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In den USA gibt es seit den Achtzigerjahren weit mehr Collegeabsolventinnen als -absolventen. Welche Probleme das vor allem für junge, gut ausgebildete Frauen bei der Partnersuche mit sich bringt, hat nun der Journalist und Autor Jon Birger, 46, deutlich gemacht. Mithilfe von Statistiken und Wahrscheinlichkeitsrechnung zeigt er in seinem neuen Buch “Date-onomics - How dating became a lopsided numbers game”, warum es heutzutage so schwer sein kann, den Richtigen zu finden. Ein Gespräch über Romantik, Online-Dating und ungleiche Verteilungen.

jetzt.de: Jon, schon im Titel Ihres neuen Buches beschreiben Sie die Liebe als ungleiches Spiel. Warum?
Jon Birger: Wenn man sich hier in den USA die Menschen zwischen zwanzig und dreißig anschaut, die einen College-Abschluss haben, dann kommen auf vier Frauen rechnerisch nur drei Männer. Und das beeinflusst das Kennenlernen untereinander nicht nur statistisch, sondern ganz konkret.

Inwiefern?
Naja, da es sozusagen einen Überschuss akademischer Frauen gibt, müssen sich Männer nicht so schnell festlegen. Daraus hat sich die “Hookup-Culture” entwickelt: man hat eher One-Night-Stands und lockere Beziehungen, geheiratet wird spät. Das liegt am Ungleichgewicht zwischen gut ausgebildeten Männern und Frauen. Das ist aber speziell ein amerikanisches Problem; es gibt rund 35 Prozent mehr weibliche Collegeabsolventen als männliche. In Deutschland besuchen nur sieben Prozent mehr Frauen als Männer eine Hochschule.

Wann hat sich dieses Ungleichgewicht eingestellt?
Im Jahr 1982 haben letztmals mehr Männer als Frauen einen Collegeabschluss erreicht. Schätzungen zufolge werden im Jahr 2023 47 Prozent mehr Frauen als Männer einen Abschluss machen - das heißt, es kommen dann drei Frauen auf zwei Männer.

Warum kann man sich denn nicht einfach mit jemandem treffen, der keinen Collgeabschluss hat?
Richtig! Das alles würde ja keine Rolle spielen, wenn wir gewillt wären, jemanden zu daten, der weniger gebildet ist als wir selbst. Aber weder Akademikerfrauen noch -männer möchten jemanden treffen, der ihnen intellektuell unterlegen ist. Online-Dating hat das allles noch verschlimmert: Hier geben fast alle Akademiker in die Suchmaske ein, dass sie jemanden suchen, der auch einen Collegeabschluss hat. Dabei ist das oft gar kein Kriterium, wenn man sich im echten Leben trifft. Ich habe eine Nachricht von einer Frau bekommen, die erzählt hat, ihr jetziger Ehemann sei ihr unmittelbar dann angezeigt worden, als sie das Häkchen bei “Hochschulabschluss” entfernt hat.

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Journalist Jon Birger, seit 20 Jahren verheiratet und ist auf der Suche nach den Liebesproblemen der Zukunft.

Die Liebe mit Statistiken und Berechnungen erklären zu wollen, ist ganz schön unromantisch. Gibt es nicht viele, die sowas gar nicht hören wollen?
Im Gegenteil, ich glaube, viele Frauen haben gemerkt, dass etwas falsch läuft - und ich bin derjenige, der es erklären kann. Es gibt so viele Frauen, die zu Recht keinen rationalen Grund finden, warum sie eigentlich mit Mitte dreißig noch Single sind. Ich habe schon mehrmals mitbekommen, dass Frauen erleichtert waren, nachdem sie mein Buch gelesen haben. Denn ich kann ihnen sagen: Es liegt nicht an dir, es liegt an den Zahlen.

Wenn du jung und ungebunden bist, zieh nach San Francisco.

Ist es naiv, heute noch romantisch zu sein?
Überhaupt nicht. Ich weiß selbst, dass sich die Liebe nicht mithilfe von Statistiken einfangen lässt. Täglich verlieben sich Leute in den zufälligsten Situationen und an den merkwürdigsten Orten. An der Magie der Liebe will ich gar nicht rütteln. Ich erkläre nur, warum es für gebildete Frauen schwieriger geworden ist, sie zu finden.

Was würden Sie einer solchen Frau raten?
Also erstmal: Ich bin kein Beziehungsexperte, davon habe ich keine Ahnung. Aber auf der Basis von dem, was ich herausgefunden habe, würde ich sagen: Wenn du jung und ungebunden bist, zieh’ in eine Region, in der viele Männer wohnen. Das ist zum Beispiel in San Jose und San Francisco der Fall. Wenn du nicht wegziehen kannst, dann schau dich einfach mal unterhalb deines intellektuellen Levels um.

Dann ließe sich ja wieder ein Gleichgewicht herstellen?
Ganz genau. Die ganze Geschichte hat nämlich zwei Seiten. In den weniger gebildeten Schichten gibt es absoluten Männerüberschuss. Männer ohne Collegeabschluss haben es definitv genauso schwer, einen Partner zu finden - nur schreiben die eben im Gegensatz zu den gebildeten Single-Frauen keine Drehbücher und Romane.

Sind Sie persönlich denn ein Romantiker?
Naja, ich bin seit 20 Jahren verheiratet… (lacht). Ich denke, die älteren Generationen sind immer etwas weniger romantisch als die jüngeren. Aber falls meine Frau das lesen sollte, schreib, dass ich zu 100 Prozent Romantiker bin!

Text: kristin-hoeller - Illustration: Daniela Rudolf; Fotos: oh, C.D. / photocase.de