"Er braucht Liebe!"

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jetzt.de: Freiwillig vom FC Bayern zum 1. FC Köln zu wechseln ist so, als würde Josef Ackermann von jetzt an lieber hinter dem Bankschalter arbeiten. Ist Podolskis Rückkehr wirklich mit einem Karriererückschritt gleichzusetzen? Sabine Asgodom: Nach außen wirkt der Wechsel wie ein beruflicher Rückschritt. Nach innen ist es aber die einzig richtige Entscheidung. Denn ich kann mir schon vorstellen, wie er jeden Morgen mit seinem schicken Auto zum Training an die Säbener Straße gefahren ist und gedacht hat: „Nein. Ich will das nicht!“ Das wichtigste im Job ist eben nicht Status und Macht, sondern Erfüllung und Zufriedenheit. Es ist eine Bauchsache: Geh ich gerne in die Arbeit? Freue ich mich drauf? Oder fehlt mir schon morgens die Motivation zum Aufstehen.

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Illustration: Julia Schubert

Ist Lukas Podolski gescheitert? Viele werden jetzt sagen, dass er gescheitert ist. Scheitern bedeutet aber auch die Fähigkeit zu erkennen, dass man sich in seiner Karriereplanung verspekuliert hat. Henry Ford hat einmal gesagt: 'Misserfolg ist die Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen.' Und so ist es: Scheitern macht den Menschen stark. Als Karriereberaterin kann ich Lukas Podolski zu seiner Entscheidung nur beglückwünschen. Der Wechsel nach Köln bedeutet also keinen Schandfleck im Lebenslauf? Ich stelle immer wieder fest, dass es gerade in den Lebensläufen der Wirtschaftsgrößen häufig Lücken gibt. Wir müssen damit aufhören, das als Manko anzusehen. Phasen, in denen es nicht so gut läuft, gehören zur persönlichen Entwicklung dazu. Und für Poldi war die schwere Zeit in München sicher auch eine Reifezeit, die ihm viel gebracht hat. Das war quasi gut bezahlte Weiterbildung. Warum aber hat ein Luca Toni diese Reifezeit nicht nötig? Es gibt einfach unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen. Luca Toni kam, sah und siegte. Er wusste sofort: Das ist meine Bühne, ich bin der Star. Er kann sich selbst motivieren. Auch im Arbeitsleben gibt es solche Menschen, die weder Topfpflanzen noch Bilder von ihren Kindern auf dem Schreibtisch brauchen. Andere Charaktere wie Lukas Podolski brauchen dagegen dringend ihre Wohlfühlumgebung. Er braucht die Kölner Südstadt. Das etwas Rumpelige. Und er braucht Liebe. Hat Poldi also von Vorgesetzten und Kollegen beim FC Bayern nicht genug Liebe bekommen? Seinen Spezl Schweini mal ausgenommen. Möglicherweise. In der Arbeitswelt gibt es warme und kalte Unternehmen. Ich glaube, dass ihm beim FC Bayern die Wärme gefehlt hat. Wenn man mit dem Arbeitsplatz unzufrieden ist, helfen auch nette Kollegen nur eine gewisse Zeit lang darüber hinweg. Auf Dauer reicht ein Schweini alleine also nicht aus. Jeder Arbeitsplatzwechsel ist erst einmal mit Schwierigkeiten verbunden. Hat Lukas Podolski zu früh resigniert? Die Laufbahnforschung hat einen Fünf-Jahres-Rhythmus festgestellt: Das erste Jahr am neuen Arbeitsplatz ist mit Stress verbunden, man macht noch viele Fehler. Im zweiten Jahr stellen sich erste Erfolge ein und es läuft langsam rund. Das dritte Jahr ist dann die Erntezeit. Alles ist super, alles läuft. Lukas Podolski hat in seinem dritten Jahr beim FC Bayern gemerkt, dass die Erntezeit einfach nicht kommen will. Deshalb ist es für ihn höchste Eisenbahn den Arbeitsplatz zu wechseln. Wäre es nicht mutiger gewesen, zu einem großen Klub ins Ausland zu gehen? Lukas Podolski hat seinen Mut bereits mit dem Wechsel nach München bewiesen. Viele trauen sich oft gar nicht erst, so einen Karriereschritt zu machen. Sie haben Angst zu scheitern. Er hat alles richtig gemacht, indem er es in München versucht hat. Auch wenn es schief gegangen ist. Wie werden seine neuen Arbeitskollegen reagieren? Für ihn wird es schwierig werden, sich seinen Platz in der Rangfolge der Mannschaft zurückzuerobern. Daran wird er hart arbeiten müssen. Denn seine Kollegen werden sagen: Wir haben hier durchgehalten, während er zum FC Bayern gewechselt ist, weil er gedacht hat, er sei was Besseres. Aber ich glaube, dass er ein Teamplayer ist. Keiner der gegen Tonnen tritt, wenn er ausgewechselt wird. In Köln wird er sicher wieder von einem Ohr zum anderen strahlen. Ein so fröhlicher Mensch ist ein Geschenk für jede Mannschaft. Was passiert aber, wenn der anfängliche Poldi-Hype abebbt? Wird er dann immer noch so fröhlich strahlen? Ich glaube, dass er ein Mensch ist, der diesen Hype nicht braucht. Im Gegenteil: Er wird froh sein, aus dem Scheinwerferlicht rauszukommen. Sie sind gelernte Fußball-Schiedsrichterin und haben als Jugendliche in der Kreisklasse gepfiffen. Wie beurteilen Sie Podolskis Wechsel aus der Sicht eines Fußballfans? Ich habe mir von Anfang an gedacht, dass er in München am falschen Platz ist. Er ist unglücklich und muss dringend heim. Als er das letzte Mal mit Bayern in Köln gespielt hat, habe ich dieses Grinsen gesehen und gemerkt: Nur in Köln geht sein Herz auf. ** Sabine Asgodom ist Management-Trainerin. Sie coacht Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft und Showbusiness. Die "Financial Times" zählte sie 2004 als "Trainerin der Manager" zu den 101 wichtigsten Frauen der deutschen Wirtschaft.

Text: andreas-glas - Foto: dpa

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