Gesa geht nach Olympia

3.000 Meter schafft sie in neuneinhalb Minuten und springt dabei noch über Hürden: Gesa Krause gehört zu den zehn schnellsten Hindernisläuferinnen der Welt. Ein Gespräch über Ehrgeiz, Stolz und Schnitzel mit Pommes.
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Illustration: Julia Schubert



Erst im vergangenen Jahr wurde Gesa Krause U20-Europameisterin und überraschende Neunte bei der Leichtathletik-WM im südkoreanischen Daegu. Jetzt hat sie die Qualifikation für die Olympischen Spiele geschafft.

Gesa, auf einer Ehrgeiz-Skala von eins bis zehn: wo siehst du dich selbst, wenn zehn am ehrgeizigsten ist?
Ich bin schon sehr, sehr ehrgeizig und würde mich hoch ansiedeln. Ich sage mal: neun. So viel Ehrgeiz braucht man auch im Leistungssport.  

Warst du vor deiner Leichtathletikkarriere auch schon so ehrgeizig?
Ja, schon früh. Ich habe schon immer gerne Spiele gespielt, bei denen man am Ende ein Resultat erhält. Ich wollte auf das, was ich mache, immer eine Antwort bekommen. Deshalb hatte ich in der Schule auch nie Angst vor Arbeiten und Noten.  

Ziemlich erfolgsorientiert.
Ja, und der Erfolg hat mich dann immer motiviert, weiter zu machen. Natürlich lief auch mal was nicht so gut, aber dann wollte ich es eben beim nächsten Mal besser machen.  

Du warst 16, als du aus Dillingen nach Frankfurt auf ein Sportinternat kamst. Hat man dort weiter an deiner Einstellung gefeilt?
Vor allem mein Trainer hat mir eine andere Lebensweise vermittelt. Früher habe ich vieles spontan entschieden, immer aus dem Bauch heraus. Und mein Trainer ist sehr überlegt. In der Internatszeit habe ich angefangen, viel über das nachzudenken, was ich mache. Ich bin zum Kopfmensch geworden.  

Dabei scheint viel Nachdenken im Profisport oft eher hinderlich zu sein …
Ich setze mich dadurch ja nicht unter Druck. Ich finde es einfach gut, wenn man überlegt, was man macht und seine Entscheidungen bewusst trifft. Das ist besser, als wenn man immer nur auf sein Bauchgefühl hört.  

Hast du noch mehr im Internat gelernt?
Selbstdisziplin! Die fängt schon beim Essen an. Wir hatten nicht gerade da sportgerechteste Essen in der Großkantine, es gab oft einfach Schnitzel mit Pommes. Man musste schon überlegen, ob man das immer isst, wenn es das gibt. Außerdem musste ich selbstständig werden und zum Beispiel anfangen, meinen Tagesablauf zu planen. Ich habe ja keine Eltern mehr gehabt, die mir sagten: Gesa, um zehn gehst du aber ins Bett! 

Hast du dich denn schnell selbst disziplinieren können?
Ich habe es letztlich ganz gut hinbekommen, aber es war nicht so, dass mir die Zeit im Internat immer leicht fiel. Auch weil ich ein absoluter Familienmensch bin und immer nur am Wochenende nach Hause kam. Da hat mir schon was gefehlt. 

 Jetzt, da du mit der Schule fertig bist und neben dem Sport mehr Freiraum haben könntest, willst du studieren …
Genau, ich will in diesem Herbst ein Studium anfangen. Ich freue mich auch, mal wieder eine andere Belastung zu haben. Wenn man sich immer nur für die nächste Trainingseinheit motivieren muss, kann eine andere Aufgabe ein guter Ausgleich sein. Auch weil das Training ja nicht immer super läuft. Wenn man studiert, kann man beim Lernen und Klausurenschreiben andere, neue Erfolgserlebnisse haben. 

Vor dem Studium kommt aber erst mal Olympia. Und noch mehr Training. Wie sieht dein Alltag gerade aus?
Bisher hatte ich Grundlagen- und Aufbautraining. Im Grundlagentraining ist der Trainingsalltag sehr umfangreich, mit bis zu drei Einheiten am Tag. Ich stehe morgens um sieben auf, mache eine halbe Stunde Dauerlauf, dann frühstücke ich. Meine Haupteinheit ist auch vormittags, so zwischen elf und eins, und meistens sehr anstrengend und intensiv. Abends mache ich dann noch mal einen lockeren Dauerlauf, bis zu einer Stunde.   

Hast du dich an dieses Programm schnell gewöhnt?
Ich mache das alles ja schon, seit ich acht bin und habe mein Programm über die Jahre gesteigert. Man kann nicht von null auf hundert kommen.  

Wenn du an Olympia denkst, worauf freust du dich am meisten?
 Olympia war schon immer mein Traum. Ich glaube, für jeden Sportler, gerade wenn er noch recht jung ist, ist das ein grandioses Erlebnis. Wenn ich in London bin, werde ich versuchen, es voll und ganz zu genießen. Das heißt natürlich nicht, dass ich mich auf die faule Haut legen werde. Ich will auch dort das Beste aus mir herausholen. 

Und das wilde olympische Dorf? Reizt dich das auch?
Ja, auf jeden Fall. Sobald ich mit den Wettkämpfen fertig bin, möchte ich auch ein bisschen hinter die Kulissen gucken und mir mein eigenes Bild davon machen. Dann kann ich ja selbst sagen, wie wild es ist. Aufregend wird es auf jeden Fall.    

Als du im vergangenen Jahr bei der Leichtathletik-WM deine persönliche Bestleistung über die 3000-Meter-Hindernislauf verbessert hast, hast du danach gesagt: „Ich bin stolz auf mich selbst!“ Was musst du schaffen, damit du das auch nach dem Olympia-Finallauf sagen kannst? Ich setze mir in jedem Jahr Ziele, natürlich auch jetzt und für Olympia. Für mich ist es am wichtigsten, am Ende sagen zu können, dass ich alles dafür getan habe, diese Ziele auch zu erreichen. Wenn das so sein sollte, werde ich so einen Satz bestimmt auch wieder sagen.  

Gilt es denn nur dich selbst oder auch noch andere stolz zu machen?
Ich weiß, dass meine Familie und meine Freunde schon stolz auf mich sind, ihnen brauche ich nicht groß zu imponieren. Den Sport mache ich für mich. Aber natürlich möchte ich meinem Trainer etwas zurück geben, denn er investiert sehr viel Zeit und Arbeit in mich und kümmert sich immer sehr gut um mich.

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