„Glücklich in einer fernen Welt“

The Late Great Fitzcarraldos machen Indie-Pop als Urlaubsersatz. Ein Interview
erik-brandt-hoege

  Tobias, der Name eurer Band setzt sich zusammen aus F. Scott Fitzgeralds Buch “The Great Gatsby” und Werner Herzogs Film “Fitzcarraldo”. In „Fitzcarraldo“ versucht  Klaus Kinski in der Hauptrolle eine Oper im peruanischen Dschungel aufzubauen. Wolltet ihr mit der Band von Anfang an etwas genauso Exotisches machen?
Wir waren einfach fasziniert von diesen jeweils ziemlich exzentrischen Typen in “The Great Gatsby” und „Fitzcarraldo“. Wir selbst sind zwar keine Exzentriker, und auch unsere Musik klingt nicht wirklich exzentrisch. Aber uns interessieren Dinge, die auf den ersten Blick ein bisschen strange wirken. Dinge, die einem erstmal Rätsel aufgeben.  

Viele solcher Dinge habt ihr sicher in New York gefunden, wo ihr die Band gegründet habt. Tatsächlich klingt ihr allerdings eher nach Badeinsel als nach Big Apple …
Es war nicht New York allein, das uns inspiriert hat. Ich glaube, der Hauptgrund, warum unsere Musik so sehr nach Strand und Palmen klingt, ist Träumerei. In Dänemark ist es meistens kalt und grau, was so eine melancholische Grundstimmung bewirkt. Wir wollten uns einfach von dort wegträumen und hin zu einem Ort, an dem wir relaxen können, ganz im Einklang der Natur. Das Leben in New York, kombiniert mit unserer Fantasie hat dann diesen speziellen Sound bewirkt.  

Kannst du diesen Ort, an den ihr euch geträumt habt, noch näher beschreiben? Wunderschön, angenehm warm, friedlich, aber auch verspielt und mit viel Platz für neue, gute Ideen.  

Auf der Rückseite eures Albums ist ein Strandfoto, das nach all dem aussieht … Das hat meine Freundin in Livingston in Guatemala gemacht hat. Der Strand, den man darauf sieht, ist nicht der allerschönste und auch nicht immer sauber. Aber wir wollen ja auch kein romantisches Bild von Cocktails an der Copacabana vermitteln. Eher ein realistisches.  

Braucht ihr für eure Träumerei eigentlich nur Fantasie? Irgendwelche Drogen im Spiel?
(lacht) Wir brauchen tatsächlich nicht mehr als unsere Vorstellungskraft, um diese Songs zu schreiben. Im Entstehungsprozess dieses Albums hatten wir mal ein hübsches Haus mit Garten in Los Angeles. Dort haben wir jede Minute genutzt, um unsere Ideen umzusetzen und ungefähr fünfzehn Songs in sieben Tagen geschrieben. Irgendwann ist man einfach drin, und dann braucht man auch keine Drogen – weder um kreativ zu sein, noch um wach zu bleiben. Man muss einfach versuchen, sich vom Alltag zu lösen und nicht mehr an Termine, Rechnungen oder auch nur den Abwasch zu denken. Das schafft man wahrscheinlich auch, indem man einen Joint raucht. Uns aber reicht Musik.  

http://www.youtube.com/watch?v=DqwFKKGF_BQ&feature=related

Wie muss man dann Textzeilen wie “celebration, celebration, everybody is high” auf eurem Album verstehen?
Ich gebe zu, das klingt ein bisschen hippiemäßig. Aber auch hier geht es nicht darum, high auf Drogen zu sein. Die meisten unserer Lyrics entstehen zusammen mit der Musik und beschreiben nichts anderes als das, was wir in dem Moment fühlen. Wir denken dann auch nicht viel über die Texte nach, es ist eher, als würden wir unser Unterbewusstsein sprechen lassen.  

Im Song “Steeldrum” heißt es dann: “If you’re feeling lost then I can set you free”. Habt ihr es euch zur Aufgabe gemacht, auch andere mit eurer Musik in einen imaginären Urlaub zu schicken?
Ganz genau! Eigentlich sprechen wir in diesem Song auch über unsere eigene Sehnsucht nach mehr Entspannung. Diese Sehnsucht stillen wir mit Musik und fühlen uns irgendwann dazu bereit, mit unseren Songs auch für andere da zu sein. Ich will nicht klingen wie irgendein Spiritueller, der den Leuten das Paradies zeigen will. Aber es ist doch schon so, dass man täglich mit unheimlich vielen Dingen konfrontiert wird und sich am Ende des Tages an nicht mal mehr die Hälfte davon erinnern kann. Weil vieles einfach total unwichtig ist. Unsere Idee ist es, durch Musik all die unwichtigen Dinge zu vergessen, den Stress hinter uns zu lassen und uns mit angenehmeren, schöneren und eben auch wichtigeren Dingen zu beschäftigen. Und das wollen wir unseren Hörern auch ermöglichen. Wir gelangen in unserer Vorstellung an tolle Orte, die wir ihnen zeigen wollen. Wir wollen dieses Gefühl, in einer fernen Welt glücklich zu sein, mit anderen teilen.  

Welche Musik hörst du denn persönlich, wenn du auf der Suche nach mehr Entspannung bist?
Brian Eno hat 1990 eine großartige Platte namens “Wrong Way Up” mit John Cale aufgenommen. Ein Song darauf heißt „Spinning Away“, der einen sofort auf Reisen schickt. Ich mag es, wenn man sich durch einen Song vorstellen kann, irgendwo zu sein, wo es schöner ist. Das klappt auch mit der dänischen Band Laid Back, deren Name absolut Programm ist. Ich höre aber auch alles aus der Motown-Ära und schwarze Soulmusik an sich, die unsere Band stark beeinflusst. Songs von Marvin Gaye oder Sam Cooke berühren einfach immer wieder. Ich habe ja schon vom Leben in Dänemark erzählt. Die Melancholie, die uns dort begleitet, kann man mit dieser kräftigen Soulmusik besiegen.  

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Illustration: Julia Schubert


„The Late Great Fitzcarraldos“ von The Late Great Fitzcarraldos erscheint Ende August auf Fake Diamond/Rough Trade.

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