"Früher waren die Bösen wie Liam Gallagher. Heute sind sie wie Amy Winehouse."

Richard Milward, 22, studiert Kunst in London und ist Kolumnist für Dazed&Confused. Mit "Apples" legt er jetzt seinen ersten Roman vor, den die britische Presse als moralloses und heftiges Debüt feiert.
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Erinnerst du dich an Larry Clarks Film „Kids“? Klar, ich liebte „Kids“. Warum? Als ich „Apples“ gelesen habe, dachte ich an „Kids“: Vergewaltigungen, Gewalt, eine explizite Sprache. Dann fiel mir ein großer Unterschied auf. Du erinnerst Dich an die „Kids“-Hauptfigur Telly? Ja, dieser 17-Jährige, der versucht, möglichst viele Jungfrauen flachzulegen. Genau. Telly war – aus traditioneller Sicht – echt männlich. Deine beiden Hauptfiguren fallen aus der normalen Geschlechterrolle: Eve ist extrovertiert, Adam ist schüchtern. Ich wollte den Kontrast zwischen den beiden Hauptpersonen ganz klar machen: Eve ist positiv zum Leben eingestellt, Adam negativ. Was mich immer gestört hat und was der Hauptgrund für das Schreiben des Buches war, ist dieser Typ Junge, der mit Steroiden aufgepumpt in Clubs rumhängt und versucht, Frauen flachzulegen. „Apples“ ist für mich eine Anti-Macho-Geschichte. Ich glaube nicht, dass sich in dieser Hinsicht viel seit „Kids“ verändert hat: Es gibt dieses Verhalten von Jungs immer noch. Aber, zumindest in Großbritannien, hat sich etwas verändert: Es gibt jetzt eine „Ladette“-Kultur – vermutlich ist das die Schuld der „Spice Girls“. Die Mädchen in deinem Buch erscheinen wie solche Typetten: Sie führen ein hedonistisches Partleben à la Amy Winehouse. Es stimmt: Als „Kids“ erschien, waren die Bösen wie Liam Gallagher. Das böse Mädchen im Scheinwerferlicht gab es damals noch nicht. Heute erscheint es so, als sei Amy Winehouse genauso zügellos wie Pete Doherty und Lindsay Lohan so verrückt wie jeder männliche Star. Glaubst du, dass sich auch die Jungs geändert haben? Das ist schwieriger, weil es nicht so offensichtlich ist. Auf der einen Seite wird es immer diesen Typus des Alphamännchens geben: Männer wollen irgendwie die Stärksten sein, das Ende der Nahrungskette sozusagen. Gleichzeitig sind viele Jungs heute viel sensibler. Ich selbst zum Beispiel bin aufgewachsen in einer Gruppe mit vielen sensiblen Jungs und bin selbst so. Wir haben ein modernes Bild von Männlichkeit. Und gleichzeitig musst du dir vermutlich von Gleichaltrigen anhören, dass du dir die Haare schneiden lassen musst, oder nicht? Ja, von den Telly-Jungs. Es gibt bestimmt zwei Gruppen von Jungs und von der einen Gruppe musst du dir anhören, dass Gefühle weiblich sind. Und das ist doch merkwürdig: Auch diese Rugbyspieler-Typen mögen die Beatles, aber sie mögen Jungs nicht, die so aussehen wie Paul und John. Gleichzeitig bemerke ich manchmal selbst, dass es auch bei meinen Freunden und mir so ist, dass wir dieses natürliche Bedürfnis haben, uns männlich zu geben. Aber die Haltung ist eine andere. Kürzlich habe ich im Bus zwei Jungs zugehört, die über ein Mädchen sprachen. Der eine sagte: „Sprich sie an, fick sie und werd sie los.“ Ich dachte nur: Super Spruch, Mann.

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Illustration: Julia Schubert

In Deutschland gibt es gerade eine Debatte über einen neuen Feminismus. Glaubst du, dass man für solche Jungs mit modernen Ansichten über Frauen und Männer, eine Feminismus-Entsprechung für Männer braucht? Ich glaube, dass sich etwas verändert hat. Schau uns beide an: Wir haben moderne Ansichten über Frauen, gehen nicht ins Fitnesscenter und brauchen einen Haarschnitt. Es ist wichtig, darüber zu sprechen. Ich weiß aber nicht, ob wir dafür eine Schublade brauchen, und habe auch Angst, dass es eine Farce werden könnte. Vielleicht müssen wir uns auch einfach nur besser verstehen. Das Ganze wird doch nur dann zum Problem, wenn jemand dich ansieht und sich fragt: Warum trägt Hannes seine Haare so lang? Gibt es in der englischen Kultur eine Tradition von aufgeklärten Männern? Etwa das Wort „gentleman“ – gleichzeitig sanftmütig und männlich. Ja, dieses Wort ist wirklich interessant. Ich glaube schon, dass wir früher bessere natürliche Werte hatten und deshalb mehr Respekt voreinander. „Gentleman“ – das ist, was wir sein sollten. Warst du mit 15 eher, wie Eve, der Partytyp oder, wie Adam, ein schüchterner Stubenhocker? Es war ein Doppelleben: Ich ging auch mit 15 Jahren das erste Mal aus, wusste nicht, wie ich mich geben sollte und was man an der Bar sagt. Nach einiger Zeit führte ich aber ein Leben wie Eve mit Drogen und allem, was dazugehörte. Ich habe jedes Wochenende Ecstasy genommen, hatte wunderschöne Erscheinungen unter Drogen. Ich war wie Eve sehr intensiv in das Leben verliebt. Während der Woche war ich dann eher wie Adam und habe mich für Stunden in meinem Schlafzimmer eingeschlossen und geschrieben. Eve, deine Hauptfigur, scheint nicht wirklich überzeugt von ihrer Lebensführung, reflektiert aber auch nicht. Das ist schwer, wenn man 15 oder 16 ist: Du willst cool sein und wenn du es bist, cool bleiben. Für Adam, der offensichtlich cool sein will, ist es leichter zu reflektieren, weil er keinen wirklichen Gruppenzwang kennt, zumindest nicht in dem Maße wie Eve. Warum hat Richard das Buch geschrieben? Weil er auf Partys einige schlimme Sachen gesehen hat. Nächste Seite.


Mit 19 hast du begonnen, an dem Buch zu schreiben. Wie kam es dazu? In „Apples“ gibt es zwei Szenen, wo auf Partys komatös-betrunkene Mädchen vergewaltigt werden. Ich war auf einer Party, auf der etwas Ähnliches passiert ist: Ein Typ hatte Sex mit einem Mädchen, die sich gerade übergeben hatte. Ich weiß nicht, ob sie es wollte – sechs Monate später ist sie immerhin mit ihm gegangen –, oder nicht, ob es also im technischen Sinne eine Vergewaltigung war. Aber es war eine sehr, sehr graue Zone. Etwas Ähnliches passiert wahrscheinlich jeden Tag irgendwo – ich wollte ergründen, wie es dazu kommt und was mit den Leuten passiert. Ich glaube nicht einmal, dass dieser Typ auf der Party das Mädchen verletzen wollte, obwohl er es getan hat. Es ist ein bisschen so wie mit Telly in „Kids“: Er war sich auch nicht bewusst, dass er AIDS hatte. War das der Grund, warum du auch aus der Perspektive eines Mädchens schreibst? Irgendwie natürlich schon: um beide Seiten zu zeigen. Aber gleichzeitig schien es mir fast natürlich aus dieser Position zu schreiben. Als ich in dem Alter war, war ich vor allem von Mädchen umgeben. War es komplizierter Eves Teil zu schreiben, dich also in die Perspektive eines Mädchens hineinzuversetzen? Rückblickend würde ich sagen, dass es schwieriger war Adams Teil zu schreiben, gerade weil er ein Junge ist: In ihm steckt viel von mir und ich hatte immer Angst, zu viel preiszugeben. Von Eve konnte ich mich leichter distanzieren. Hast du dich verändert durch „Apples“, also in gewisser Weise durch die Reflexionen über die eigene Pubertät? Ich bin fraglos reifer geworden. Ich nehme zum Beispiel immer noch Drogen, aber mit weniger Idealismus als früher. Auch heute lebe ich einen unkonventionellen Lebensstil. Viele meiner Freude sind Künstler oder Boheme und gegen die Idee, einen guten Job zu finden, um viel Geld zu verdienen. Vielleicht ist das auch, weil Middlesbrough eine relativ hohe Arbeitslosenquote hat und wir auch von den vorangegangenen Generationen, die alle im Kohleabbau tätig waren, eine heftige Trinkkultur geerbt haben. Auf der anderen Seite: Ich bin sehr diszipliniert. Und im Hinblick darauf sind Drogen ambivalent: Sie erhöhen und verhindern Kreativität. 15 ist so ein komisches Alter: Die Mädchen gehen ein bisschen früher durch die Pubertät und erscheinen plötzlich wie Frauen. Die Jungs hängen noch fest in der Klassengemeinschaft und sind wie Kinder. Aber auch die Mädchen sind in diesem Alter noch wie Kinder: Gerade die Mädchen in „Apples“ können mit Krisensituationen nicht umgehen, benehmen sich dann entweder sehr unrational oder rufen nach ihren Müttern. Du hast bestimmt Recht. Das ist Teil des Merkwürdigen: 15-Jährige haben Sex mit Männern. In diesem Alter wäre ich nie mit einer 23-Jährigen ausgegangen. Als Junge bist du in der Mitte des Niemandslandes: Du hast keine Referenz. Du kannst schließlich nicht mit 13-Jährigen ausgehen. Das was du hier beschreibst, scheint die Leute in Großbritannien schwer geschockt haben. Auch nach „Kids“, nach „Thirteen“, nach „Trainspotting“, nach „Jim Carrol“ habe ich in jeder Rezension gelesen, dass man geschockt sei. Manche sagten aber auch, es sei nicht schockend genug. Viele dachten wohl nicht, dass ihre Kinder solche Dinge tun. Die Szenen sind sehr konzentriert. Normalerweise gibt es in einer Zeitspanne wie die, die „Apples“ umfasst, auch viel Langeweile. Ich könnte ein ganzes Kapitel darüber schreiben, wie es ist, eine Tasse Tee zu trinken. Um die Geschichte voranzutreiben, habe ich mich aber auf die extremen Aspekte konzentriert. Ich denke, man kann sich nicht vorstellen, dass das Leben von Jugendlichen genauso ist wie in „Apples“ oder „Kids“ – aber ich denke auch, dass man daran etwas lernen kann.

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Illustration: Julia Schubert

"Apples" von Richard Milward ist letzte Woche im Blumenbar-Verlag erschienen.

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