jetzt.de: Fabian, du hast 3000 junge Menschen zum Thema Generationenbeziehungen befragt. Was kam dabei raus?
Fabian Tschakert: Eine große Diskrepanz zwischen der Selbsteinschätzung und dem eigenen Verhalten: Jugendliche wertschätzen Senioren sehr. Zwei Drittel der Befragten finden sogar, dass man etwas unternehmen sollte, um ältere Menschen stärker in die Gesellschaft zu integrieren. Wenn es aber um die eigenen Großeltern geht, ist das Interesse doch nicht so groß. Zumindest rufen die Menschen zwischen 14 und 29 Jahren ihre Großeltern nicht sehr häufig an. 35 Prozent der Teilnehmer können sich nicht daran erinnern, wann das letzte Telefonat stattgefunden hat. Ungefähr ein Drittel hat höchstens ein paar Mal im Jahr Kontakt zu den Großeltern.

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Wie stehen die Generationen zueinander? Fabian und sein Team wollten das mit ihrer Umfrage herausfinden.

Das klingt ja fast ein bisschen scheinheilig.
Das ist auch der Punkt, den wir treffen wollen: Der Unterschied zwischen dem "So denke ich, dass es sein sollte" und dem "Das mache ich". Man will eben nicht so gerne wahrhaben, was man falsch macht. Wenn ich in der U-Bahn aufstehe und den älteren Menschen einen Platz anbiete, dann sagen sie meistens: "Nee, nee, bleiben Sie ruhig sitzen. Ich fahre nur zwei Stationen." Trotzdem freuen sie sich, dass man sie wahrnimmt. Das ist natürlich nur eine persönliche Einschätzung, aber ich beobachte schon, dass andere einfach sitzen bleiben. Das ist schade!

Ältere Menschen bekommen nicht genug Respekt?
Man bringt älteren Menschen nicht mehr dieselbe Anerkennung wie früher entgegen. Sie hatten eine ganz besondere Stellung: als Ratgeber oder Vermittler. Sie hatten den anderen ihre Erfahrung voraus. Heute können moderne Technologien Informationen speichern und weitergeben – dass die älteren Menschen nicht mit diesen Technologien aufgewachsen sind, erhöht die Diskrepanz zwischen Jung und Alt noch mehr.

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Fabian Tschakert, 25, arbeitet für das Marktforschungs-Start-up appinio, das die Studie durchgeführt hat.

Warum habt ihr euch gerade dieses Thema für eine Studie ausgesucht?
Wir haben uns überlegt, wann wir das letzte Mal mit unseren Großeltern gesprochen haben. Bei Jonathan, meinem Chef, kam heraus: Das ist schon länger her, er könnte sich mal wieder melden. Dann haben wir in unserem Team herumgefragt. Da sind alle um die 25 Jahre alt und mussten erstmal kurz nachdenken. Keiner konnte sofort sagen: gestern, vorgestern oder letzte Woche. Deshalb wollten wir wissen, wie das generell bei jungen Deutschen aussieht.

Ihr habt die Teilnehmer aber dann nicht nur nach dem Verhältnis zu den eigenen Großeltern gefragt.
Genau, es ging auch um die Wertschätzung von Senioren im Allgemeinen und um den demografischen Wandel. Es gibt ja immer mehr ältere Menschen, das ist eine empirische Tatsache und liegt an der hohen Lebenswartung und einer sinkenden Geburtenrate, der medizinischen Versorgung und so weiter. Natürlich müssen damit gesellschaftliche Veränderungen einhergehen. Darüber wollten wir mehr wissen!

"Senioren könnten Lücken in unserem sozialen Gefüge schließen, indem sie bei der Kinderbetreuung mithelfen."

Was bedeutet so eine überalterte Gesellschaft für uns?
Das betrifft die Wirtschaft und Sozialsysteme, aber auch andere Bereiche des Zusammenlebens. Unser Rentensystem beispielsweise funktioniert ja durch Umlagen: Jede Generation bezahlt mit ihren Beiträgen nicht die eigene Altersversorgung, sondern die der Eltern beziehungsweise der Großeltern. Wenn die Zahl der älteren Menschen in Deutschland wächst, dann wird das schwierig, da ist der Generationenvertrag hinfällig und es braucht neue Formen gesellschaftlicher Verantwortung und des Zusammenlebens.

Wie könnte so was zum Beispiel aussehen?
Was den meisten fehlt, wovon Senioren aber sehr viel haben, ist Zeit. Also könnten sie Lücken in unserem sozialen Gefüge schließen, indem sie bei der Kinderbetreuung oder der Pflege anderer älterer Menschen mithelfen.

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Ergebnisse der Umfrage: Die Mehrheit findet, dass wir Senioren mehr wertschätzen sollten – aber die meisten besuchen die eigenen Großeltern trotzdem eher selten.

Was ist mit dir und deinem Umfeld: Hat eure Studie etwas verändert?
Mein Chef Jonathan hat sofort nach Feierabend bei seinen Großeltern angerufen. Ich selbst habe keine Großeltern mehr, aber dafür meine Eltern angerufen. Mit meiner Großmutter, die erst vor einem Jahr gestorben ist, hatte ich tatsächlich ein sehr gutes Verhältnis. Auch während ihrer Krankheit bin ich oft zu ihr gefahren und habe mich eine Woche um sie gekümmert. Man fragt sich natürlich immer: Hätte ich häufiger anrufen sollen? Hätte ich es noch besser machen können?

Konntest du mit deiner Großmutter auch über ernstere Themen sprechen?
Je älter man ist, desto erwachsener werden die Gespräche. Als 14-Jähriger hat man noch so seine Geheimnisse, die man nicht verraten will. Aber später verändert sich das Verhältnis, genau wie zu den Eltern. Ich habe mit meiner Oma über viele Dinge aus meinem Leben gesprochen.

Und auch über ihr Leben?
Ihre eigene Geschichte kam manchmal etwas zu kurz. Damals ist mir das nicht so aufgefallen, aber in der Retrospektive kann ich sagen: Über wirklich relevante Dinge aus Omas Vergangenheit haben wir doch zu selten gesprochen.

Hast du einen Ratschlag, den du anderen jungen Menschen nach der Umfrage gerne mitgeben möchtest?
Ich finde es wichtig, dass wir dem Rollenverlust des Alters entgegenwirken und Senioren nicht aufs Abstellgleis schieben. Gerade unsere Großeltern haben als letzte Zeitzeugen des zweiten Weltkriegs viel erlebt und vor allem in der Nachkriegszeit so viel geleistet. Es ist auch ihnen zu verdanken, dass wir jungen Menschen heute in diesem Wohlstand aufwachsen können – auch wenn die öffentliche Diskussion meistens nur darum geht, dass die arme junge Generation die ältere mitfinanzieren muss. Genießt eure Großeltern, so lange ihr sie habt!

Text: daniela-gassmann - Cover: MikaMilchschaum / photocase.de