hardliner. Auf ein Plakat hat zum Beispiel jemand „Selber schuld!“ drauf geschrieben – als Botschaft an Tennessee Eisenberg. Auch solche Reaktionen gibt es.

Die tödlichen Polizeischüsse waren für ein paar Tage eines der beherrschenden Themen in den Massenmedien. Warum ist der Fall sogar unter den Regensburger Studenten weitgehend in Vergessenheit geraten?
Hier an der Uni ist es ganz extrem. Viele Studenten wissen gar nicht mehr, wer Tennessee Eisenberg war. Selbst einige der Schauspieler wussten es nicht. Das liegt einerseits sicher daran, dass viele Studenten hier in Regensburg nicht so politisch aktiv sind wie in mancher Großstadt. Andererseits ist es inzwischen aber auch drei Jahre her, genauso lange wie ein Bachelorstudium dauert. Das ist jetzt eben eine andere Generation von Studenten.

Wäre es nicht gerade deshalb wichtig gewesen, an die Fakten zu erinnern, statt auf Unterhaltung zu setzen, die bisweilen völlig unpolitisch daherkommt?
Der Fall wurde nie vor Gericht verhandelt, sämtliche Klagen der Familie gegen die Polizei von der Staatsanwaltschaft abgewiesen. Wenn also nur die beiden Polizisten, die geschossen haben, wissen, was wirklich passiert ist, dann macht es doch für mich als Drehbuchautor keinen Sinn zu spekulieren. Außerdem ist die Thematik doch realistisch, die Positionen sind aus dem Leben gegriffen. Nur die Figuren sind rein fiktiv, auch der Name Tennessee Eisenberg fällt nicht. Denn wir mussten zwar eine klare Assoziation aufbauen, wollten aber gleichzeitig nicht respektlos sein.

Habt ihr Tennessee Eisenbergs Angehörige um ihre Zustimmung für das Theaterstück gefragt?
Wir haben es versucht, indem wir Tennessees Bruder angeschrieben haben. Aber es kam keine Antwort zurück. Und dann musste die Entscheidung schnell fallen, ob wir das Stück machen oder nicht. Letztlich haben wir uns auch deshalb dafür entscheiden, weil der Fall als solcher – also das Nachspiel – in gewisser Hinsicht für alle da ist und mit der Person nichts zu tun hat.

Möglicherweise ist die Nicht-Reaktion der Angehörigen als Nicht-Zustimmung zu deuten.
Vielleicht, aber als Autor war für mich eine gewisse Distanz auch notwendig. Denn hätte ich Tennessees Familie gekannt, hätte ich wohl schon Skrupel gehabt, einen Polizisten auf der Bühne sagen zu lassen, dass das doch „ein total wild gewordener Student“ gewesen sei. Ich denke, dass das Stück der Sache vor allem dadurch gerecht wird, dass es genauso komplex ist wie der Fall selbst. Wir wollen kein politisches Urteil fällen, sondern zum Nachdenken anregen. Aber natürlich würden wir uns alle freuen, wenn der Fall irgendwann vielleicht doch noch juristisch aufgearbeitet wird.