"Es spielt keine Rolle, wie mein Gesicht aussieht"

Spaniens Medien feiern ihn als zweiten Banksy: SpY ist Street-Art-Künstler in Madrid. Mit seinen Aktionen möchte er die Stadtbewohner aus der Alltagsroutine befreien. Jetzt gibt er ein Interview. Per Mail. Er will anonym bleiben.
andreas-glas

jetzt.de: Die spanische Tageszeitung El País hat kürzlich jubiliert: "Jetzt hat auch Madrid seinen Banksy". Schmeichelt Dir dieser Vergleich? SpY: Der Vergleich stört mich nicht. Ich mag Banksys Sachen und wir arbeiten im gleichen künstlerischen Aktionsrahmen. Innerhalb der Urban Art hat er aber einen unvergleichbaren Stil. jetzt.de: Es ist schwer vorstellbar, dass Du in Deinem echten Leben Busfahrer oder Bankangestellter bist. Falls doch, wäre es aber natürlich eine Wahnsinnsstory. Willst Du uns denn nicht etwas über die Person hinter dem Künstler SpY erzählen ... SpY: Ich möchte lieber nicht über mich sprechen. jetzt.de: Weil Du Angst vor strafrechtlicher Verfolgung hast? SpY: Weil nur meine Arbeit wichtig ist. Es spielt doch keine Rolle, wie mein Gesicht aussieht. Außerdem gebe ich mich doch durch meine Kunst zu erkennen. jetzt.de: Hattest Du denn schon einmal Probleme mit der Polizei? SpY: Einmal habe ich im Zentrum von Madrid Fotos von einem Verkehrsschild gemacht, das ich kurz zuvor umgestaltet hatte. Da kam ein Polizist auf mich zu und fragte: „Hast Du das heute nacht gemacht? Ich kenne Dich doch.“ Ich dachte mir: „Scheiße, dieser Bulle weiß über alles Bescheid“. Aber dann hat sich herausgestellt, dass wir uns von früher aus meiner Graffiti-Zeit kennen. Da war ich gleich viel entspannter. jetzt.de: Was denkt ein Passant wohl, wenn er mitten in der Stadt plötzlich auf eines deiner Werke trifft? SpY: Der Passant wird sich zuerst einmal fragen: Wer tut so etwas Verbotenes? Gleichzeitig weiß er, dass ich mich meiner Arbeit als Künstler spontan und ohne Bezahlung widme. Wenn ihm mein Werk gefällt, dann wird er das als romantischen Akt begreifen. Mit einem Klick auf das Bild startest du die Bildergalerie mit einer Auswahl von SpYs Werken - auf seiner Homepage findest du noch mehr.

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Illustration: Julia Schubert

onloads[onloads.length] = makeImageLightbox; var myLightbox = null; function makeImageLightbox() { myLightbox = new JetztImageLightbox(); } Bild Bild Bild Bild Bild SpY-Intervention in London ... Bild Bild Bild jetzt.de: Um ehrlich zu sein: Sehr spontan wirkt es auf mich nicht, dass du viele deiner Werke offensichtlich von zuhause aus vorbereitest und erst dann in den öffentlichen Raum stellst. Nach dem Motto: Alles sollte perfekt sein. Urban Art stelle ich mir eigentlich anders vor. SpY: Spontaneität bedeutet für mich eher, dass Kunst nicht innerhalb eines offiziellen Rahmens stattfindet. Im Gegensatz zur Galeriekunst ist meine Arbeit nicht an Öffnungszeiten geknüpft. jetzt.de: Angesichts der Resonanz deiner Kunst in den spanischen Medien wäre die Ausstellung deiner Arbeiten in einer Galerie aber durchaus erfolgsversprechend. Womöglich auch finanziell. Banksys Werke werden mittlerweile ja für sechsstellige Summen versteigert. SpY: Ich hatte vor einiger Zeit einmal eine öffentliche Ausstellung. Aber es ist völlig sinnlos, Urban Art in einem geschlossenen Raum nachzustellen. Diese Art von Kunst wird auf den Straßen der Stadt geboren und wirkt auch nur dort. Die Spontaneität des Augenblicks, das urbane Umfeld, der spontane Dialog zwischen Werk und Passant: All das ist Teil meiner Interventionen. jetzt.de: Ist das für dich die Faszination, die von Street Art ausgeht? SpY: Ja. Wir sind jeden Tag unfreiwillig mit einer Vielzahl von Bildern konfrontiert. Urbane Kunst verschafft uns einen Moment der Erleichterung von dieser Vermassung an Information. Die Leute fasziniert es, dass meine Kunst unabhängig von der Kontrolle durch öffentliche Institutionen entsteht. Weil die Arbeit illegal ist und auf mein eigenes Risiko hin entsteht, gewinnt das Kunstwerk außerdem etwas Mysteriöses. jetzt.de: Wenn ich an dein Werk „bullfighting“ denke, an die Verkehrsschilder im Madrider Schwulenviertel Chueca, auf denen zwei händchenhaltende Männer abgebildet sind oder an den kopflosen Fußballer vorm Bernabeu-Stadion, frage ich mich: Soll das Kritik an Stierkampf, Homophobie und Kapitalismus sein oder erlaubst Du dir einfach nur einen großen Spaß? SpY: Zu allererst will ich die Menschen wachrütteln. Ich will ihre Wahrnehmung schärfen und einen Dialog herstellen. Dieser Dialog entsteht bei meinen Werken durch Humor und Ironie. Deshalb würde ich die Arbeiten eher als ironisch denn als politisch bezeichnen. Trotzdem hat der Passant auch das Gefühl, dass ihm das Werk eine Botschaft vermitteln möchte. Das Nachdenken über die Absicht hinter dem Werk ermöglicht es dem Betrachter aus der urbanen Routine aufzuwachen. jetzt.de: Deine Werke sind größtenteils sehr aufwändig, multimedial und verbinden unterschiedlichste Techniken: Arbeitest Du wirklich völlig alleine? SpY: Normalerweise ja. Aber ich habe auch Kollegen, die mir bei der Produktion und Dokumentation mancher Arbeiten helfen. jetzt.de: Du hast deine Arbeit mittlerweile auf andere Städte ausgeweitet. Unter anderem in New York, London, Amsterdam und Paris hast Du bereits deine Spuren hinterlassen. Müssen wir auch in Deutschland unsere Augen offen halten? SpY: Ja. Es gibt viele interessante deutsche Städte, in denen ich gerne arbeiten würde.

Text: andreas-glas - Fotos: spy.org.es

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