jetzt.de: „Lila“ ist einer der herausragenden Songs auf dem Album, du rappst hier über eine junge Frau, die aufgrund von sich aneinanderreihenden Schicksalen am Ende ihre Kinder umbringt. Curse: Die Idee hatte ich nach einer Unterhaltung mit einem Elefantentrainer auf Sri Lanka vor fünf Jahren. Eine Story ist mir da im Kopf geblieben: Man bindet ein Elefantenbaby mit einer dicken Beinkette an eine Betonwand fest. Je älter der Elefant wird, desto dünner wird die Kette. Wenn man einen Elefanten seit seiner Geburt auf diese Sache konditioniert, kann man den ausgewachsenen Elefanten später mit einem Seil an einen Stock festbinden, der im Boden steckt und der Elefant läuft nicht weg. Das war für mich der ausschlaggebende Punkt. Denn ich dachte mir, dass es so ein Verhalten auch beim Menschen gibt. Dass man einfach durch bestimmte Lebensumstände in bestimmte Muster verfällt und sich nichts mehr zutraut. Wie bist du dann zu so einem extremen Ende gekommen? Während ich den Song geschrieben habe, wusste ich nicht, wie er ausgehen soll. In den Nachrichten haben sich dann immer wieder bestimmte Dinge ereignet, bei denen ich mich gefragt habe, wie so etwas eigentlich passieren kann. Da bin ich wieder zu diesem Song zurückgekommen und die Bausteine, die sich über Jahre aufgebaut haben, sind endgültig zusammengekommen.

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Ein Song, der auch aus dem Rahmen fällt ist „Wenn ich die Welt aus dir erschaffen könnte“. Das klingt jetzt vielleicht ganz plump, aber der Song ist inspiriert von Goethe. Der hatte wahnsinnig scharfe Betrachtungen und konnte mit einfachen Worten ganz intensive Bilder hervorrufen. Wie er zum Beispiel die Natur oder auch eine Frau beschreibt, ist sprachlich einfach sehr schön. Ich wollte hier bildliche und vor allem metaphorische Sprache benutzen, um die Schönheit einer Frau zu beschreiben. Ich liebe den Song, weil ich jedesmal ganz viel in den Strophen höre und fühle. Hier ein Studioeinblick zur Entstehung von „Wenn ich die Welt aus dir erschaffen könnte“: Mit Spannung habe ich deinen Song zusammen mit Silbermond erwartet. Was mich hier gewundert hat, ist, dass du unter die doch recht seichte Stimme von Stefanie Kloß einen so harten Beat gelegt hast. Die Ursprungsversion, die wir von dem Song hatten, war sehr smooth. Wir fanden das zwar alle gut, aber haben gemerkt, dass der Song nicht den nötigen Knalleffekt hat. Denn allein durch die Tatsache, dass Curse und Silbermond auf dem Zettel stehen, wird was Großes erwartet. Wir wollten alle einen Song haben, bei dem etwas beim Hörer passiert. Und dann habe ich irgendwann gesagt: „Leute, Hip Hop kommt über die Drums.“ Denn wenn man harte Drums einsetzt, kann man sich musikalisch anders bewegen. Der Song ist dann geerdet, der Hörer fest auf dem Boden verankert und man kann oben aufmachen. Das heißt, man kann Strings, eine Gitarre oder eben eine sehr ätherische Stimme wie Stefanies einbauen. Du teilst dir mit Patrice das Studio und hast auch einen gemeinsamen Song mit ihm auf dem Album. Wie war die Zusammenarbeit? Bei mir und Patrice kann man schon nicht mehr von klassischer Zusammenarbeit sprechen, denn wir sehen uns fast jeden Tag und sind gut befreundet. Ganz oft sind wir nachts im Studio die letzten und sprechen bis früh in den Morgen über das Leben und die Musik. Die musikalische Zusammenarbeit auf dem Album ist nur ein Bruchteil von der Zeit, die wir überhaupt zusammen verbracht haben. Wir haben uns ständig miteinander ausgetauscht. Patrice ist ein super entspannter und kreativer Typ, dem es auch um die Mucke und die Inhalte geht. Könnte man Freiheit auch als dein Ziel für das Album beschreiben? Genau, mein Ziel war es, mich frei zu machen, menschlich und musikalisch. Ich habe einfach versucht, mich nicht von den Erwartungen beeinflussen zu lassen. Egal was passiert, wir machen jetzt die Musik, die wir wollen. Das war natürlich mit einem gewissen Risiko verbunden, aber dadurch haben wir jetzt auch ein Statement gesetzt. Durch die Texte, die wir von dir kennen, würde ich dir jetzt mal unterstellen, dass du ein politisch interessierter Mensch bist. Ja und Nein. Ich bin nicht so tagespolitisch interessiert, dass ich immer weiß, was gerade in der CDU passiert oder was mit Beck ist. Ich bin eher weltgeschichtlich interessiert. Stichwort Köln. Hier findet an diesem Wochenende ein Anti-Islamisierungskongress von Pro Köln mit dem Motto „Nein zur Kölner Groß-Moschee“ statt. Hast du davon schon gehört? Ja, habe ich. Ich glaube, die Leute haben einfach falsche Vorstellungen und seltsame Ängste. Beide Seiten meine ich damit. Prinzipiell finde ich es völlig in Ordnung, dass alles auch mal besprochen und zur Debatte stehen darf und dass auch über die Moschee diskutiert wird. Dadurch entsteht ein Dialog und man kann sich annähern. Ich habe auch sehr lange mit meiner besten Freundin, die Türkin ist, über dieses Thema gesprochen. Und was hat sie dazu gesagt? Sie hat viele interessante Sachen dazu gesagt. Zum Beispiel, dass eine Großmoschee wahnsinnig medienwirksam ist. Sie meinte, es ist viel bedenklicher, Moslems in Deutschland zu marginalisieren. Dadurch drängst du die Leute viel mehr ins Abseits und radikalisierst sie auch eher, weil sie sich ausgegrenzt fühlen. Aber ich habe mich zu wenig mit diesem Thema beschäftigt, als dass ich wirklich Ahnung hätte. Grundsätzlich finde ich den Bau der Moschee gut. Es ist auch eine Demonstration am 20. September geplant, um diesen Kongress zu verhindern. Wie denkst du über solche Demos? Ich finde Demos gut, weil du dadurch zeigst, dass du eine bestimmte Meinung hast. In Deutschland sind die Menschen ein Mecker-Volk. Mit Kumpels vor dem Fernseher meckern sie, aber dann nachher auf der Straße wird gekuscht und Ärger vermieden. Solange die Leute sich nicht gegenseitig umbringen, finde ich es gut, wenn jemand seine Meinung vertritt. Du bist ein großer Fan von Nas. Der setzt sich auf seinem neuen Album und auch in der Öffentlichkeit ungemein für Barack Obama ein. Hast du den bisherigen Wahlkampf mit verfolgt? Ja, das habe ich und finde die Entwicklung sehr interessant. Ganz am Anfang habe ich nämlich die These aufgestellt, dass es definitiv Hillary Clinton wird, weil Amerika nicht bereit ist, einen schwarzen Präsidenten zu wählen. Obamas Rede in Berlin war sehr eindrucksvoll. Glaubst du, dass ein deutscher Politiker auch so viele Massen bewegen könnte? Wenn du mir einen Politiker hinstellst, der so ein Charisma, so eine Ausstrahlung hat und an dem so viele Erwartungen, Hoffnungen und so viel Symbolik hängt, dann kommen die Leute auch. Aber wen willst du da hinstellen. Kurt Beck? Das ist eine Frage von Charisma. Hier noch das Video zu „Freiheit“, zusammen mit Marius Müller-Westernhagen: Curse Freiheit Tour 2008: 02.11. Oberhausen, 03.11. München, 05.11. Hamburg, 06.11. Stuttgart, 07.11. Berlin, 08.11. Köln, 09.11. Darmstadt

Text: hanna-vandervelden - Fotos: Dieter Eikelpoth