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Die Frau hat Liebeskummer. Sie spaziert über einen Steg am Meer, irgendwo in Dänemark, und philosophiert über die Liebe: „Jede Frau braucht drei Männer. Einen für den Spaß, einen für gute Gespräche und einen für Sex. Johan war einer für alles“, sinniert sie – doch Johan hat sie verlassen. Erst trauert Anna (so heißt die Frau), dann ist sie wütend und dann lässt sie es krachen. Und hat sichtbaren Spaß dabei. „All about Anna“ heißt der Film, in dem Anna ihr Herz vom Schmerz befreit. Eine romantische Komödie – mit expliziten Hardcore-Sex-Szenen. Oder, wie es die Produzenten formulieren: ein Pornofilm für Frauen. In Dänemark ist „All about Anna“ seit Wochen auf Platz 2 der DVD-Verkaufscharts, direkt hinter Lars von Triers aktuellem Film „Manderlay“. Und auch europaweit verkauft sich der Film seit seinem Start auf DVD vor drei Monaten besser als die meisten Männerpornos. Playgirl TV, Fuckerware-Partys und Frauenpornos – das angeblich prüdere Geschlecht scheint die Lust auf Sex mit Gimmicks neu entdeckt zu haben. Doch Frauen mögen es anscheinend anders. Die Regeln, nach denen in Dänemark mit Lars von Triers Produktionsfirma „Zentropa“ Pornos für Frauen gedreht werden, sind deshalb in einem eigenen Manifest festgelegt. Ähnlich wie das klassische Dogma95 schreibt das „Puzzy Power Manifesto“ für die Entstehung und die Inhalte der Filme konkrete Bedingungen vor. Unter anderem heißt es in diesem Regelwerk: - Die Filme müssen richtige Geschichten erzählen. Handlung ist wichtig! Die Gefühle der Figuren müssen nachvollziehbar sein und sich miteinander entwickeln. - Es soll aus einer weiblichen Perspektive gefilmt werden. Wichtig sind weibliche Begierden, Phantasien und Vorstellungen. - Nackte Körper sollen in ihrer ganzheitlichen Schönheit gezeigt werden. Es geht nicht nur um die Genitalien. - Sexuelle Gewalt, gegen den Willen der Frau, darf nicht gezeigt werden. Gewalt ist nur dann erlaubt, wenn es sich eindeutig erkennbar um eine Phantasie der Frau handelt. - Ebenfalls nicht erlaubt sind Oralsex-Szenen, in denen der Mann gewaltsam in das Gesicht der Frau ejakuliert. - Beim Geschlechtsakt werden Kondome benutzt. „All about Anna“ (2005) ist nach „Pink Prison“ (1998) und „Constance“ (1999) der dritte und erfolgreichste Frauenporno, der nach diesem Regelwerk entstanden ist. Im typischen Video-Wackel-Dogma-Look schafft es der Film tatsächlich, neben den Pornoelementen auch eine annehmbare Geschichte zu erzählen. Die Idee, die dahinter steht, ist die, dass Frauen – eher als Männer – Geschichten zum Mitfühlen brauchen, um sexuell angeheizt zu werden. Die Sexszenen sind deshalb in eine dichte Handlung integriert, so dass sie am Anfang in ihrer Härte fast irritieren. Hat man sich jedoch daran gewöhnt, stellen die Hardcore-Szenen eine Authentizität her, die in Nicht-Pornofilmen gar nicht möglich ist, eben weil dort Sex nicht ganz gezeigt wird. So verbindet sich die alte Dogma-Idee, den Zuschauer durch bestimmte Techniken möglichst unmittelbar und ungeschminkt am Geschehen teilhaben zu lassen, sehr stimmig mit den filmischen Ergebnissen des Puzzy Power Manifestos. Doch nicht nur in der Ausführlichkeit der Geschichte ist der Zuschnitt auf das weibliche Geschlecht erkennbar. Auch die Perspektive, aus der der Film erzählt, macht „All about Anna“ zum Frauenfilm. Es ist Anna, die denkt, spricht und handelt. Vor allem aus Liebe oder Liebeskummer, weniger nur wegen Sex. Mehr als Anna sieht, wird nicht gezeigt. Und auch wenn es konkret zur Sache geht, ist die weibliche Handschrift der Regisseurin Jessica Nilsson erkennbar. Statt mit übertrieben-lustverzogenem Gesicht stöhnende Frauen und minutenlang wackelnden Brüsten, werden auch öfter mal die Männer gezeigt. Interview mit Nicolas Barbano, ausführender Produzent. Herr Barbano, warum haben sie „All about Anna“ nach den Regeln des Puzzy Power Manifestos produziert? Es sind einfach gute Regeln. Und die Filme, die nach ihnen gedreht werden, sind immer ein großer Erfolg. „All about Anna“ ist in Dänemark überall auf Platz 2 in den DVD-Verkaufslisten. Direkt nach „Manderlay“ ... ... dem aktuellen Film von Lars von Trier ... Ja, den werden wir leider auch nicht einholen. Gestern ist mir Lars auf dem Flur begegnet. „Nur wegen Dir werden wir nie die Nummer 1!“, habe ich gesagt. „In der Liste der am meisten gehassten Blödsinnsfilme?“ hat er lachend geantwortet. „All about Anna“ wird immer wieder als feministischer Porno bezeichnet. Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Es gibt ja verschiedene Arten von Feminismus. Gritt Uldall Jessen, eine berühmte dänische Autorin die auch ein Frauenmagazin herausgibt, sagt, dass unser Film „frei an feministischen Ideen orientiert“ ist. Viele echte Feministen finden natürlich trotzdem jede Art von Porno verwerflich, weil darin Frauen zu Objekten männlicher Begierde reduziert werden. Wir haben versucht, weniger voyeuristisch zu filmen und die Geschichte aus einer weiblichen Perspektive zu erzählen. Außerdem ist die Handlung wichtiger als in Pornos normalerweise üblich. Eine Regel im Manifest fordert, dass Frauen niemals ins Gesicht ejakuliert werden soll. Trotzdem gibt es so eine Szene im Film. Haben Sie ihre eigenen Regeln gebrochen? Diese Szene war eine schwierige Entscheidung. Ich hatte die Regisseurin eigentlich gebeten, sie nicht zu drehen. Aber sie wollte es unbedingt. Im Nachhinein finde ich nicht, dass die Regeln gebrochen wurden, denn im Manifest geht es um diese typischen Porno-Szenen, in denen Frauen an den Haaren gezogen und gezwungen werden, dass der Mann in ihr Gesicht kommt. In „All about Anna“ ist es ja eher so, dass Camilla Johan zwingt, so zu kommen. Und er entschuldigt sich sogar danach. Regisseurin Jessica Nilsson nennt die Szene immer „den ersten dramaturgischen Cumshot der Welt“! Meinen Sie, dass eines Tages Hardcore-Pornos für Frauen genauso normal werden wie für Männer? Da bin ich ganz sicher. Siehe auch: AllaboutAnna.com Fotos: innocentpictures.com