Fleiß, Anstand und Gehorsam: Diese Tugenden sieht Dr. Bernhard Bueb (67) in der heutigen Erziehung grob vernachlässigt. Letzte Woche erschien sein Buch "Lob der Disziplin - Eine Streitschrift", in dem der Philosoph und Theologe das deutsche Erziehungswesen kritisiert. Seine Thesen sind provokant - Verzicht, Unterordnung und Disziplin hält Bueb für essentielle Bestandteile einer guten Erziehung zum selbstständigen, glücklichen Erwachsenen. Das Buch trifft die Probleme vieler Eltern im Kern: Immer mehr sind mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Bueb wurde im SPIEGEL interviewt, zu Johannes B. Kerner eingeladen und von "Bild" zu "Deutschlands strengstem Lehrer" ernannt. Er leitete 30 Jahre lang das Elite-Internat Schloss Salem und hat zwei Töchter. Wie ist Bernhard Bueb als Vater? jetzt.de sprach mit seiner älteren Tochter Valerie Bueb (19). Über ihre Erziehung und darüber, wie es ist, als Tochter von "Deutschlands strengstem Lehrer" auf dessen Schule zu gehen.

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Dr. Bernhard Bueb (Foto: dpa) Valerie, du hast im Sommer Abitur gemacht. Was tust du jetzt? Nach dem Abi hatte ich keine Lust mehr auf lernen. Ich habe erst mal gefeiert und bin es locker angegangen. Weil ich nicht wusste, was ich studieren sollte, habe ich mir ein Jahr Pause genommen. Jetzt mache ich ein soziales Praktikum im Münchner Stadtviertel Hasenbergl. Dort leben viele Familien in Sozialwohnungen. Ich betreue ihre Kinder bei den Hausaufgaben und gehe mit ihnen einkaufen. Was hält dein Vater davon? Er unterstützt mich, weil mich die soziale Arbeit menschlich weiterbringt. Er findet es besser, ein Jahr Pause zu machen, als unüberlegt ein Studium zu beginnen, das ich später abbreche. In den letzten Tagen habe ich mir überlegt, Kulturwirtschaft zu studieren. Warst du eine gute Schülerin? Ich war mittelmäßig, mein Abiturschnitt ist 2,5.

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Valerie Bueb, Foto: privat Haben dich die Leute in Salem anders behandelt, weil sie wussten, wer dein Vater ist? Nein, das war nie ein Problem. Als ich jünger war, hatte ich oft Angst, beschuldigt zu werden, wenn jemand von der Schule fliegt. Das hat sich aber schnell gelegt. Ich habe mich durchgesetzt und allen gezeigt, dass ich unabhängig von ihm bin - ich war auch nie die brave Einserschülerin, die viele erwartet hätten. Hätte dein Vater sich das nicht gewünscht? Doch, er hat auch manchmal darüber geklagt, dass ich nur mit „den Coolen“, wie er sagt, befreundet bin. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn ich mir die guten Schüler als Vorbild genommen hätte. Dein Vater gibt in seinem Buch "Lob der Disziplin" und jetzt auch in einer Zeitungskolumne Erziehungstipps. Was ist der Unterschied zwischen deiner Erziehung und der deiner Freunde? Dass Papa angeblich "Deutschlands strengster Lehrer" ist, finde ich albern. Er ist jedenfalls kein strenger Vater. Die Eltern vieler Internatsschüler sind sehr locker, die meisten meiner Freunde durften mit 15 abends ausgehen, alleine aufs Oktoberfest oder am Wochenende bei Jungs übernachten. Meine Schwester und ich durften das erst später. Damals hat mich das natürlich total genervt, inzwischen finde ich es aber gut. Wir durften ja alles – nur eben zum richtigen Zeitpunkt. Dein Vater sagt: "Verzicht auf alles, was Spaß macht, ist die Vorraussetzung von Arbeit." – Hast du einen eigenen Fernseher? Nein, das war immer ein Tabu. Aber wir haben einen Fernseher in der Wohnung. Bis vor zwei Jahren haben wir dort aber nur die öffentlich-rechtlichen Sender empfangen. Fernsehen durften wir zu geregelten Zeiten. Was durftet ihr anschauen? Erst "die Sendung mit der Maus", dann "Verbotene Liebe" und "Marienhof" – was ARD und ZDF eben so senden. Papa hat das akzeptiert, auch wenn er sich oft über die Anspruchslosigkeit der Soaps beschwerte. Nur bei den Privatsendern wie RTL wird er richtig ungehalten. Magst du die "Simpsons"? Die fand ich schon immer furchtbar. Ich hab nie verstanden, was alle an dieser Zeichentrickserie so toll finden. Aber einen Computer hast du. Ja, auf dem habe ich auch die ersten Kapitel von Papas Buch getippt – er konnte nicht mit dem Computer umgehen und hat alles von Hand geschrieben. Irgendwann hat er aber gemerkt, dass es doch ganz praktisch sein kann, am PC zu arbeiten, und gelernt, wie man das macht. Dein Vater schreibt: "Strafe muss sein!" – Was für Strafen gab es bei euch zuhause? Hausarrest oder Fernsehverbot. Die schlimmste Strafe war aber, wenn die Eltern sagten: "Ich bin von dir enttäuscht", und dann schwiegen. In Salem wird sehr viel Wert auf Disziplin gelegt. Merkst du einen Unterschied zwischen dir und Leuten, die auf eine staatliche Schule gehen? Ich bin zwar diszipliniert, aber nicht total fleißig. Der größte Unterschied ist, dass Internatsschüler meist offener im Umgang mit Menschen sind. Wenn du auf ein Internat gehst, musst du den ganzen Tag mit deinen Mitschülern verbringen, auch wenn du sie nicht alle magst. Wie findest du das Buch deines Vaters? Er ist bei vielen Dingen zu krass. Ganz so hart muss es nicht sein, aber er trifft viele Probleme auf den Kern. Das merkt man auch an dem Erfolg, den er mit dem Buch hat. "Man muss Kinder manchmal zu ihrem Glück zwingen." – Bist du froh, dass dein Vater dich zu etwas gezwungen hat? Vor ein paar Jahren wollte ich unbedingt ein Tattoo auf dem Rücken. Papa hat das strikt verboten. Heute bin ich ihm dankbar dafür, auch wenn ich damals total wütend war. Wie wirst du deine Kinder erziehen? Ich werde mir vieles aus seinem Buch zu Herzen nehmen.