Jeder zweite Laternenmast ist voll mit obskuren Band-Aufklebern. Was davon ist Street-Art? Mittlerweile ist eine derartige Flut von Stickern über uns hereingebrochen, dass kaum noch klar ist, wer sich aus welchen Motiven im Außenraum präsentiert, wer vandaliert oder wer interveniert. Diese Inflation ist zweischneidig. Einerseits nervt sie, andererseits kommt nun auch jede Oma nicht mehr daran vorbei, darüber zu sinnieren, was es bedeutet, wenn die gemeinsam genutzten, öffentlichen Flächen auch öffentlich und frei genutzt werden. Ist es Street-Art? Sicher nicht. Vielleicht kann man es Streetdesign oder public blackboarding nennen. Wirkliche Street-Art kommt selten vor. Dabei wird eine vorgefundene Situation der Alltagsrealität im urbanen Raum derart verändert oder überzeichnet, dass sie plötzlich Wahrheiten offenbart, die unausgesprochene Grundlagen der Gesellschaft sind und schließlich für jeden klar erkennbar hervortreten.

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Beispiel für Street Art. Angeheizt wurde die ganze Sticker- und Poster-Manie vor ein paar Jahren von einem dicken, abstrahierten Riesengesicht namens Obey the Giant. Angeblich war es das erste nichtkommerzielle Motiv, das einfach so als Kunststatement um die Welt ging. Was sagt der Experte: ein Vorbild der Street Art? Klar ein Vorbild, zumindest was die Verbreitung und die Bekanntheit angeht. Aber ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Beim Giant lässt sich vor allem ein Phänomen sehr gut beobachten: Die Macht und Wirkung der Marke. Coca Cola, Nike und Adidas waren sicher neidisch, weil ihnen so was nicht eingefallen ist. Aufkleber dieser Art werden aber seit den 20er Jahren hergestellt und verbreitet - nicht umsonst handelt es sich bei diesem Beispiel um ein Sammelbild eines früher recht bekannten, französischen Wrestlers. Und so bleibt der Giant wie jedes Logo an sich selbst verhaftet und weist trotz der millionenfachen Reproduktion nicht viel weiter über sich hinaus. Es beschreibt eher den Aufmerksamkeitsmechanismus, an dem es sich bedient. Das ist nicht ganz einfach für seinen „geistigen Vater“ Shepard Fairey, weil er wirklich interessante und hochpolitische Kunst verfertigt. Aber fast immer wird er auf sein erstes, erfolgreiches Motiv, den Giant, reduziert. Verfolgt ihr mit dem Sticker-Award ein kommerzielles Interesse? Mit einem derart individualisierten und flüchtigen Medium wie den interventiven Aufklebern lässt sich definitiv kein Geld verdienen. Bei uns überwiegt der kulturelle Aspekt. Die Teilnahme am Award ist kostenlos und wir produzieren ab und an ein Buch zur Dokumentation der Arbeiten, welches kostenlos an alle Teilnehmer, die darin auftauchen, verschickt wird. Unser Geld verdienen wir aber mit der Produktion kommerzieller Aufkleberkampagnen in unseren eigenen Werkstätten – so können wir den Award überhaupt ermöglichen. Wie kam es überhaupt zu dem Award? Der erste Stickeraward fand 2005 statt und war eine von vielen Ideen zur Intervention im öffentlichen Raum, unserem „Überthema“ der letzten Jahre. Da das Aufklebermedium extrem flüchtig ist, war es unserer Meinung nach notwendig, ein adäquates Dokumentationsmittel zu finden, das einen Überblick über die weltweite Produktion vermittelt und als Archiv dienen kann. Deshalb sind die Einträge im jeweiligen Buch nach Kontinenten und Ländern sortiert und geben einen guten Überblick über die Präsenz, Ausprägung und Qualität der einzelnen Arbeiten im nationalen und internationalen Vergleich. Die Idee zu dem Award haben wir damals in einigen Foren gepostet - der Rest lief ganz von allein, da die Community extrem vernetzt ist. Bereits der erste Award hatte über 2.000 Teilnehmer.

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Trittin, ver-street-artet. Letztes Jahr hat ein deutscher Beitrag den ersten Platz gemacht, vorletztes Jahr den dritten, obwohl ihr sogar Einsendungen aus Venezuela hattet. Hat Street-Art in Deutschland einen besonders hohen Stellenwert? Die Gewinner des Awards werden von einer internationalen Jury bestimmt, bei der es nur zwei deutsche Mitglieder gibt. Diese unabhängige Jury guckt beim Bestimmen der Gewinner nicht auf die Herkunft der Einsendungen – daher ist diese Häufung sicher als Indiz dafür zu werten, dass auch in Deutschland viele wirklich gute und neue Ideen entstehen. Die Gewinnerin des ersten Awards kam aber eben aus Venezuela, der zweite Platz aus Frankreich – vor allem Südamerika ist gerade eine der interessantesten Regionen, wenn es um neue Wege des wirkungsvollen und manchmal auch skrupellosen Intervenierens geht. Viel interessanter finde ich aber, dass die Gewinner der beiden letzten Awards jeweils Frauen waren, was wirklich überrascht hat, da sie sonst in der Szene-Wahrnehmung eher unterrepräsentiert sind. Du hast das Stichwort skrupellos genannt: Wenn ich rausgehe und einen Stromverteilerkasten per Riesensticker in eine Waschmaschine verwandle, wie es der letztjährige Gewinner gemacht hat, sieht das schon pfiffig aus - aber darf ich das? Inwiefern ist Street-Art kriminell? Selbstverständlich ist die flächendeckende Bestickerung ärgerlich für viele Besitzer von Eigentum. Eine eindeutige Zuordnung zur Sachbeschädigung ist aber nicht so einfach wie zum Beispiel bei Graffiti. Dafür muss eine Sache nämlich dauerhaft und wesentlich geschädigt oder in ihrer Nutzung beeinträchtigt werden, was bei den Aufklebern zweifelhaft ist, da sie sich mit recht geringem Aufwand und den richtigen Mitteln rückstandslos entfernen lassen. Somit kann man nicht von einer kriminellen Tat sprechen, allerdings kann es sich aufgrund lokaler Regelungen um eine gebührenpflichtige Ordnungswidrigkeit handeln. Also darf ich das? Die Frage „Darf man das?“ zielt eher auf unser Verständnis der Unantastbarkeit privaten Eigentums - selbst wenn dieses den öffentlichen Raum derart definiert und für sich verwendet, wie zum Beispiel große Werbetafeln in unseren Städten das tun. Diese Nutzungen sind allgemein akzeptiert, obwohl sie die Wahrnehmung jedes Einzelnen beeinflußen, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten. Ich bin in diesem Fall für eine wirklich demokratische Nutzung des Raums, auch wenn mir die Folgen und die Art der Eingriffe, wie im ersten Punkt des Interviews besprochen, nicht immer gefallen. Sobald Privateigentum eine dauerhafte Schnittstelle zur Außenwelt oder deren Hülle bildet, definiert es auch diese Außenwelt und hat eine Verantwortung gegenüber demjenigen, der sie sehen und ertragen muss. Wenn ich also beworben werde, soll ich auch werben, oder "stickern" dürfen? Wenn wir einzelnen Eigentümern erlauben, die am Eigentum unbeteiligten Passanten zu beeinflussen, dann sollte auch den Passanten ein Recht an der Gestaltung eben dieser Umwelt eingeräumt werden. Ansonsten könnten wir den Begriff „öffentlicher Raum“ getrost zu den Akten legen.

Text: eva-bader - Street-Art-Fotos: privat