"Es ist ein moralischer Morast"

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Heidi Sopinka, 34, arbeitete jahrelang als Reisereporterin. Nach ihrem Studium kaufte sie sich ein One-Way-Ticket nach Südostasien und landete schließlich in Singapur. Dort arbeitete sie in einem Verlag als Lektorin für Lyrik. Nebenbei begann sie ausgiebig zu reisen und veröffentlichte mehrere Bücher. Heute schreibt sie eine Kolumne über einen ethisch korrekten Alltag für die Online-Ausgabe der kanadischen Tageszeitung Globe&Mail - und sorgte im Mai für Aufsehen, als in der Ankündigung für ihre Kolumne bekannt gegeben wurde, sie wolle sich nicht mehr im Flugzeug fortbewegen, um keinen übermäßigen CO2-Aussstoß zu verursachen. Du bist Reisejournalistin. Trotzdem steht unter deiner Kolumne im Globe&Mail, dass du dich nicht mehr fortbewegen willst, um deine CO2-Spuren zu neutralisieren. Wie viel daran ist wahr? Ich wünschte, ich könnte behaupten, das stimmt. Aber leider ist es nur die halbe Wahrheit. Mein Redakteur hat das als einen kleinen Witz da hin geschrieben. Aber ich fliege definitiv sehr viel weniger, als früher. Reisen war lange Zeit dein Beruf. Wann hast da angefangen, darüber in einem ethischen Kontext nachzudenken? Als ich irgendwo las, dass ein einziger transatlantischer Flug ungefähr dieselbe Menge Kohlenstoffdioxid produziert, wie wenn man ein ganzes Jahr lang täglich Auto fährt.

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Illustration: Julia Schubert

Heidi Sopinka Bild: privat Wie gehst du mit dem Dilemma um, das aus so einem Wissen entsteht? Es ist ein moralischer Morast, durch den man da watet. Ich lebe in Toronto und fliege nächsten Monat zur Hochzeit eines guten Freundes nach Neufundland. Ich hätte auf die Flugreise zwar gerne verzichtet. Aber dann müsste ich Tage lang mit dem Auto fahren und zwölf Stunden mit der Fähre fahren. Ich kann es mir einfach nicht leisten, mir so viel Zeit zu nehmen. Hast du deinen Beruf geändert? Ich schreibe derzeit nur noch wenige Reisegeschichten. Allerdings erlaubt es mir die moderne Technologie glücklicherweise, Geschichten zu recherchieren und Leute auf der ganzen Welt zu interviewen, ohne auch nur einen Schritt aus meinem Wohnzimmer zu tun. Hast du sonst irgendwelche drastischen Schritte unternommen, um deinen Lebenswandel zu ändern? Ich denke, die fundamentalen Dinge, zum Beispiel, wie wir essen, sind so wichtig. Ich finde es zum Beispiel richtig das Geld für Bioessen auszugeben, weil wir sehr lange nicht den Preis bezahlt haben, den ethisch produziertes Essen wirklich hat. Ich habe keine extremen Änderungen gemacht, nur ein paar bewusste Entscheidungen die zusammen genommen meinen ökologischen Einschlag etwas mindern. Hast du denn ein schlechtes Gewissen, wenn du trotz allem reist? Ich bin wirklich nicht mehr so eine Zigeunerin wie früher. Fairerweise muss aber auch sagen, dass ich zu einer Zeit gereist bin, in der niemand daran dachte, CO2-Emissionen damit in Verbindung zu bringen, dass man in ein Flugzeug steigt. Jedenfalls ist es sehr praktisch, dass ich so viel von der Welt gesehen habe, jetzt wo ich weiß, dass Reisen für den Planten schlecht ist. Könnte man nicht möglicherweise sagen, dass es auch schon egal ist, wenn alle anderen eh´ fliegen? Nein, gerade deswegen ist es ja so wichtig, weniger zu reisen. Du schreibst eine Kolumne über ethisch korrektes Leben. Hast du ein Problem damit, diesen Beruf mit der Fliegerei in Einklang zu bringen? Ich fühle mich für alles verantwortlich, was einen negativen Einfluss haben wird. Ich denke, wenn die Folgen des eigenen Handelns derart quantifizierbar sind, wie heute der Fall, ist es unmöglich so weiter zu leben wie früher. Die Sache ist: Einerseits finde ich nicht, dass ein schlechtes Gewissen die Motivation zum Handeln sein sollte. Andererseits denke ich doch, dass Niederlagen der Beginn positiver Aktion sein können. Welchen Rat würdest du jemandem geben, der das Reisen liebt, aber ein schlechtes Gewissen hat, zu fliegen? Das Erste, was du tun solltest, ist überprüfen, ob du wirklich in dieses Flugzeug steigen musst. Falls es essentiell für das Herz oder den Geist ist, kannst du nach einer guten Emissionshandel-Firma suchen. Sie rechnen aus, wie viel CO2 du verbrauchst und du kannst dann den Wert an Geld in alternative Energien investieren. Es gibt da ziemlich dubiose Anbieter, also ist es absolut wichtig, gute Projekte zu finden. Wenn jemand vollkommen aufhören würde zu fliegen, könnten sie damit sagen, sie hätten etwas für die Umwelt getan? Ich denke, alles hängt zusammen. Wenn jemand, der eh schon leichter auf der Welt lebt sich dafür entscheidet, nicht mehr zu fliegen, dann ja, dann hilft er auf jeden Fall, einen Unterschied zu machen. Irgendwann werden wir alle auf dem Boden bleiben müssen und dann werden wir daran zurück denken, als es tatsächlich noch die Wahl gab. Träume und Erinnerungen werden dann der einzige Weg sein, sich den Rest der Welt vorzustellen. Und jetzt - Fliegen oder nicht? Wenn Fliegen, dann aber auch das ausgestoßene CO2 bei einem Klimachutzanbieter einsparen lassen, sagte Heidi Sopinka - jetzt.de hat mit einem dieser Anbieter über Ablasshandel und richtiges Handeln gesprochen. Das Interview steht auf der nächsten Seite.


Wer das Reisen liebt, aber ein schlechtes Gewissen hat, zu fliegen, solle sich einen guten Klimaschutzanbieter suchen, sagt die Reisejournalistin Heidi Sopinka im jetzt.de-Interview. In Deutschland ist einer dieser Anbieter atmosfair. Jetzt.de sprach mit Dietrich Brockhagen, dem Geschäftsführer von atmosfair, über Ablasshandel und richtiges Handeln. Im Jahr starten und landen etwas mehr als 145 Millionen Fluggäste in Deutschland – wie viele von denen gleichen denn bei atmosfair ihren CO2-Ausstoß aus? Im Jahr 2007 rechen wir mit 30 bis 50 000. Das sind ja nicht so viele. Ja. Aber Sie sind zufrieden? Naja, letztes Jahr hatten wir noch weniger. Im Augenblick erreichen wir einfach viele Passagiere bei der Flug- und Reisebuchung nicht – das ändert sich aber nach und nach. Wir kommen immer mehr in die Vertriebskanäle von Reiseunternehmen hinein, um die Menschen über die Möglichkeit zu informieren, einen Klimaschutzbeitrag zu zahlen. Am besten wäre es, wenn die Leute bei der Buchung sofort gefragt werden, ob sie einen Klimaschutzbeitrag bezahlen wollen. Dann mache ich einfach mein Kreuzchen und fertig.

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Illustration: Julia Schubert

Wie läuft atmosfair? Wie viel Spenden bekommen Sie? Das ist unterschiedlich. Der Höchstbetrag liegt ungefähr bei 200 Euro, der niedrigste bei zehn, der Durchschnittsbetrag liegt in etwa bei 30 Euro. Dieses Jahr werden wir wohl ungefähr eine Million Euro einnehmen. Wie viel Projekte fördern Sie denn mit diesem Geld? Feste Verträge haben wir mit drei Klimaschutz-Projekten, in Vorbereitung sind noch mal weitere drei. Und wie viel CO2 werden damit neutralisiert? Dieses Jahr wird es auf 50 000 Tonnen hinaus laufen – wobei wir „neutralisieren“ eigentlich nicht sagen. Warum denn nicht? Ist das ein falscher Begriff? Naja, CO2 ist ja ein Molekül – ich weiß nicht, wie man das neutralisieren kann. Aber auch sonst: Wenn wir jetzt sagen würden „neutralisieren“, dann klingt das so, als wenn das Problem damit gelöst komplett wäre. Flugverkehr ist aber nur ein Teil des Problems Klimawandel. Wir sagen deswegen einfach: einsparen. Wenn man sagt: „Neutralisieren“, dann tut man so, ob man ihnen einfach 30 Euro überweist – und das Problem damit gelöst ist? Ja, genau. Das ist aber einfach nicht der Fall. Das CO2 seiner Flugreisen über uns einzusparen, ist ein Lösungsbeitrag, auch ganz wichtig - es ist sicherlich das Beste, was man tun kann, wenn man denn fliegt. Aber dauerhaft und langfristig wird das Problem damit nicht zu lösen sein. Böse Menschen sagen: Was atmosfair da macht, ist doch nichts anderes als ein Ablasshandel. Moment. Der entscheidende Punkt ist ja, dass mit dem Geld etwas Reelles passiert: Wir lassen uns prüfen, um zu belegen, wie viel CO2 wirklich eingespart worden ist – das ist etwas anderes als beim Ablasshandel, bei dem leere Versprechungen abgegeben werden. Aber klar: Ich erleichtere damit letztlich mein Gewissen. Ich lebe hier in einem Industrieland auf Kosten der Dritten Welt, das ist ja oft genug nachgewiesen worden. Wenn ich jetzt aber an „Brot für die Welt“ Geld überweise, erleichtere ich auch mein Gewissen – da würde allerdings niemand von Ablasshandel sprechen. Die Kritik ist aber, dass Leute etwas Falsches tun – und sich dann mit Geld ein gutes Gewissen kaufen, ohne deswegen ihr Handeln zu ändern. Aber es ist doch besser, als nichts zu tun. Für mich schwingt da immer etwas mit: Die Leute kritisieren das lieber als Ablasshandel, als selber etwas zu tun – das ist dann einfach schlecht, und schlechtes mache ich nicht. Damit nimmt man sich selber prima aus der Verantwortung. Sagen wir mal so: Ich lasse mir gerne von jemand vorwerfen, dass es Ablasshandel ist, wenn dieser Jemand auch nicht mehr fliegt. Wann soll, wann darf man denn überhaupt noch Fliegen? Das überlassen wir als atmosfair dem einzelnen. Wir holen die Menschen dort ab, wo sie stehen oder fliegen. Wir zeigen bewusst nicht den moralischen Zeigefinger „Du sollst! Du sollst nicht!“ Wir informieren. Wir legen jedem die Ökobilanz offen. Wir sagen: Das ist das, was du tust – überleg es dir. Ich denke, jeder von uns hat irgendwelche Bedürfnisse, muss ja nicht nur Fliegen sein – und jeder muss sich überlegen, wie er damit umgeht. Eine feste Regel gibt es nicht. Es ist nur klar: Der Atmosphäre ist es egal, woher das CO2 kommt. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Je nach Sichtweise trägt der Flugverkehr zu 3,5 bis 10 Prozent zu den weltweiten Treibhausgasen bei. Warum macht man aber genau darüber so ein Aufhebens – sollte man nicht ganz woanders anfangen? Aber das ist ja gerade das Problem – es gibt nicht den einen großen Sektor, der zum Klimawandel beiträgt. Wenn es den gäbe, dann wäre das ja schön. Zehn Prozent Beitrag, das ist erheblich. Das ist mehr, als Afrika insgesamt zum Klimawandel beisteuert. Wir ziehen uns nicht diese Brille an, mit der man von oben auf die Welt guckt und sagt: So, woher kommen denn jetzt die meisten Treibhausgase her, wo setzen wir da am besten den Hebel an? Sondern? Wir nehmen genau die umgekehrte Perspektive ein: Wir blicken aus der Sicht von jedem einzelnen Menschen. Diese analytische Sicht von oben, die ist wenig handlungsbezogen. Das ist wichtig –aber wenn wir versuchen wollen, Menschen zum Handeln zu bringen, dann müssen wir von deren Augen aus schauen. Und da ist es so, dass der Flug eines einzelnen Menschen dann 50, ja 80 Prozent meiner persönlichen Emissionen ausmachen. Wenn ich mich sonst in meinem Leben sparsam verhalte, wohne in einem isolierten Haus, kaufe im Bioladen, dann habe ich vielleicht 2 oder 3 Tonnen. Wenn ich aber einmal nach Sydney und zurück fliege, dann habe ich eine Klimawirkung, die zehn Tonnen CO2 entspricht – das heißt, dass meine Ökobilanz zu 80 Prozent aus Fliegen besteht. Das muss dann jeder für sich selbst wissen, muss jeder für sich selbst entscheiden, wie er damit umgehen will.

Text: meredith-haaf - und roland-schulz

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