Happy Birthday, Pixar!

Sie haben uns den rotweißen Clownsfisch Nemo, den Cowboy Woodie und die beiden liebenswürdigen Monster Sulley und Mike geschenkt. Nächstes Jahr wird Pixar 20. Zeit, zurückzublicken.
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Illustration: Julia Schubert

( Findet Nemo, Foto: reuters) Steil führt die Rolltreppe in den Keller des New Yorker Museums of Modern Arts hinab. An der Decke schweben in einer Filmprojektion ein paar tausend Türen wie Raumschiffe in die Unendlichkeit. Rote, blaue, gelbe und grüne Portale öffnen und schließen sich im Takt, locken den Besucher, der langsam nach unten fährt. Tausend Türen –und hinter jeder eine Welt. Die Szene aus „Monster AG“ ist ein passender Auftakt für die Ausstellung „Pixar – 20 Years of Animation“, die am Mittwoch eröffnet wurde. Schließlich entführen die kalifornischen Animationskünstler ihre Zuschauer mit Filmen wie „Toy Story“, „Monsters Inc.“ oder „Finding Nemo“ immer wieder in knallbunte und durchgeknallte Traumwelten – Ozean, Ameisenbau oder eine unterirdische Monster-Industriegesellschaft. Pixar hat einige der erfolgreichsten Animationsfilme aller Zeiten gemacht und wird nächstes Jahr 20 Jahre alt. Zeit für eine Retrospektive. In der Ausstellung im MOMA werden neben den Lang- und Kurzfilmen der Firma auch mehr als 500 Skizzen, Modelle und Storyboards gezeigt. tobias-moorstedt sprach mit John A. Lasseter, Mitbegründer und kreativem Direktor von Pixar, über den Weg von der Garage ins Museum.

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Illustration: Julia Schubert

(John A. Lasseter, Foto: dpa) Draußen stehen die Menschen wie jeden Tag in einer langen Schlange vor dem Museum. Denken Sie, dass die sich wundern werden, wenn sie ihren Cowboy Woody oder den Clownfisch Nemo gleich neben den Picassos und Chagalls sehen werden? Das hoffe ich doch sehr. Es ist für viele Leute immer noch ein Schock, dass man so etwas wie kommerzielle Filme auch als Kunst bezeichnen kann. Aber eigentlich geht es hier weniger um die Filme als Endprodukt, als um den Prozess ihrer Entstehung. Ich hoffe, die Leute gehen durch die Ausstellung und sagen am Ausgang: „Oh mein Gott, wer hätte das gedacht!“ Die meisten haben Ihre Filme wahrscheinlich im Kino gesehen? Bekommen die überhaupt noch Neues zu sehen? Die Menschen denken immer, unsere Filme entstehen im Computer, wir drücken ein paar Knöpfe und der Computer brennt dann gleich die CD. Aber Nemo und Woody sind in einem langen, künstlerischen Prozess entstanden. Bevor wir den PC überhaupt anschalten, schaffen wir Hunderte von Modellen, Skizzen und Zeichnungen, ganz klassisch, mit Ton, Tusche und Ölfarben. Ich denke, das ist der große Gewinn der Ausstellung: dass man zum ersten Mal sehen kann, wie stark wir uns eigentlich an der klassischer Kunst, ihrem Stil und ihrer Technik orientieren. Diese Ausstellung feiert die Kunst von Pixar. Mir ist erst heute wieder eingefallen, dass das sogar in unserem Namen steckt. Pixar ist schließlich ein Wort-Hybrid aus „Pixel“ und „Art“, nicht sehr originell, aber so waren wir Geeks Ende der 70er halt drauf. Viele Firmen machen mittlerweile digitale Animationsfilme. Was denken Sie, macht die „Kunst von Pixar“ aus? Neben dem Prozess des In-Bewegung-Setzens kommt es auch auf die Charakterentwicklung und das Storytelling an. Das kann man nicht voneinander trennen. Ich will unsere Filme nicht glorifizieren: Wir machen Unterhaltungsfilme, wir wollen, dass die Leute auf dem Sessel auf und ab springen. Aber dabei ist uns auch wichtig: Es soll so schön wie möglich werden. Im nächsten Jahr wird Pixar 20 Jahre alt. Jetzt sind Sie im Museum angekommen. Werden Sie langsam alt? Wie ist das denn gemeint? Das ist noch lange nicht das Ende. Nur ein erster Höhepunkt, auf dem wir uns kurz umdrehen. Wir sagen dann immer: unmöglich, dass so viel Zeit vergangen ist. Ich habe es gar nicht richtig bemerkt. Wir waren eben schon immer eine Firma, die nach vorne geguckt hat. Ihre Software RenderMan wird mittlerweile in der ganzen Branche benutzt. Immer mehr Firmen entdecken digitale Animationsfilme als großen Markt. Fürchten Sie sich eigentlich vor Konkurrenz? Wissen Sie, ob ein Film gut ist oder schlecht, das hat wenig mit Hardware-Power oder der Software zu tun. Wenn Disney-Chef Eisner sagt, „2-D-Zeichentrick ist tot“ und so den Misserfolg der traditionellen Disney-Filme erklärt, dann irrt er sich gewaltig. Die Disney-Filme haben einfach keine guten Geschichten erzählt. Ein Computer ist nur ein Werkzeug. Es kommt immer darauf an, wie der Künstler dieses benutzt, welche Ideen er hat. Oder macht ein neues Textverarbeitungsprogramm ihre Texte etwa besser? Nein! Es geht vielleicht ein wenig schneller, aber was drin steht, das müssen sie schon noch selber wissen. Trotzdem kann man heute mit einem Laptop machen, wozu man vor fünf Jahren noch einen Großrechner brauchte. Könnte durch die größere Verfügbarkeit von Hardware und Knowhow nicht auch im Animationsfilm eine Independent-Szene entstehen? Klar. Die gibt es doch schon. Wenn man sich im Internet ein bisschen umguckt, findet man ganz wunderbare Sachen von jungen Künstlern. Es bildet sich aber erst langsam überhaupt ein Publikum, das sich für den abseitigen Charme der digitalen Welten begeistert. Aber noch mal: Für gute Geschichten brauchen wir keine teuren Geräte. Ich sage den Leuten immer: „Lernt die Grundlagen. Zeichnet, Zeichnet, Zeichnet!“ Ist die Pixar-Ausstellung ein einmaliger Auftritt der Animationsfilme im Museum. Oder der Beginn einer großen Tradition? Oh No! We are here to stay. Computer Animation ist die modernste Kunstform überhaupt. Vor allem, weil wir uns die dritte Dimension erschlossen haben. Zwar sind unsere Werke im Kino oder auf DVD für den Zuschauer noch zweidimensional. Aber wir können in unseren Computern in unsere Ideen und Gemälde hineinlaufen und uns in den fremden Welten umschauen. Wir fragen uns: Wie fühlt sich das an? Dass wir dieses Wissen haben, merkt man den Filmen an. 2006 kommt Ihr neuer Film „Cars“ ins Kino. In der Ausstellung sind schon erste Skizzen und Modelle zu sehen: ein arroganter US-Chevrolet, ein süßer Japan-Export, ein trotteliger Abschleppwagen. Wie viel erfahren die Zuschauer hier über den unveröffentlichten Film? Ein gewisses Gefühl, eine Stimmung kann man den Bildern sicher entnehmen. Aber Vorsicht: Es sind nur Skizzen und oft werfen wir alles wieder über den Haufen. Die Story wird hier bestimmt nicht verraten. Eigentlich sollen die Modelle ja auch nur für sich selbst stehen. Als eigenes Kunstwerk.

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