„Für mich ist es immer wieder eine riesengroße Überwindung, mich vor anderen Menschen zu offenbaren“

Bekannt wurde Tom Schilling durch "Napola" und "Crazy". Seit Mitte April steht der 26-jährige Vater nun in einer Verfilmung von George Taboris „Mein Kampf“ neben Götz George als junger Hitler vor der Kamera.
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Tom, in George Taboris Hitler-Farce „Mein Kampf“ von 1987 spielst du den jungen Hitler, der an der Wiener Kunstakademie als Maler abgelehnt wird und in dieser Zeit mit dem Juden Schlomo Herzl in einem Wiener Asyl für obdachlose Männer lebt. Vor zwei, drei Jahren wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, dir eine solche Rolle in einem außergewöhnlichen Projekt wie diesem anzubieten. Schilling: Ja, das stimmt. Das liegt daran, dass ich älter werde. Inwiefern empfindest du diese Rolle als Herausforderung? Es ist eine große Herausforderung, weil es eine große Vorlage ist, der man gerecht werden muss. Ich empfinde eine große Verantwortung George Tabori gegenüber, der übrigens gesagt hat, dass er nie wollte, dass jemand eine Karikatur spielt oder eine Hitler-Kopie abgibt. Das werde ich auch nicht machen. Sondern ich werde es auf meine Art und Weise machen. Auf der anderen Seite ist die Herausforderung auch dadurch groß, dass der Film eine ganz andere mediale Aufmerksamkeit kriegt. Ich hatte bisher bei keinem Film sonst das Phänomen, dass ich in allen Zeitungen als dpa-Meldung lesen konnte „Schilling und George in ‚Mein Kampf’ - Schilling als der junge Hitler“ oder „Nach Bruno Ganz, Helge Schneider, jetzt – unglaublich, aber wahr – Tom Schilling spielt Hitler“. So etwas gab es bei anderen Filmen nie. Die Leute gucken darauf. Die Aufmerksamkeit ist gewaltig. Freut dich das? Nicht unbedingt. Aber ich kann unter Druck sehr gut arbeiten. Ich brauche auch Druck, um zu funktionieren. Wenn den Leuten der Film nicht gefällt oder sie etwas anderes erwartet haben, kann ich es danach auch nicht mehr ändern. Wenn meine Karriere danach zu Ende ist, dann ist sie halt zu Ende… Inwiefern hast du die Möglichkeit, dir deine Rollen auszusuchen? Ich kann nicht spielen, was ich selber machen will. Denn das deckt sich ja nicht damit, was mir angeboten oder überhaupt geschrieben wird. Jedoch habe ich auch die Freiheit, Sachen abzulehnen, die mich intellektuell nicht stimulieren. Auf der anderen Seite gibt es Rollen, die ich gerne spielen möchte, wo ich dann zum Casting muss und mich wie jeder andere zu beweisen habe. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich meine Leidenschaft, die Schauspielerei, als Beruf ausüben und damit Geld verdienen kann. Hat der Beruf auch Nachteile? Ja, natürlich. Für mich ist ein großer Nachteil, dass man sich Tag für Tag wieder ausliefern muss. Ich weiß nicht, ob man sich das vorstellen kann und es ist sicher auch von Schauspieler zu Schauspieler unterschiedlich, aber für mich ist es immer wieder eine riesengroße Überwindung, mich vor anderen Menschen zu offenbaren. Ich empfinde mich nicht als einen sehr extrovertierten Menschen. Ich bin auch in meiner Freizeit kein Spieler oder so und gebe auch nicht gerne den Clown. Für mich kostet es ganz oft viel Überwindung, das zu machen und dann frage ich mich natürlich auch: Wieso tue ich mir das an?

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Illustration: Julia Schubert

Schilling als Adolf Hitler neben Götz George alias Schlomo Herzl Sind das richtige Ängste? Ich habe mehr Angst als jemand, der weiß, was er am nächsten Tag macht. Denn er weiß, dass es das sein wird, was er auch in einem halben Jahr noch machen wird. Er weiß, was ihn erwartet, wenn er ins Büro kommt. Ich hingegen muss mich immer wieder auf neue Sachen einlassen und immer wieder mit den gleichen Dingen, die mir schwer fallen, kämpfen. Und das wird auch nicht besser. Vor einigen Jahren sagtest du, dass es bei dir immer wieder auch richtig depressive Phasen gibt. Ist das nach wie vor der Fall? Ich glaube, dass mich die Routine da schon ein bisschen verändert hat, dass ich zu einem Bruchteil schon besser damit umgehen kann und weiß, was mich erwartet. Deshalb bin ich diesen Stimmungsschwankungen nicht mehr ganz so stark ausgesetzt. Was zum Beispiel im Detail auch bedeutet, dass ich mir vor fünf Jahren schlechte Kritiken sehr viel mehr zu Herzen genommen habe als heute, in einem gleichen Maß wie ich auch gute Kritiken zu wichtig genommen habe. Du hast dich stark beeinflussen lassen? Ja, ich habe mich von außen sehr stark beeinflussen lassen. Man muss natürlich auch erstmal einen Umgang damit erlernen, dass man ständig beurteilt wird. Dass es Leute gibt, die nichts mit dir zu tun haben, die dich aber beurteilen. Wenn man jung ist, regt man sich tagelang darüber auf, dass jemand, der hinter seinem Schreibtisch sitzt und selber nichts wagt, deine Arbeit kritisiert. Inwiefern hat sich deine Einstellung dem gegenüber verändert? Insofern, als dass ich weiß, dass ich kein besserer Schauspieler dadurch werde, wenn mir jemand sagt, dass ich in einem Film toll war. Und ich bin auch kein schlechterer Schauspieler, wenn jemand schreibt, dass ich schlecht war. Ich bin so wie ich bin. Es ist mir nicht mehr so wichtig, was über mich geschrieben wird. Gleich am Anfang meiner Karriere habe ich den Film gemacht, der bisher am erfolgreichsten war… …das war „Crazy“. Ja. Und da schwimmt man auf einmal auf so einer Welle und findet es seltsam, wenn die plötzlich vorbei ist. Man fällt fast in eine Depression. Ein bisschen später lernt man, dass es anderen genauso geht und die Presse jede Woche einen neuen Shootingstar sucht oder den neuen Super-Jungschauspieler feiert, der mutmaßlich eine Riesenkarriere machen wird. Die Presse möchte das ja auch so. Am Ende des Tages geht es allerdings für einen selbst darum, zu konservieren, was man sich erarbeitet hat und Beständigkeit zu zeigen.


Wie lange hat es damals gedauert, dass diese "Crazy"-Welle vorbei war? So zwei, drei Jahre. Nach „Crazy“ dachte ich: Mir kann nix passieren und ich werde in Zukunft genauso große Erfolge haben. Ich hatte das Gefühl, mir könnte keiner was und ich sei besser als die anderen in meinem Alter. Inzwischen sehe ich natürlich, wie viele wunderbare Schauspieler es gibt. Es gibt auch viele junge Schauspieler, die nachkommen, die auch gut sind. Wie war das andererseits mit der Popularität, die du seit „Crazy“ ja auch sehr stark erfahren hast? Wie bist du damit umgegangen – und wie ist es heute? Ich hab mich da ein bisschen zurückgezogen, weil ich zu der Zeit gerade Abitur gemacht habe und ich empfand es natürlich einerseits sehr schmeichelhaft, eine solche Aufmerksamkeit zu bekommen. Es hat mich aber auch ein bisschen gestört und ich habe mich dem ein bisschen entzogen und das Feld Robert (Stadlober, d. R.) überlassen. Dadurch ist vielleicht auch so ein Kelch an mir vorüber gegangen. Das, was Robert oft aufs Butterbrot geschmiert bekommt, nämlich dass er sich da ein bisschen zu sehr abgefeiert hat, ist bei mir in der Form Gott sei Dank nicht passiert.

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Illustration: Julia Schubert

Schilling in "Napola" Du bist mittlerweile Vater eines eineinhalb Jahre alten Sohnes. War das Vaterwerden ein großer Einschnitt in deinem Leben? Ja. In was für einer Lebenssituation befindest du dich heute – kannst du das beschreiben? Wenn ich mich vorher gefragt habe, ob ich heute in den Club gehe oder lieber in den anderen und mich nicht entscheiden konnte, musste ich mich zu dem Zeitpunkt, als meine Freundin schwanger wurde, eben nicht entscheiden, ob ich ein Steak esse oder einen Schweinsbraten, sondern ob ich in diese Richtung gehe oder in die andere. Ich stand das erste Mal wirklich vor einer Kreuzung in meinem Leben und konnte bewusst eine Entscheidung treffen. Ganz viele Sachen, die meine Arbeit betreffen, sind mir zugeflogen, die sind passiert. Eine solche Entscheidung – wie die in Hinblick auf das Kind – stellt einen aber vor eine ganz große Aufgabe. Was es jetzt mit mir macht, abgesehen von den ganzen vielen kleinen Freuden und den Anstrengungen, die ein Kind mit sich bringt, ist es so, dass man einfach diese Verantwortung hat. Es ist auch ein ganz anderes Gefühl, wie man mit sich selber umgeht. Weil – auch wenn es eine Plattitüde ist: Man muss einfach auf sich selbst aufpassen, wenn man ein Kind hat, weil man dazu auserkoren wurde, ein anderes Leben auf das, was wir hier alle durchmachen müssen, vorzubereiten. Und das so gut wie möglich. Das ist die Aufgabe. Wie hast du dich auf das Vatersein vorbereitet? Hast du zum Beispiel viel mit deinen Eltern geredet? Nein, ich habe mit meinen Eltern nicht darüber gesprochen.


Gar nicht? Doch, irgendwann ja. Aber ich habe vor allem eine wahnsinnig tolle Freundin, die all das hat, was ich nicht habe. Da ergänzen wir uns sehr gut. Ich lerne viel von ihr, auf der anderen Seite kann ich meinem Sohn vielleicht auch Sachen geben, die sie ihm nicht geben kann. In der „Tatort“-Folge „Der frühe Abschied“, für die du beim Fernsehkrimifestival in Wiesbaden einen Sonderpreis bekommen hast, spielst du einen jungen Vater, der beim Nachhausekommen seine Frau am Bett ihrer drei Monate alten Zwillinge auffindet – Leon, einer der beiden Zwillinge ist tot. Patrick verdächtigt seine Frau Tamara, das Baby getötet zu haben. Welche Rolle hat es für dich bei diesem Film gespielt, dass du kurz zuvor selbst Vater geworden bist? Das ist eine hypothetische Frage, weil ich natürlich nicht mit Gewissheit sagen kann, dass ich keinen Zugang zu der Rolle gehabt hätte, wenn ich nicht Vater geworden wäre. Das ist spekulativ. Im Nachhinein kann ich mir vielleicht einbilden, dass es mir dabei geholfen hat, damit etwas anfangen zu können und ein Gefühl dafür zu haben, was es bedeutet, Kinder zu haben. Ich glaube, so ein paar Empfindungen, die dann beim Drehen passiert sind, hätte ich als Nicht-Vater nicht gehabt. Es geht in dem Film darum, wie junge Eltern mit der Verantwortung umgehen, die sie für ihre Kinder haben. Wie ist das bei dir – ist es dir von Vornherein leicht gefallen, der Verantwortung für deinen Sohn gerecht zu werden? Nee, natürlich nicht. Mit gewissem Abstand glaube ich jedoch, dass es absolut im Rahmen ist. Das erste Jahr ist immer unglaublich schwierig. Du hast ja zum Beispiel auch keinen Computer – und schenkst der Welt der modernen Kommunikation, in der viele Jugendliche und junge Erwachsene heute viel Zeit verbringen, so gut wie keine Beachtung. Ich bin eben eher ein altmodischer Mensch… (lacht). War das denn eine bewusste Entscheidung? Dass du dir gesagt hast: Meine Zeit will ich besser nutzen? Also, ich habe schon einen E-Mail-Account. Aber ich versuche meinem Umfeld klarzumachen, dass diesbezüglich niemand Erwartungen an mich haben darf, weil mich diese Entwicklung so abschreckt, dass man dem so ausgeliefert ist und dass einem durch die Gesellschaft diktiert wird, wie viel Zeit man für zwischenmenschliche Kontakte aufbringen muss. Wenn man erstmal damit anfängt, ist man jeden Tag am E-Mails schreiben. Finde ich ja schön, man schreibt sich gegenseitig. Aber ich sehne mich trotzdem nach der Zeit zurück, wo man kein Handy hatte. Als Vater aber ist es toll. Da ruft einen der Kindergarten dann an, wenn das Kind krank ist, und man ist auch erreichbar, wenn man unterwegs ist und kann sofort kommen und das Kind abholen. Dennoch sehne ich mich auch nach der Zeit zurück, wo man noch in der Kneipe saß und auf einmal jemand dort anrief und man ausgerufen wurde. Wenn ich das in alten Filmen sehe, finde ich das immer sehr romantisch. Du sagtest vorhin, dass du keine großen Karriereschritte planst. Du schaust also einfach, was auf dich zukommt? Ich habe ja gar keine andere Möglichkeit. Oder vielleicht hat man andere Möglichkeiten, aber so bin ich nicht. Ich rufe nicht jeden Tag in der Agentur an und sage: „Wir müssen für mich was an den Start bringen.“ Ich bin froh, wenn ich in Ruhe gelassen werde und irgendwann jemand anruft und sagt: „Hier hast du ein gutes Buch, da bereitest du dich mal bitte drauf vor, du sollst da den jungen Hitler spielen“. Und entweder gefällt es mir dann oder nicht. Wenn es mir gefällt, bringe ich meine ganze Energie dafür auf, dass ich diese Rolle spielen kann. Manchmal reicht’s, und manchmal reicht’s halt nicht. Ich habe aufgehört, mich verrückt zu machen. Im Winter dreht man so gut wie nie. Ich weiß auch am Anfang des Jahres nicht, was in diesem Jahr auf mich zukommt. Aber es macht mich nicht verrückt, wenn andere sagen, dass sie schon das ganze Jahr ausgebucht sind. Aber du sagtest, die Rollen, die dir angeboten werden, seien nicht unbedingt die, die du dir erträumen würdest. Was wären denn das für Rollen? Ich bin schon eher glücklich als unglücklich mit den Sachen, die ich mache. Aber ich bin kein Autor, ich kann es mir nicht selber schreiben. Es gibt Rollen, die sind einfach ein Geschenk. So eine Rolle wie die von Hannah Herzsprung in „Vier Minuten“ zum Beispiel, wäre eine Rolle, die mich interessieren würde. So etwas ist eine sehr dankbare Rolle für einen Schauspieler. Oder August Diehl in „23“. Ich kann es nur an Filmen festmachen. Deine Rolle als Albrecht in Dennis Gansels Film „Napola“ war auch so eine, oder? Ja, das war für mich eine sehr, sehr dankbare Rolle. Genauso wie die in Leander Haußmanns Verfilmung von Gernot Grickschs Bestseller „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“, der im Sommer ins Kino kommt. Da wusste ich das vorher allerdings nicht. Das hat sich erst während der Arbeit daran in diese Richtung entwickelt. Natürlich gibt es ansonsten einige Filme, in denen ich gerne mitgespielt hätte – wegen Rollen, die schon im Drehbuch so angelegt sind, dass sie einem Schauspieler wahnsinnig in die Hände spielen. Das sind oft amerikanische Filme – die interessieren mich sehr. Das Interview entstand im März 2008 im Rahmen des Fernsehkrimifestivals in Wiesbaden.

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