"Für uns gibt es keine andere Option" - Nora und Michael sind Hausbesetzer

Im Frankfurter Stadtteil Bockenheim hat eine Gruppe das ehemalige Jugendzentrum besetzt. jetzt.de hat sie besucht und gefragt, worum es dabei geht.
caroline-alsheimer

Nora und Michael haben sich ihre Kappen tief ins Gesicht gezogen, zudem schützen sie dunkle Sonnenbrillen davor, erkannt zu werden. Das was die 23jährigen treiben, ist illegal. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion haben die Studenten zusammen mit anderen ein Haus besetzt. Aus dem Gebäude in der Frankfurter Varrentrappstraße wollen sie ein Kunst- und Kulturzentrum machen. Nora, Michael, seit dem zweiten August habt ihr das ehemalige Jugendzentrum (JUZ) in Frankfurt am Main wieder in Betrieb genommen, wie ihr es nennt. Knüpft ihr damit an die Tradition der Hausbesetzung an? Michael (nickt): Wir sehen uns in der Tradition der Hausbesetzung. Unsere Methoden sind die gleichen, auch wenn es nicht unser Ziel ist, Wohnraum zu schaffen. Uns geht es vielmehr um Raum für Kunst und Kultur. Es ist nicht akzeptabel, dass es kaum Platz für unkommerzielle und selbst verwaltete Kulturprojekte gibt. Warum ist das so wichtig? In den meisten Städten gibt es doch gewisse Möglichkeiten, Kunst und Kultur zu erleben… Nora: Ja, Frankfurt gibt sich als kulturelle Stadt, Kunst und Kultur sind erlebbar. Aber es ist auch wichtig, Kunst zu machen. In den öffentlichen Räumen fehlt es an Spontaneität und Kreativität. Wir wollen, dass Menschen die Möglichkeit geboten wird, sich durch Kunst auszudrücken. Unabhängig von Sachzwängen und hierarchischen Strukturen. Ihr nennt eure Initiative faites votre jeu – auf Deutsch heißt das „macht euer Spiel“. Wie ist es zum Namen gekommen? Nora: Bei der Namensgebung hatten wir zunächst an die Roulette-Aussage „rien ne va plus“, „nichts geht mehr“, gedacht. Aber das erschien uns wenig hoffnungsfroh. Wir wollen doch unser Spiel machen und auch andere dazu auffordern, Ideen einzubringen. Im Haus sollen Ateliers, Gruppen- und Gemeinschaftsräume entstehen, die kostenfrei genutzt werden können.

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Die Stammbesetzer sind Künstler und Studenten. Das Haus habt ihr ausgehend von einer Party besetzt. Wie muss man sich das vorstellen? Michael: Wir sind nachts in die Varrentrappstraße gegangen, zusammen mit 150 anderen Leuten. Das zeigt, wie groß die Unterstützung für das Projekt ist. Nur wenige Tage vorher hatten wir langsam mit dem Mobilisieren begonnen. Als wir im Haus waren, haben wir die Türen zugemacht und gefeiert. Schließlich kam die Polizei. Das, was ihr macht, ist illegal… Michael: Ja, das stimmt. Bei der Besetzung haben wir unsere Kontaktnummer auf ein Transparent gemalt und aus dem Fenster gehängt. Wir haben telefonisch verhandelt, dass wir zumindest bis Montag bleiben können. Dann wollten wir Gespräche mit den Verantwortlichen der Stadt zu führen. Am Montag wurde Strafanzeige gestellt. Die Stadt hat Strafanzeige gestellt? Nora: Die Strafanzeige wurde auf Druck des Stadtschulamtes gestellt. Es gibt Pläne, das Gebäude umzubauen. Die Schule für Mode, Grafik, Design in Offenbach beansprucht das Haus. Die Pläne gibt es schon seit Jahren, doch gebaut wird nicht. Das Gebäude steht jetzt leer, wir sind jetzt da. Deshalb haben wir jetzt damit begonnen, das Haus zu renovieren. Auch auf die Gefahr hin, dass ihr gar nicht bleiben könnt? Michael: Es sieht momentan gut aus, ich denke, wir bekommen eine Duldung. Zumindest bis Januar 2009. Wir hoffen, dass wir hier bleiben können, für uns gibt es keine andere Option. Wir fordern auch, dass die Strafanzeige zurück genommen wird. Wir arbeiten einfach weiter. Wir haben gut ausgebildete Handwerker und sogar Architekten, die uns unterstützen. Das Haus hat eine Geschichte… Michael: Günter Sare starb in Frankfurt, nachdem ihn ein Wasserwerfer der Polizei überrollt hatte. Das war 1985 bei einem NPD-Aufmarsch. Sein Tod löste Straßenschlachten zwischen der autonomen Szene und der Polizei aus. Eine Gedenktafel an unserem Haus erinnert an Sare. Auch deshalb kommen viele Menschen hier her. Ist das Haus nicht schon einmal besetzt worden? Nora: Ja, vor 30 Jahren. Aber fast alle, die dabei waren, zogen sich zurück. Die Stadt hatte damals Sozialarbeiter eingestellt. Der Anspruch eines unabhängigen Jugendzentrums war damit nicht mehr zu erfüllen. Jetzt freuen sich viele, dass das Gebäude nicht mehr leer steht, sondern wieder belebt wird. Und von den ehemaligen Hausbesitzern bekommt ihr auch Unterstützung… Nora (lacht): Ja, genau so ist es. Beinahe jeden Tag kommt jemand vorbei, schaut sich das an und fragt, was wir noch brauchen. Alle Altersgruppen, Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Wir sind richtig gut eingerichtet. Wir haben schon Möbel, einen Kühlschrank und einen Herd bekommen. Anwohner und Sympathisanten haben uns wirklich geholfen. Schlaft ihr auch im Haus? Michael: Ja, solange die Anzeige noch im Raum steht und wir mit einer Räumung rechnen müssen, schlafen wir auch im Gebäude. Auf Dauer ist das aber eigentlich nicht unser Ziel. Nora: Wir sind für die Nächte gut gerüstet, wir bewaffnen uns mit Filmen, Popcorn uns Keksen. Wie geht euer „Kampf gegen die kulturelle Langeweile“ weiter? Nora: Wir organisieren diverse Lesungen und bereiten Ausstellungen vor. Wir haben ein festes Programm, damit die Politiker einsehen, dass das was wir machen Sinn hat. Wir haben die Autoritäten nicht anerkannt, das ist den Behörden natürlich zuwider. Die Verhandlungen mit der Stadt laufen.

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