„Es gibt keine Drogen, die Kreativität begünstigen“

Drogen mögen für das Bild vom künstlerischen Genie, das Grenzüberschreitungen lustvoll zelebriert, taugen. Tatsächlich kreativer machen sie nicht. Sagt der Kreativitätsforscher Rainer Hol-Hadulla. Er muss es wissen er hat sich intensiv mit Jim Morrison auseinandergesetzt.
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Illustration: Julia Schubert

Dieses Jahr wäre Doors-Frontmann Jim Morisson 70 Jahre alt geworden.

Sie haben sich ausführlich mit Jim Morrison, dem früh verstorbenen Frontmann der Doors, beschäftigt. Wie kam er zu den Drogen?
Rainer Holm-Hadulla: Jim Morrison hat schon während seiner Adoleszenz massiv getrunken, wahrscheinlich um gegen die rigiden Normen der Eltern und Großeltern zu rebellieren und eine Gegenwelt zu etablieren. In seiner kreativen Hochphase, die übrigens kaum mehr als ein Jahr andauerte, hat er auch andere Drogen konsumiert, doch Alkohol blieb sein hervorragendes Mittel, emotionale Spannungen zu regulieren. In dieser Zeit befanden sich The Doors auf ihrem qualitativen Höhepunkt mit Stücken wie „Light my Fire“ und „The End.“ Alkohol und Drogen führten jedoch nach wenigen Jahren zum Versiegen seiner Kreativität. Er äußerte einmal, dass er sich mit Alkohol langsam das Leben nehme, man könne sich mit Alkohol beim Sterben zusehen. Verstärkt wurde seine Selbstzerstörung durch die mediale Inszenierung seiner Person. Journalisten sahen in ihm gerne den Bürgerschreck und die Anti-Existenz. Hier gibt es erstaunlich viele Parallelen zu Amy Winehouse. Gestern wie heute empfinden Fans und Medien große Freude an dem Blick auf die vermeintlich andere Welt randvoll mit diesen drogenvernebelten Stars, deren einzige Gesetze Sex, Drugs und Rock‘N‘Roll zu sein scheinen. Nicht nur bei Morrison haben Alkohol und Drogen jedoch zum Verlust seiner Potenz und Kreativität geführt und letztendlich zu seinem frühen Tod.    

Dennoch gelten Drogen und Alkohol unter Musikern als Treibstoff der Kreativität.
Tatsächlich ist bei Künstlern die Gefahr einer Abhängigkeit besonders hoch. Aber es gibt keine Drogen, die Kreativität begünstigen. Studien belegen, dass allenfalls bei einer geringen Alkoholmenge, vielleicht ein bis zwei Gläsern Wein, Untersuchungsteilnehmer das Gefühl haben, sie wären kreativer. Dieses Gefühl tritt aber nur auf, wenn sie schon vorher glaubten, Alkohol steigert schöpferische Impulse. Ich würde in diesem Zusammenhang eher von einem Placebo-Effekt sprechen. Cannabis erzeugt häufig eine ausgeglichene Stimmung, lähmt jedoch in aller Regel die Produktivität.  

Begünstigt die Musikbranche selbst den Drogenkonsum?
Ja, nehmen wir das Bühnenleben. Es ist unglaublich stressig. Beispielsweise haben die Rolling Stones zu Hochzeiten 250 und mehr Konzerte pro Jahr gespielt. Das beständige Auf und Ab geht an die Grenzen und der Griff zu Aufputsch- und Beruhigungsmitteln ist, trotz ihrer schädlichen Wirkungen, allzu verständlich. Eine nicht geringe Schuld tragen auch wir Zuschauer und unsere Vorstellung von Pop-Musikern. Wir wollen keine fleißigen Arbeiter auf der Bühne sehen, sondern wunderbare Genies, die Grenzüberschreitungen lustvoll zelebrieren. Sex and Drugs sind besonders geeignet, die Phantasien des Publikums zu anzuregen. Vielfältige Illusionen werden durch entrückte Musiker und ihre Exzesse befeuert und von der Musikindustrie gezielt bedient. Aus meiner Sicht wird ein Image kreiert, das  mit den realen Wirkungen von Alkohol und Drogen nichts zu tun hat.  

Sie führen Mick Jagger als fast nüchternen Gegenentwurf an. Was hat ihn von einem Drogenabsturz ferngehalten?
Mick Jagger war immer ziemlich diszipliniert. Er hat verlässliche Bindungen zu seinen Eltern gehabt, intensiv Sport getrieben, ernsthaft Wirtschaft studiert und war in der Lage, strukturiert künstlerisch zu arbeiten. Die zerstörerischen Wirkungen von Drogen hat er früh entdeckt und dementsprechend versucht, Freunde von den Drogen fern zu halten. Im Gegensatz zu Mick Jagger hatte Jim Morrison ein schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter und die Beziehung zum Vater war von gegenseitiger Ablehnung geprägt. Sein militaristischer Vater hatte kaum Zeit für ihn, mit der Pubertät brach der jeder Kontakt zusammen. Jim lehnte die elterlichen Werte und Normen radikal ab, und die Eltern hatten keinerlei Verständnis für seine kreative Suche nach Selbstverwirklichung. Der Vater enterbte ihn, als er begann, an einer Filmhochschule zu studieren. Auch seine Texte und Musik fanden keinerlei Anerkennung bei den Eltern. Erst zehn Jahre nach seinem Tod sind ein paar wertschätzende Bemerkungen seitens des Vaters überliefert, der seinen Sohn um 47 Jahre überlebte. Mangelnde emotionale Bindungen, Ablehnung und eine Drogen konsumierende Subkultur sind aus meiner Sicht Umgebungsbedingungen, die das Abrutschen in Alkohol- und Drogensucht begünstigen.  

"Kreativität geht häufig mit Labilität und Schwermut einher"

Ist der hart arbeitende und disziplinierte Künstler erfolgreicher und kreativer?
Bei entsprechendem Talent sicher. Routine und Disziplin sind kein Hindernis, sondern ein Schutz, kreative Spannungen auszuhalten. Würde man sich nicht einen gewissen Arbeitsrahmen setzten, wäre der Schaffensprozess nicht so effektiv. Genies wie Bach, Goethe, oder Picasso - sie alle waren für sehr strenge Rituale und Arbeitszeiten bekannt. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, auch während der Routine die Offenheit für kreative Ideen zu behalten.  

Wie passt das zum Bild des labilen, leicht versponnenen Künstlers?
Das ist ein Klischee, das es bereits seit der Antike gibt. „Alle Großen sind Melancholiker“ - dieses Zitat stammt von Theophrast. Melancholie wird dabei gerne als Form des Wahnsinns aufgefasst und schafft damit die Grundlage für die „Kreativität und Wahnsinn“ Debatte. Aber schon der griechische Philosoph unterscheidet eine Melancholie als Anzeichen kreativer Labilität von einer schweren Depression, die eine Krankheit ist und schöpferische Tätigkeit verunmöglicht. Das ist für mich der entscheidende Punkt - Kreativität geht tatsächlich häufig mit einer gewissen Labilität und einem Schwermut einher. Die beeinträchtigen allerdings die Produktivität nicht so stark wie hohe Dosen von Alkohol und Cannabis oder schwere psychische Erkrankungen.  

Es gibt auch das Gerücht, dass besonders viele Kreative eine psychische Störung haben.
Psychische Erkrankungen sind weit verbreitet in der Gesellschaft und prominente Künstler fallen einfach stärker auf, das ist der Grund für dieses Klischee. Studien haben gezeigt, dass auch Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen  kreativ sein können. Aber nicht wegen, sondern trotz der Erkrankung - im Durchschnitt sind sie unkreativer als gesunde Menschen. Eine Ausnahme stellen Dichter dar. Sie erleiden dreimal häufiger als der Durchschnitt schwere depressive Störungen. In dieser Gruppe beenden auch dreimal so viele Künstler ihr Leben durch Selbstmord. Dieses Phänomen korrespondiert aber stark mit dem Erfolg: Gefeierte Dichter bringen sich seltener um. Erfolglose Dichter, insbesondere wenn sie verarmen und vereinsamen, geraten leichter in existentielle Grenzsituationen, die sie nicht mehr künstlerisch bewältigen können.

Text: birk-grueling - Foto: dpa

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