„Gentechnisch manipuliertes Saatgut ist keine Lösung“

Cornelia Füllkrug-Weitzel diskutiert Donnerstag in Berlin mit anderen die Welternährungskrise. Füllkrug-Weitzel ist Direktorin von "Brot für die Welt" - jetzt.de hat mit ihr gesprochen
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Illustration: Julia Schubert

Zwanzig Euro für etwas Obst, Gemüse, Milch und Brot beim Einkaufen auszugeben, ist mittlerweile normal - was sind nochmal die Gründe für die gestiegenen Preise? Füllkrug-Weitzel: Die gestiegenen Preise bedeuten vor allem für Länder in Afrika und Lateinamerika eine humanitäre Krise. Dort haben die Menschen ohnehin oftmals Schwierigkeiten, Geld für Nahrungsmittel aufzubringen. Durch die gestiegenen Preise werden sie an den Rand ihrer Existenz getrieben - daher auch die Hungeraufstände in verschiedenen Ländern. Die Ursachen sind komplex und wirken zusammen. Als wesentlicher Grund wird immer der steigende Konsum in China, Indien und anderen Schwellenländern angeführt. Eine weitere Ursache ist der zunehmende Flächenverbrauch für Agrotreibstoffe, der zum Beispiel einen Großteil der Maisernte in den USA betrifft. Aber das sind nicht die Hauptursachen ... Sondern? Die Hauptursache liegt in der langjährigen strukturellen Unterförderung des ländlichen Raumes und der Landwirtschaft in den südlichen Ländern. Die Finanzhilfen für die Landwirtschaft durch Weltbank, Welternährungsfond und EU wurden stark zusammengestrichen und meist wurde nur eine großflächige Exportlandwirtschaft gefördert. Der größte Teil der Hungernden weltweit lebt aber auf dem Land in kleinbäuerlichen Familien. Dies deutet daraufhin, dass man es nicht geschafft hat, Infrastruktur in abgelegenen Gegenden sicherzustellen und Zugang zu Wasser und Land in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen. Ebenso wurden die Kleinbauern nicht angemessen beraten, so dass sie beispielsweise ihr Saatgut hätten weiterentwickeln können. Das ist allerdings ein schon lange vorhersehbares Problem. Gibt es eine wirkliche Nahrungsmittelknappheit auf der Welt oder nur ein Verteilungsproblem? Wir könnten alle Menschen auf der Erde ernähren. Dazu müsste der Flächenverbrauch aber genau bedacht werden und die Flächennutzung für den Bau von neuen Industrieanlagen in Schwellenländern wie Indien müsste ebenso wie der Flächenverbrauch für Agrotreibstoffe gestoppt werden. Außerdem müsste man Menschen, die Land bewirtschaften, in ihrer Produktivität unterstützen. Viele Kleinbauern, die landwirtschaftliche Beratung durch unsere Partner bekommen, können ihre Produktion verzwei- bis vervierfachen durch angepasste standortgerechte Maßnahmen. Ist Gentechnik eine Lösung? Gentechnisch manipuliertes Saatgut als großflächige Lösung zu propagieren heißt Kleinbauern auch noch das Letzte aus der Hand zu nehmen, nämlich ihr eigenes Saatgut. Es heißt die Kleinbauern dauerhaft abhängig zu machen vom Kauf von Produkten internationaler Konzerne. Diese machen damit Geld, dass Menschen nicht mehr wie seit Jahrhunderten ihr eigenes Saatgut züchten und verwenden. Das führt dazu, dass weitere Bauern aufgeben müssen, was im vergangenen Jahrzehnt häufig der Fall war. Denn mit dem Kauf von Saatgut geht immer auch die Abhängigkeit vom Kauf von Pestiziden und Düngemitteln einher, die man dann beim gleichen Konzern zusätzlich kaufen muss. Das kann also nicht die Lösung sein.

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Illustration: Julia Schubert

Cornelia Füllkrug-Weitzel Was ist dann die Lösung? Man muss den Kleinbauern helfen, ihr eigenes Saatgut standortgerecht weiterzuentwickeln, so dass es resistent ist gegen zunehmende Klimawandeleinwirkungen, die ebenfalls Teil der Ursache sind. So hatten wir eine Reihe von Missernten, bedingt durch Klimakatastrophen, die weiter zunehmen. Wenn große Flächen in Zukunft nicht mehr bebaubar sind, hilft auch kein Gen-Saatgut mehr, dann hilft nur noch eine Anpassung an die neuen klimatischen Gegebenheiten und eine Diversifizierung der Anbauprodukte in der Region. Was können wir selber tun? Insofern das Ganze auch mit dem Klimawandel und den hohen Energiepreisen zu tun hat, ist ganz klar ein Umdenken in unseren Köpfen auf eine energiesparendere Lebens- und Konsumweise nötig. Das ist zentralwichtig, auch für die Ernährung der Welt. Wir müssen wegkommen vom Glauben, dass wir es nötig haben, immer mehr exotische Produkte auf den Tisch zu bekommen. Dieses Denken trägt erst dazu bei, dass es interessant wird, Flächen von Kleinbauern zu Exportanbauflächen umzuwandeln. Wir sollten uns auf die Nahrungsmittel besinnen, die in unserem Land und unserer Region wachsen und vor allem auch auf die Saison, in der sie wachsen. Müssen wir uns darauf einstellen, dass die Preise weiter steigen? Ja, das müssen wir. Dies führt dann vielleicht auch dazu, dass wir einmal darüber nachdenken, was uns das Essen eigentlich wert ist. In den 1950er Jahren, als ich Kind war, haben wir einen erheblich größeren Teil für Nahrungsmittel ausgegeben. Allerdings haben damals auch die Bauern im eigenen Land und weltweit angemessene Preise bekommen, was heute in beiden Fällen nicht mehr der Fall ist. Wir sollten uns darauf besinnen, was für einen Wert Nahrungsmittel für uns haben. Darauf, ob es angemessen ist, so wenig für Fleisch oder Milch zu bezahlen. Was nicht heißt, dass ich begeistert jubele, wenn die Preise steigen. Aber die steigenden Preise könnten dazu anregen, einmal darüber nachzudenken, dass Gerechtigkeit und Qualität von Nahrung auch ihren Preis haben. Was erhoffen Sie sich von der Podiumsdiskussion am Donnerstag? Meine Hoffnung ist, dass die jungen Leute quer denken, grundsätzlich und kritisch fragen und sich nicht mit einfachen Lösungen abspeisen lassen. Aber genau das traue ich gerade jungen Menschen besonders zu. Das Podiumsgespräch mit offener Diskussion zum Thema „Hungrig? Satt? Ursachen und Folgen der Welternährungskrise“ findet am Donnerstag, 10. Juli ab 20 Uhr in der Kalkscheune in Berlin statt. Moderiert wird der Abend von zwei radioeins-Moderatoren. Weitere Informationen unter www.einewelteinezukunft.de

Text: sabrina-gundert - Fotos: einwelteinezukunft.de, Brot für die Welt

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