„Für die Kunst würde ich töten“

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jetzt.de: Als „Anarchy Violonist“ hast du 2003 auf dem Courtney Love-Album „Americas Sweetheart“ mitgewirkt. Wie ist der Anarchismus-Begriff gemeint? Emilie Autumn: Mein Gebrauch der Geige hat nur noch sehr wenig mit dem klassischen Ansatz gemein, insofern ist „anarchistisch“ hier eher als ein Synonym für „außergewöhnlich“ zu verstehen und nicht im Sinne von „tun und lassen, was man will“. Aber eine wichtige Message meiner Show ist auch die, niemals Angst davor zu haben, man selbst zu sein. Die Kunst ermöglicht es einem schließlich, sich voll und ganz nach seinen Vorstellungen zu entfalten. Und wenn man dazu ein blutiges Bild mit nackten Geschlechtsteilen entwerfen muss, dann soll das so sein. Kunst kennt weder Grenzen noch Angst vor Konsequenzen. Kunst darf alles, und das sollte man als Chance begreifen. Insofern ist mein Verständnis von Kunst durchaus ein anarchistisches. Ist es wichtig, dass man sich dessen stets bewusst ist? Ich glaube, das passiert irgendwann ganz automatisch, wenn man intensiv nach einer geeigneten Ausdrucksform für sich selbst sucht. Ich habe das auch erst über die Jahre gelernt. Irgendwann muss man sich eben entscheiden: Entweder man rennt weg, wenn man bei sich selbst ankommt oder man stellt sich dem Ganzen und kämpft es aus. Und ich bin definitiv eine Kämpferin, und zwar in allen Belangen. Man sollte niemals vergessen: Niemand fightet gnadenloser und verbissener als eine Frau, die beschützt, was ihr am nächsten ist. Und bei mir ist das die Kunst. Dafür würde ich auch töten, wenn es sein muss. Wenn man deine Platte nicht mag, sollte man sich also in acht nehmen, ja? Nein, denn das greift meine Kunst nicht an. Die Bedrohung kommt von Plattenfirmen und der Medienindustrie. Erstaunlicherweise bekomme ich allerdings noch mehr Zuspruch für meine Musik, seit ich mir keine Gedanken mehr darüber mache. Denn die Leute wollen echte Künstler sehen, die nicht einzig und allein darauf zugeschnitten sind, ihnen zu gefallen. Wenn man nur versucht, mediensuggerierte Bedürfnisse zu befriedigen, wird man scheitern. Ich begreife meine Kunst nicht als Dienstleistung fürs Publikum, sondern mache sie für mich selbst – und genau deshalb bekomme ich die Aufmerksamkeit der Leute. „Dead Is The New Alive“
Emilie Autumn "Dead Is The New Alive" Promo

Emilie Autumn (Official) | MySpace Musikvideos Als Emilie Autumn hast du nicht nur Platten und Bücher veröffentlicht, sondern auch ein eigenes Paralleluniversum, einen Rückzugsort namens „The Asylum For Wayward Victorian Girls“ kreiert. Warum? Ich habe irgendwann einfach erkannt, dass die "reale Welt" nicht für mich erschaffen wurde. Ich brauche aber eine Umgebung, in der ich mich sicher und geborgen fühlen kann, in der ich mit mir im Reinen bin. Solche Parallelwelten kreiert jeder – ich habe nur ein Mikrofon, um etwas lauter darüber sprechen zu können. Wir können unsere Wünsche und Vorstellungen schließlich nicht alle in der Realität ausleben, daher müssen wir sie in imaginäre Welten tragen. Haben dort denn auch interessierte „Wayward Victorian Boys“ Zutritt? Auf jeden Fall! Wir lieben Jungs! Bei meinen Shows besteht das Publikum mittlerweile zur Hälfte aus Männern, und das ist toll. Die erkennen das Augenzwinkern hinter meinem leicht feministischen Ansatz. Und ob sie am Ende wirklich Teil meiner Welt sein wollen oder lediglich da sind, weil sie gerne ein paar halbnackte Frauen in engen Korsagen sehen wollen, spielt am Ende des Tages keine Rolle. Uns geht es um das Akzeptieren sämtlicher Bedürfnisse, insofern braucht man sich für die Beweggründe zum Besuch unserer Show nicht zu rechtfertigen. Du fühlst dich als Frau also nicht herabgewürdigt, wenn ein Mann nur deshalb in der ersten Reihe steht, um dir zwei Stunden lang aufs Dekolleté starren zu können? Nein, warum? Meine Mädels auf der Bühne, die Bloody Crumpets, sind nun einmal atemberaubend schön, darauf bin ich sehr stolz. Sexualität ist eben nicht nur eine grandiose, ästhetische und befriedigende Sache, sondern auch extrem kraftvoll. Diese Kraft kann man als Frau jedoch durchaus dafür einsetzen, um seine Inhalte unters Volk zu bringen. Bei trockenen Vorträgen und Belehrungen schalten die Leute sofort ab, aber mit zwei Sachen kann man sie erreichen: Sexualität und Humor. In deinem Stück „Thank God I’m Pretty“ setzt du dich jedoch auf sehr sarkastische Art und Weise mit dem vermeintlichen Vorteil physischer Schönheit auseinander. Das stimmt, denn auch hier gibt es natürlich zwei Seiten einer Medaille. Ein Freund von mir hat irgendwann einmal angemerkt, wie gut wir Frauen es doch hätten: Wir hätten freien Eintritt in sämtliche Clubs, bekämen dort ständig Drinks spendiert und würden überall zuvorkommend behandelt. Und das hat mich wahnsinnig wütend gemacht. Ich konnte nicht glauben, dass er das ernst meint. All diese kleinen Gesten sind letztlich nichts anderes als eine Art Entschädigung für all die Scheiße, die man als Frau täglich durchmachen muss. Denn warum kommt man als attraktive Frau umsonst in den Club? Damit die Männer Unmengen von Geld an der Bar lassen. Wir werden also lediglich dafür benutzt, den Profit der Club-Besitzer zu steigern. Und den Drink bekommt man auch nicht aus reiner Nächstenliebe spendiert, die Typen erwarten dafür schließlich eine Gegenleistung. Frauen werden so immer noch tagtäglich diskriminiert, diskreditiert und terrorisiert. Aber hey: Immerhin gab es ein Freigetränk.

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Illustration: Julia Schubert

Opheliac (Deluxe Edition) von Emilie Autumn erscheint am 12. Februar auf The End Records.

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