„Glückliche Menschen sind nicht interessant“

Kraftklub aus Chemnitz betreiben eine musikalische Mischung aus Schweinerock und Sprechgesang. Im Interview sprechen sie unter anderem über fehlende Beischlafangebote und den Umgang mit ihrer Hyperaktivitätsstörung.
daniel-schieferdecker

jetzt.de: Ihr kommt aus dem Osten und in eurer Presseinfo steht, ihr wärt Produkte der sich dahin schleppenden Vergangenheitsbewältigung. Inwiefern hat die DDR denn überhaupt noch einen Einfluss auf euch gehabt?
Felix: Wir haben das bloß indirekt durch unsere Eltern mitbekommen, aber deren Prägung hat natürlich auch Auswirkungen auf uns. Die haben schließlich vom Jungpionier bis zur Wende mitbekommen, wie ein ganzes System in sich zusammengefallen ist. So etwas geht auch an deinem Nachwuchs nicht spurlos vorbei. Natürlich haben wir immer schon einen Farbfernseher und Coca Cola gehabt, aber wir haben auch die Unterlagen gesehen, in denen die Stasi Informationen über unsere Eltern gesammelt hat. Das war schon heftig. 

Wie geht ihr heute damit um?
Felix: Vor allem spielerisch. Wir machen Witze darüber, dass wir Ossis sind. Als Ostler, und besonders als Chemnitzer, wird man vom Rest des Landes ja immer noch ausgelacht. 

Wieso denn eigentlich?
Felix: Weil Chemnitz für die meisten Leute die uncoolste Stadt Deutschlands ist. Wenn wir früher im Urlaub andere Kinder kennengelernt haben, haben die sich stets über uns totgelacht. Wahrscheinlich deshalb, weil wir damals noch stark gesächselt haben.
Karl: Wenn man sich da erklären und zeigen wollte, dass man eigentlich gar nicht so uncool ist, hat man alles nur noch schlimmer gemacht (lacht).
 
Was macht das mit einem?
Felix: Ich glaube, mangels Alternativen haben wir diesen Jetzt-erst-recht-Lokalpatriotismus entwickelt, weil man sich natürlich nicht mit dem Gedanken anfreunden wollte, klein beizugeben und zu sagen: „Ihr habt recht, wir sind wirklich uncool“ – zumal die anderen Kinder oft die letzten Lappen waren. Deshalb haben wir irgendwann gesagt: „Leckt uns am Arsch. Chemnitz ist die geilste Stadt, die es gibt.“ Und das haben wir uns bis heute erhalten.  

In „Zu jung“ geht es darum, dass eure Eltern schon viel rebelliert und euch Jungspunden dadurch kaum mehr etwas zum rebellieren übrig gelassen haben. Ihr habt auch mal gesagt, in eurer Generation herrsche ein Mangel an Wut.
Felix: Ich glaube, damit habe ich vor allem mich selber gemeint. Meine Eltern sind nun mal in einer Diktatur groß geworden, was natürlich mega-beschissen gewesen ist, aber dazu gehört eben auch, dass eine komplette Subkultur, in der sie sich bewegt haben, aufgrund der politischen Umstände eine klare Richtung bekommen hat. Unsere Eltern waren einfach, zusammen mit anderen Leuten, gegen dieses System und haben gemeinsam dagegen ankämpfen können.

Und du hast das Gefühl, dass dir da etwas fehlt?
Felix: Versteh mich nicht falsch: Natürlich ist es cooler, nicht in einer Diktatur groß geworden zu sein und keine Kriege miterlebt zu haben. Aber trotzdem wünscht man sich manchmal etwas, gegen das man sich auflehnen kann – auch wenn wir das sicherlich ein wenig romantisieren. Aber auf was soll man denn heutzutage noch wütend sein? Da bleibt nicht mehr viel übrig. Glückliche Menschen sind nicht interessant.

http://www.youtube.com/watch?v=bV37CClYr-U

In „Ritalin“ geht es um ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung), eine psychische Störung, die sich durch Probleme mit der Aufmerksamkeit sowie Impulsivität und häufig auch Hyperaktivität auszeichnet. Hattet ihr damit tatsächlich mal zu kämpfen?
Felix: Ja, Ritalin ist bei einigen von uns zum Einsatz gekommen.  

In dem Stück geht es auch Erwartungen und Prognosen eurer Lehrer, die bei euch offensichtlich vom Schlimmsten ausgegangen sind. Empfindet ihr den momentanen Erfolg da als Genugtuung?
Felix: Wenn ich ganz ehrlich bin: Ja. Das mag albern und bescheuert sein, aber ich habe tatsächlich ein bisschen das Gefühl, es denen gezeigt zu haben. Was ich in dem Song erzähle, ist ja real. Mir wurde von einigen Lehrern ins Gesicht gesagt, dass ich das mit dem Abi gar nicht erst versuchen soll. Wir galten damals bei den Lehrern wirklich als Trottel. Ich möchte mich jetzt auch nicht in eine Bildungsdebatte hineinsteigern, aber im Nachhinein habe ich es schon als krass empfunden, dass man bereits in der Pubertät von seinen Lehrern total abgeschrieben wurde. 

Wann wurde das bei dir denn diagnostiziert?
Felix: Ich war ungefähr zwölf Jahre alt, galt als Klassenclown und habe nichts mehr auf die Reihe gekriegt, bis ich dann irgendwann mit dem Zeug vollgepumpt wurde. Ich musste dann zweimal am Tag diese Pillen nehmen, und das hat gewirkt. Ich war dann in der Schule zwar ein bisschen der Zombie, aber ich konnte mich besser konzentrieren, weil man dadurch alles andere um sich herum ausschaltet. 

Hatte das denn für dich denn auch etwas Befreiendes, weil du dich endlich konzentrieren konntest oder hast du dich da lediglich narkotisiert gefühlt?
Felix: Du fühlst dich schon irgendwie komisch, denn plötzlich bekommst du nur noch die Hälfte von dem mit, was um dich herum passiert. Das ist wirklich wesensverändernd, und das ging bis zum Ende der Schulzeit so. Am Wochenende, wenn ich die Pillen nicht nehmen musste, habe ich den Unterschied immer ganz krass gemerkt. 

Hat euch das verletzt, dass die Lehrkörper euch kein Vertrauen entgegengebracht haben?
Felix: Natürlich. Ich war damals auf so einer Hippie-Schule, in der man seine Lehrer geduzt hat, um zu implizieren: Der Lehrer ist nicht nur dein Lehrer, sondern auch dein Freund. Wenn du dann aber in der Schule abkackst, dann ist der Lehrer eben keiner, dem du egal bist, sondern jemand, der von dir als Freund enttäuscht ist – und das ist echt ekelhaft. Zum Ende der Mittelschule habe ich daher eine regelrechte Abscheu gegenüber den Lehrern entwickelt. Mein Abitur habe ich dann auf einer anderen Schule gemacht, wo ich von den Lehrern gesiezt wurde und total respektvoll behandelt worden bin. Ich war nicht mehr so vorbelastet, bin plötzlich wieder ernst genommen worden und habe diese Distanz als absolute Verbesserung empfunden. Das war toll.  

Von eurer Plattenfirma werdet ihr gerne als Vorzeige-Loser hingestellt, allerdings läuft es bei euch karrieretechnisch gerade ganz gut. Ihr müsstet also glücklich sein. Ist das so?
Felix: Natürlich geht es uns gut mit der Musik, aber glücklich wird man durch ganz andere Dinge. Und die fehlen eben.
Karl: Geld zum Beispiel (lacht).
Felix: Ja. Und Liebe.  

Aber spätestens wenn die Tour losgeht, ist das doch nur noch Formsache.
Felix: Nein, gar nicht. Es wäre doch das allerschlimmste, wenn plötzlich kein Mädchen mehr Bock hat, mit dir zusammenzusein, weil du ständig nur auf Tour bist, und du dann nur noch Sex mit irgendwelchen Groupies hast – das ist doch eine beängstigende Vorstellung.  

Ist es das?
Felix: Natürlich. Wenn man nicht mehr weiß, ob die nur mit einem zusammen sind, weil man ein kleines bisschen berühmt ist oder ob sie dich wirklich mögen. Aber um ehrlich zu sein: Bisher haben sich derlei Probleme noch nicht gestellt (lacht).  

Verstehe ich dich richtig: Ihr bekommt keine Angebote zum Beischlaf nach einem Gig?
Felix: Nein, eigentlich nicht. Aber das würden wir uns natürlich wünschen. Ich habe auch schon einige Male bei Konzerten die Ansage gemacht, dass sich interessierte Mädchen umständliche Anmach-Sprüche gerne sparen können, und stattdessen nach dem Konzert einfach zu uns an den Merchandise-Stand kommen und uns küssen sollen. Das hat sich bisher aber noch keine getraut.  

Das Debütalbum "Mit K" erscheint am 20. Januar über Vertigo/Universal. 

  • teilen
  • schließen