Die Berliner Renata Har und Conor Jack Creighton wollen mit einer Wanderausstellung über Korrekturvergewaltigungen in Südafrika aufklären. Conor ist Journalist und schreibt über Menschenrechte und Konflikte, Renata ist Fotojournalistin und Künstlerin. jetzt.de hat mit Conor über das Projekt gesprochen. 

jetzt.de: Conor, du und Renata, ihr plant ein Projekt über Korrekturvergewaltigungen in Südafrika. Was versteht man genau unter dem Begriff?
Conor: Korrekturvergewaltigungen sind der Versuch, die sexuelle Orientierung des Opfers gewaltsam zu ändern, oder einfach gesagt: Es ist die Vergewaltigung von Lesben mit dem Ziel, sie heterosexuell zu machen.   

Wie ist die Situation von gleichgeschlechtlichen Paaren in Südafrika?
Das Interessante an Südafrika ist, dass es als einer der ersten Staaten überhaupt Gesetze eingeführt hat, die es verbieten, jemanden auf Grund seiner sexuellen Orientierung zu diskriminieren. Seit 2006 gibt es die gleichgeschlechtliche Ehe. Die Realität sieht aber anders aus.

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Conor und Renata planen ein Projekt über Korrekturvergewaltigungen in Südafrika.

Wie seid ihr auf dieses Thema gekommen?
Ich habe viel über Gay Rights geschrieben, in Irland und auf dem Balkan. Bei meinen Recherchen dazu führte eins zum anderen, und ich habe mehr und mehr über Afrika gelesen. Dadurch habe ich von diesem südafrikanischen Problem gehört, welches im Übrigen sehr schlecht dokumentiert ist. Irgendwann hat dann Renata vorgeschlagen, eine Wanderausstellung zusammenzustellen, um Leuten davon zu erzählen.   

Wisst ihr, woher der schreckliche Gedanke mancher Männer kommt, man müsse homosexuelle Frauen bekehren?
Das ist schwierig für mich zu beantworten, aber während meiner Recherche bin ich vor allem auf Erklärungen im Hinblick auf die sehr stark patriarchalische Struktur der südafrikanischen Gesellschaft gestoßen, in der sich Männer eben durch Lesben bedroht fühlen. Ich denke, auch die mangelnde Aufklärung spielt eine große Rolle. Wir reden hier über ein Land, dessen frühere Gesundheitsministerin Rote-Beete-Saft als Medikament gegen HIV/AIDS empfahl.

Die Ausstellung wird unter dem Namen „Mafuane & Thandiwe“ laufen, das sind die Namen von zwei betroffenen jungen Frauen. Was kannst du uns über die beiden erzählen?
Mafuane und Tandiwe sind zwei junge lesbische Frauen in ihren Zwanzigern, die in den Townships von Kapstadt leben. Wir haben sie in Internet-Foren kennengelernt und seitdem mit ihnen telefoniert und geskypt. Beide sind selbst Opfer von Korrekturvergewaltigungen geworden und kämpfen nun für die Anerkennung ihrer Sexualität - nicht nur auf dem Papier sondern im alltäglichen Leben.

Wie wird die Ausstellung konkret aussehen?
Die Ausstellung ist ein Versuch, dem Publikum die Welt von Mafuane und Thandiwe so nah wie möglich zu bringen. Wir werden einen Monat mit den Frauen verbringen und dabei ihr Leben audiovisuell dokumentieren, mit Portraits, Sprachaufzeichnungen, Gegenständen, die ihnen gehören, Videos und von ihnen geschriebenen Texten. Unser Publikum wird am Ende das Gefühl haben, Mafuane und Thandiwe zu kennen.

Inwiefern sind Mafuane und Thandiwe betroffen?
Im Detail haben wir das noch nicht besprochen. Wir wollen den Fokus auch gar nicht auf Vergewaltigung legen. Das Letzte, was wir wollen, ist, die Opfer zur Schau zu stellen. Diese Frauen sind zwar misshandelt worden, aber sie sehen sich nicht als Opfer. Sie sind starke Aktivistinnen in einem Land, von dem sie wissen, dass es sie letztlich akzeptieren muss. Südafrika als Ganzes ist das eigentliche Opfer, weil es verfehlt, seine eigenen Bürger zu schützen.

Wie häufig sind solche Korrekturvergewaltigungen in Südafrika?
Aussagekräftige Statistiken gibt es kaum. Das liegt daran, dass die Polizei Korrekturvergewaltigungen wie andere Vergewaltigungen behandelt. Dementsprechend taucht die sexuelle Orientierung nicht in den Daten auf. In Kapstadt hat eine örtliche Gruppe lesbischer Aktivistinnen ihre eigene Datenerhebung gemacht und dabei 520 Korrekturvergewaltigungen allein im vergangenen Jahr erfasst. Man kann also davon ausgehen, dass die Zahl landesweit sehr viel höher ist.

Wird das Problem in den Medien, von der Regierung oder anderweitig in der südafrikanischen Gesellschaft thematisiert und anerkannt?
Das Thema ist sehr unterrepräsentiert, sowohl in Südafrika als auch international. Man muss sich nur mal die Wikipedia-Seite zu dem Thema anschauen, dann sieht man schon, wie wenig darüber publiziert wurde. 

Wie finanziert ihr euer Projekt?
Einen Teil der Kosten können wir selbst tragen. Außerdem bekommen wir etwas finanzielle Unterstützung aus Irland, vom Simon Cumbers Media Fund, der das Ziel hat, die Berichterstattung über entwicklungspolitische Themen in den irischen Medien zu verbessern und zu fördern (Anm. d. Red.: Conor stammt aus Irland). Damit können wir unseren Flug und Unterhalt in Südafrika bezahlen. Aber die eigentlichen Kosten entstehen in der Produktion und während der Wanderausstellung. Deshalb versuchen wir, über Crowdfunding zusätzliche Mittel zu bekommen. Das hilft uns außerdem, genau das zu machen, was wir letztlich mit der Ausstellung erreichen wollen: Aufmerksamkeit für das Thema erregen.    

Den Start für die Wanderausstellung planen Conor und Renata für das Frühjahr 2013. Sie wird erst im Irish Aid Centre in Dublin und dann wahrscheinlich im Mother London zu sehen sein, bevor sie nach Berlin ins Agora weiter wandert.         


Text: mareike-mueller - Foto: oh