Hände hoch, die Emo-Klimaretter von Revolverheld sind da!

Das selbstbetitelte Debütalbum der Band "Revolverheld" verkaufte sich mehr als 160.000 Mal. Und am Freitag erscheint schon das Nachfolgealbum "Chaostheorie". Höchste Zeit mal nachzufragen, wie die so ticken - jetzt.de sprach mit Sänger Johannes.
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Wie würdest Du die „Chaostheorie“ erklären? Diese Theorie besagt, dass jedem Chaos eine Ordnung zugrunde liegt. Jedes Chaos beruht auf einer Ordnung. Auf Revolverheld bezogen: Wir hatten ein wahnsinnig chaotisches letztes Jahr mit sehr vielen Shows. Sozusagen Chaos im positiven Sinn. Trotzdem wussten wir nicht mehr wo uns der Kopf steht. Als wir uns ans Songrwiting fürs Album gemacht haben, fiel eben auf, dass in dem Chaos eine Ordnung steckt. Dahingehend, dass wir unsere Ideen gut in Songs umsetzten und alles auf den Punkt bringen konnten.

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Illustration: Julia Schubert

Das Album hört sich im Vergleich zu anderen derzeit deutschen Mainstream-Bands wie Silbermond, Juli oder Wir sind Helden besonders rockig an. War das Absicht? Wir wollten uns nicht bewusst abgrenzen. Es läuft eher so, dass wir uns an unseren Vorbildern, einigen amerikanischen Emo-Bands orientieren. Aber auch Gruppen, die einfach nur ein bisschen rumschreien wie die Lostprohets oder Billy Talent. Und es ist ganz natürlich dass man dies aus unserer Musik ein wenig raushört. Diesen Stil gibt es in Deutschland ja auch nicht. Entweder gibt’s Rock oder dann den Indiesound wie Wir sind Helden oder Sportfreunde Stiller. Da geht es bei uns schon direkter zu. Und...ihr wollt die Welt verändern? Beim Lied „Welt verändern“ geht es nicht darum dass wir großartig missionarisch auftreten wollen. Wir denken da eher an unsere kleine Welt. Das fängt noch mal wo an? Stichwort Klimawandel: Wenn jeder so bescheuerte kleine Sachen macht wie das Licht in einem Zimmer, in dem man sich nicht aufhält, ausschalten. Oder das Wasser beim Zähneputzen nicht laufen lassen. Das klaut wirklich niemandem den Komfort. Oder bei kurzen Strecken: Auto stehen lassen und aufs Fahrrad. Ist ohnehin gesünder. Wenn das Millionen machen dann verändert dies die ganze Welt. Ihr haltet euch an das alles? Natürlich. Wobei ich mich nicht als Gutmensch darstellen möchte. Wäre auch lächerlich. Ich mache viele Sachen, die beschissen sind. Aber ein paar Dinge kann jeder beachten. Und bei welchen Sachen musst Du Besserung geloben? Ich trenne keinen Müll und trinke zu viel Alkohol. Mit letzterem schade ich aber nur mir selbst. Naja, die Krankenhaus und Rehakosten könnten irgendwann mal zulasten der Allgemeinheit gehen! Stimmt auch wieder. Kann man mit Musik die Welt verändern? Ja. Ein Blick auf Live Aid gibt die Antwort auf die Frage. Bob Geldof hat Millionen von Dollars für die Dritte Welt gesammelt. Alle Menschen haben an diesem Tag den Kopf gehoben. So was schafft kein Politiker. Geldof sorgt aber dafür, dass sie beim G8-Gipfel über ihn sprechen. Mit Bob Geldof und den Künstlern von Live Aid wären wir nun endlich bei den Superstars angelangt. Ihr habt ein gleichnamiges Lied auf dem Album… Der Begriff Superstar wird im Kontext der Casting Formate einfach sehr inflationär benutzt. Bob Geldof ist ein Superstar, aber: Es kann doch nicht so ein vermessener Alex K., der wirklich zwei Monate berühmt war, sich Superstar nennen. Jeder will aber ein Supertstar sein… Es ist wahnsinnig cool und wichtig einer zu sein. Dann bist du wer – das wird uns vorgegaukelt. Und dadurch sind die jungen Menschen nicht mehr bereit, wie früher fünf oder zehn oder sogar 20 Jahre lang selber mit der eigenen Band live aufzutreten, bevor sich vielleicht etwas in Sachen Plattenvertrag tut. Und dabei sich den Hintern aufzureißen, keine Kohle zu haben und nicht zu wissen, wie man zum nächsten Konzert kommt, weil der Tank und die Geldbörse leer sind. Da denkt man lieber: Ich geh jetzt mal zum Casting und in zwei Monaten bin ich berühmt. Was sagt Ihre Plattenfirma eigentlich dazu, wenn du so über die Superstars redest. Du wohnst ja praktisch unter dem gleichen Dach… Wir haben uns von vornherein rausgenommen, da völlige Meinungsfreiheit zu haben. Ich weiß, dass die Superstars auch von SonyBMG veröffentlicht werden. Das interessiert mich aber einen Scheiß. Das ist eine andere Abteilung, mit der wir arbeiten. Ich muss auch klarstellen: Ich habe nichts gegen diese armen Menschen, die sich bei den Castings bewerben. Dennoch verachte ich das, was die dort tun. Dein Tipp für Teenager oder Erwachsene, die sich bei einer Casting-Show bewerben wollen? Wenn sie einfach nur berühmt werden wollen, dann sollten sich diese Menschen überlegen, ob sie nicht ein Problem mit ihrem Ego haben. Variante zwei: Man mag einfach nur Musik machen. Dann sollte man den scheiß-langen Weg gehen und beachten: Ich muss mir ein gutes Umfeld aufbauen. Mit guten Leuten gute Songs schreiben. Konzerte spielen. Und langsam an den Start gehen. Und wenn es lange dauert, ist es so. Das ist normal. Und pervers ist eben, dass nun vorgegaukelt wird, dass man mit einem Fingerschnippen mit 16 zum Star wird. Foto: SonyBMG

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