"Für Dietl wäre ich auch nach Osnabrück gezogen"

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Kaum ein Film ist gerade umstrittener als die "Mal wieder"-Medienkomödie "Zettl" mit Bully Herbig in der Hauptrolle. Ein Nachfolger von "Kir Royal" soll es sein, der umfeierten Mini-Serie von Dietl aus den Achtzigern, als Klatschreporter Baby Schimmerlos (Franz Xaver Kroetz) mit Fotograf Herbie (Dieter Hildebrandt) Prinzessinnen nachstieg und sterbende Komponisten kurz vorm Exitus abschoss.

"Zettl" ist ein unterhaltsamer Film geworden, der manchmal an eine Klamotte erinnert, sprachverliebt ist und die 80er-Jahre-Dialogführung des Autors reaktiviert. Das wird "Zettl" vorgeworfen, weil es nicht mehr modern wirkt und weil man glaubt, alles zu kennen. Aber ist der Autor tatsächlich Opfer seines unverwechselbar "dieteligen" Stils geworden?

Das Unterhaltsame ist viel zu oft ein Vorwurf. Langweilen muss man sich bei "Zettl" nicht. Helmut Dietls Co-Autor kennt diese Vorwürfe: Benjamin von Stuckrad-Barre übernahm den Part, den Patrick Süskind bei den meisten Dietl-Produktionen inne hatte. Er hat mitgedacht und mitgeschrieben und mitdiskutiert, jahrelang, mit dem Mann, der ihm "einige der prägendsten Kinoerlebnisse" beschert hat. Ein Treffen mit dem Idol sozusagen. Heikle Mission. Ging das gut?

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Illustration: Julia Schubert


Stuckrad-Barre und Helmut Dietl

jetzt.de: Als Franz Xaver Kroetz 1996 den Klatschreporter Baby Schimmerlos in der Serie "Kir Royal" spielte, war er als Schriftsteller bekannt. Warum sehen wir Dich nicht bei "Zettl", dem Spin-off von Kir Royal in der Hauptrolle?
Benjamin von Stuckrad-Barre: Na, weil ich Autor bin. Franz Xaver Kroetz hat bei „Kir Royal" mitgespielt, nicht aber am Buch mitgeschrieben. Schreiben und spielen würde nicht funktionieren, und zum Spielen habe ich keinerlei Talent. Aber in jedem Film von Helmut Dietl ist die Bandbreite der Darsteller enorm – von einer beispiellosen Riege Erster-Klasse-Schauspieler, bis hin zu solchen, die man zuvor nie in einem Spielfilm sah, wie eben damals Kroetz, in „Late Show" erstmals Harald Schmidt – und jetzt in „Zettl" Christoph Süß. Den kennt man bislang ja nur aus der einzigen guten politischen Sendung im Bayerischen Fernsehen, „quer". Das ist bei Dietl immer großartig, ein solches Ensemble zusammenbringen, das kann nur er.

Wie ist der Kontakt zwischen Dir und Helmut Dietl zustande gekommen?
Christoph Müller, ein gemeinsamer Freund, hat uns miteinander bekannt gemacht. Er hat früher für Dietls Produktionsfirma „Diana Film" gearbeitet und wollte damals mein Buch „Soloalbum" verfilmen. Das hat erst nicht geklappt und dann doch, aber bei einer anderen Firma. Jedenfalls kannte Christoph uns beide gut, und als Helmut Dietl im Sommer 2006 nach Berlin gehen wollte, um das "Zettl"-Drehbuch zu schreiben, und einen Co-Autor suchte, der mit diesem Vorhaben etwas anfangen kann und mit dem er zurecht kommt, schlug Christoph ihm vor, es doch mal mit mir zu versuchen.

Damals bist Du gerade aus Zürich nach Frankfurt gezogen...
... und dann hieß der Marschbefehl: Berlin. Hätte Dietl gesagt, „wir drehen in Osnabrück", wäre ich eben dorthin gezogen. Um mit Dietl etwas machen zu dürfen, wäre ich überall hingezogen, ganz klar. Er war schon immer ein großer Held für mich, seine Fernsehserien und Filme habe ich seit jeher sehr geliebt.

Helmut Dietl hat 1993 für seinen Kinofilm "Schtonk" eine Oscarnominierung kassiert. "Zettl" ist Dein erstes Drehbuch als Co-Autor. Hattest Du sehr viel Respekt vor dieser neuen Aufgabe?
Natürlich! Die immense Ehrfurcht musste ich dann aber für die gemeinsame Arbeit beiseite schieben, denn als bloßer Fan wäre ich ihm ja kaum hilfreich gewesen. Das wird spätestens ab dem zweiten Tag öde, wenn man die ganze Zeit „toll!" und „ja, lustig!" sagt und dass einem dazu jetzt die und die Passage aus einem seiner vorherigen Werke einfällt, die man übrigens auswendig aufsagen kann und so weiter. Und doch hatte ich natürlich anfangs dauernd größte Angst, es zu vermasseln, seinen hohen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Aber es war dann ganz herrlich, wir sind wunderbar miteinander zurechtgekommen, ich habe wahnsinnig viel gelernt, es war sehr lustig, und auch wenn es natürlich anstrengend war, wusste ich die ganze Zeit, das ist jetzt die schönste Zeit meines Lebens.

Ihr habt gemeinsam für "Zettl" recherchiert?
Wir sind in Mitte viel herumspaziert, haben beobachtet, wie die Menschen sich hier aufführen, wie sie miteinander umgehen, welcher Geist oder auch Ungeist in diesem eng begrenzten Teil Berlin, nämlich dem Regierungsviertel, vorherrscht.

Im Nachwort des "Zettl"-Drehbuchs erzählst Du, wie viel Helmut Dietl mit Dir geredet hat - bevor die erste Drehbuchzeile geschrieben war. Wurden diese Gespräche mitgeschrieben?
Wir haben uns erstmal nur unterhalten. Stundenlang, über Wochen. Das wurde nicht protokolliert, wir mussten ja erstmal ein Gefühl für den Stoff kriegen, auch füreinander, wie der andere so denkt, spricht und so weiter. Uns eint die Leidenschaft, permanent über den öffentlichen Gebrauch und Missbrauch von Sprache sprechen zu wollen. Und darüber werden wir auch bis wir tot sind miteinander sprechen – wir schicken einander unentwegt Ausrisse aus Zeitungen oder diskutieren Formulierungen, die wir im Radio oder auf der Straße oder sonst wo gehört haben, lesen auch häufig gleichzeitig die selben Bücher und tauschen uns darüber aus.

Du arbeitest in Medien, Du schreibst seit jeher über Medien - bereits "Soloalbum" war ein Medienroman. Deine ersten Texte in der taz erzählen vom ZDF-Express, von Dreharbeiten, Moderationszettel, von BUNTE-Chefredakteur Paul Sahner. Was begeistert Dich an dieser Szene?
Zunächst mal kenne ich diese Kampfzone aus beiden Perspektiven, einerseits veröffentliche ich selbst Texte, andererseits kommt es auch vor, dass etwa über mich geschrieben wird oder ich zu Gast in irgendeiner Sendung bin. Mich interessieren Medien natürlich als Absender von Sprache, dort wird aktuelles Sprechen dokumentiert. Es ist auch unerlässlich, in einem Film wie „Zettl", der im Regierungsviertel von Berlin spielt, die Medien als Machtfaktor zu berücksichtigen und Teil der Erzählung werden zu lassen. Politiker sagen oft, das und das „wird gespielt" über die und die Zeitung oder Sendung, also praktisch über die Bande der Medien. Gezielte Indiskretionen, mal ein schönes Foto hier, mal eine ganz zufällige Gehässigkeit dort, ein geheimes Treffen, allein mit dem Ziel, das alle es mitbekommen – also für eine Komödie die besten Zutaten.

Dietl hat immer wieder München-Filme gedreht. Ist "Zettl" jetzt ein echter Berlin-Film?
Dieser Film – man kann es nicht oft genug sagen – handelt nicht von ganz Berlin, es geht wirklich nur um diesen ganz kleinen Ausschnitt, um das Regierungsviertel. Zudem ist „Zettl" natürlich keine bloße Abbildung der Realität. Spätestens seit Guttenberg und Wulff kommen die besten Gags ja sowieso schon in der Tagesschau. Es hat uns nie interessiert, mehr oder weniger verklausuliert das reale Berliner Personal auftreten zu lassen: Also einen Dicken, der es nie bis nach ganz oben schafft, in Klammern: Sigmar Gabriel; einen fröhlichen Friseur mit schwarzer Brille, zu dem alle rennen, in Klammern Udo Walz; und eine Kanzlerin, die oft schlecht gelaunt dreinblickt und vor der alle Angst haben, in Klammern: ihr wisst schon, zwinker, zwinker. Das wäre Kabarett, schrecklich. Unsere Figuren und ihr Tun sind zwar eine Essenz dessen, was wir hier beobachtet, gehört und erlebt haben. Aber es ist dann eben ein Spielfilm, eine Komödie, genauer gesagt, alles ist x-mal durch den Wolf gedreht und auf den Kopf gestellt worden, dadurch ist der Wirklichkeitsgehalt kleiner, der Wahrheitsgehalt aber viel höher.

Am 9. Februar beginnt die neue Staffel Deiner Sendung "Stuckrad Late-Night" mit Gast Michael Glos. Aufgeregt?
Immer! Das sieht man in jeder Sendung, oder? Ich bin wahnsinnig aufgeregt, ein Profi-Moderator wie etwa Kai Pflaume kann, will und werde ich niemals sein. Obwohl ich Kai Pflaume natürlich vergöttere für seine Fähigkeit, komplett unangekratzt durchs Leben und durch seine Sendungen zu spazieren. Aber ich möchte exakt das Gegenteil, und es liegt in der Offenlegung der Nervosität für mich durchaus auch eine Form der Höflichkeit, nämlich dem Gast zu zeigen: Verdammte Axt, Herr Brüdele, jetzt habe ich so viel über Sie gelesen und gehört, jetzt sind Sie wirklich hier, ich schwitze vor Aufregung, Sie wissen viel mehr als ich, lassen Sie mich teilhaben an Ihrem Wissen. Souveränität finde ich nicht erstrebenswert, diese Haltung: „Ich kapiere in Gänze die Finanzkrise, den Verfassungsschutz und was momentan in Syrien passiert, kurzum: die Welt, und ich weiß alles besser als meine Gäste." Nö. Ich lese so viel wie möglich, hör mich um, und dann versuche ich mit meinem Gast gemeinsam zu erörtern, was das nun alles bedeuten könnte.



Text: jan-drees - Fotos: dpa, dapd

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