Gutes Gewissen aus der Tube

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Sophia Coppola benutzt Dr. Hauschka, Julia Roberts auch. Auf dem Weg zum Interview habe ich gesehen, wie eine Bussinesslady eure Quittencreme aus ihrer Designertasche rauskramt. Hauschka beschäftigt heute vier Mal so viele Mitarbeiter wie noch vor ein paar Jahren. Wie erklärt ihr euch den Boom?
Alexandra Blaha: An unsere Arbeitsweise hat sich jedenfalls wenig verändert. Wir halten an unseren Prinzipien fest: „Aus dem Garten in die Tube" – das war schon vor 40 Jahren so, es hat sich höchstens etwas an der Verpackungsgestaltung getan. Mit dem Boom haben wir nicht gerechnet – mit so etwas kannst du auch gar nicht rechnen. Wir müssen uns dafür wahrscheinlich eben bei diesen Starts aus Hollywood bedanken. Urplötzlich haben alle Medien über Hauschka geschrieben. Die Meinungsmacher haben's vorgemacht, die anderen probierten es aus und stellten wahrscheinlich fest: Oh, Naturkosmetik fühlt sich ja gut an.

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Illustration: Julia Schubert



Aber nicht nur Karrierefrauen und Stars, sogar Studentinnen leisten sich eure Produkte.
Jeder legt für sich fest, was ihm wichtig ist, wofür er sein Geld ausgibt. Selbst wenn man nicht viel auf dem Konto hat, kann man sagen: Darauf möchte ich nicht verzichten. Wenn man abends ein Bier weniger trinkt, dann ist auch eine Rosencréme drin.

Eher ja zwei Cocktails – eine Dr. Hauschka-Créme kostet um die 16 Euro.
Das stimmt. Aber man hat auch ein paar Monate jeden Morgen etwas davon. Außerdem ist Nachhaltigkeit gerade bei Studenten ein großes Thema. Sie wollen mit dem Kauf auch ihrer Umwelt etwas Gutes tun. Ich glaube, es gibt gerade bei den jungen Leuten einen Trend zurück zu den einfachen, guten, echten Dingen. Die Suche nach Wahrhaftigkeit ist groß.

Vermutlich vertrauen viele Menschen einer Handcreme aus „Jojoba, Mandel, Zaubernuss, Olivenöl" mehr als einer aus „Trilaureth-4 Phosphate, Isopropyl Palmitate und Caprylic Triglyceride". Einfach weil man sich darunter mehr vorstellen kann.
Die Leute suchen wieder das Natürliche. Jede Gesellschaft, jede Zeit, hat zwei Pole. Heute ist der eine Pol, dass wir an unsere Handys, an unsere Laptops, gekettet sind. Der andere Pol ist: Die Leute wollen wieder nach draußen, sie gehen spazieren und kaufen auf dem Markt ein. Jeder weiß, dass es nicht gesund sein kann, zehn Stunden vor dem Bildschirm zu sitzen. Der Wunsch nach gesunden Dingen ist extrem groß. Da passt Naturkosmetik gut rein.

Aber überschminken wir damit nicht einfach die Gefahren und stellen unser Gewissen ruhig? Wer nach Quitte riechend die Nächte am Computer durchmacht, hat vielleicht ein besseres Gefühl– das grundlegende Problem hat er trotzdem nicht gelöst.
Die Technologisierung, der Wandel – das sind Punkte, die niemand beeinflussen kann. Man kann eine gesellschaftliche Entwicklung nicht zurückdrehen. Selbst Landwirte müssen heutzutage vor dem Rechner sitzen. Was ich aber ändern kann ist: Was esse ich, wie gestalte ich meine Freizeit, was gebe ich mir auf die Haut.

Kann man nur einen Teil der Bewegung mitmachen? Also nur Öko im Gesicht sein, aber nicht im Kopf?
Mir ist das lieber, als die frühere Radikalität. Vor 20 Jahren war es: Entweder ganz oder gar nicht. Es muss sich nicht jeder an die Castor-Behälter ketten. Auch ein kleiner Tropfen höhlt den Stein. Jeder Tropfen. Egal aus welchem Beweggrund.

Eine Freundin von mir, die sonst überhaupt keinen Wert auf Nachhaltigkeit legt, kauft für sich ausschließlich Naturkosmetik und Bioessen. Grün ist sie nur, wenn es ihr gut tut. Finden Sie das egoistisch?
Nein, ich finde das nicht egoistisch. Wer sich Bio ernährt und Naturkosmetik kauf, tut der Umwelt per se etwas Gutes: Ob er explizit daran denk oder nicht. Von mir aus können die Leute allein aus Prestigegründen unsere Produkte kaufen – es hilft ja trotzdem. Es gibt sicherlich auch blödere Trends als Naturkosmetik: Luxushandtaschen zum Beispiel. Dann lieber eine Mode, die „by the way" etwas Gutes tut.

Aber Dr. Hauschka liegt doch bestimmt öfter in einer Designertasche als in einem Jutebeutel – sieht man einmal von der ironischen Mitte-Tüte ab.
Das stimmt eben nicht. Es ist auch die Eurythmistin, die unsere Produkte kauft. Oder eine Ökobäuerin, die sich sonst überhaupt nicht schminkt. Natürlich gibt es unter unseren Kundinnen auch die Karriere-Frau. Wir vermitteln aber nicht diesen Anspruch, dass Frauen alles können müssen: Job, Kinder, ein Haus wie aus „Schöner Wohnen" und ein Körper wie aus „Germany's Next Topmodel". Als wir vor zwei Jahren zum ersten Mal Marktforschung gemacht haben, waren wir ganz erstaunt. Wir haben viele Kundinnen, die nicht unbedingt viel Geld haben, aber viel Wert auf gutes Leben legen.


Text: wlada-kolosowa - Illustration: Christopher Stelmach

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