"Hat hier jemand gelogen?"

In seinem Buch "Smile When You're Lying" behauptet Chuck Thompson: Reisejournalisten lügen. Dabei ist er selbst einer. Ein Interview über die Lügen einer gigantischen Industrie
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Wenn Sie Urlaub machen, welchen Reiseführer nehmen Sie mit? Chuck Thompson: Ich nehme nicht immer denselben und ich habe auch keine Lieblingsreihe. Aber ich tendiere zu solchen, die sich an jüngere und abenteuerlustigere Leser richten wie zum Beispiel Rough Guide, Blue Guide oder Time Out. Immer öfter lade ich auch aus dem Internet einfach spezielle Seiten über mein Reiseziel herunter. Dann muss ich nicht ein ganzes Buch mit mir herumschleppen, das ich größtenteils gar nicht brauche. Seit wann arbeitest Du als Reisejournalist? Chuck Thompson:Seit 1994. Für viele Menschen ist das ein Traumjob. Ist es das? Chuck Thompson: Es hat wie alles zwei Seiten. Natürlich ist es toll, wenn man Arbeit und Reisen verbinden kann. Aber das ist nicht alles. Schon nach kurzer Zeit wird diese Arbeit wie jede andere Job auch langweilig, es wiederholt sich und es ist schlecht bezahlt. Zum Beispiel habe ich einen Reiseführer für über wichtige Schauplätze des 2. Weltkrieges in Europa geschrieben und bin dafür durch ganz Europa gereist. Meine Freunde waren neidisch. Ich aber war die ganze Zeit alleine und mein Tag war voll gestopft mit Verabredungen. Manchmal dauerte es bis neun oder zehn Uhr abends, bis ich eine anständige Mahlzeit essen konnte. Und geh mal an einem Samstagabend alleine in Frankreich in ein Restaurant. Da kriegst Du einen Stehtisch neben der Toilette. In Deinem Buch „Smile When You're Lying" kritisierst Du die ganze Reisejournalismus-Industrie. Warum dieser Titel? Chuck Thompson: Das Lügen bezieht sich auf viele verschiedene Arten der Unehrlichkeit. Zum Beispiel, wie die Tourismusbranche mit ihren Kunden umgeht. Aber auch die Falschheit der Reisejournalisten und Redakteure, die mit verzerrten Berichten, ein falsches Bild erzeugen. Und es bezieht sich auf meine eigene Unehrlichkeit: Ich habe oft behauptet, Plätze zu lieben, die ich überhaupt nicht gemocht habe.

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Illustration: Julia Schubert

Was also ist das Problem im Reisejournalismus? Chuck Thompson: Ich glaube, das größte Problem ist, dass zu wenige Journalisten darüber schreiben, was für eine riesige Macht die Tourismusbranche mittlerweile hat. Nach der Erdölindustrie ist das der größte Geschäftszweig der Welt mit einem riesigen kulturellen Einfluss in nahezu jedem Winkel der Erde. Reisejournalisten ist dieser Fakt entweder nicht bewusst, oder sie wollen das nicht erkennen. Ich denke, wir müssten uns kritischer und verantwortungsvoller damit auseinandersetzen. Wenn ich den Reiseteil einer deutschen Tageszeitung aufschlage, kostet im vorgestellten Reiseziel die billigste Nacht 250 Euro und ein Flug dorthin 1.200 Euro. Ich frage mich jedes Mal: Wer kann soviel Geld für einen Urlaub ausgeben? Warum stellt niemand billigere Alternativen vor? Chuck Thompson: Über billige Hotels wird nicht geschrieben, weil die kein Geld haben, um Werbung zu machen. Reisejournale oder Reiseteile von Tageszeitungen sind Megaphone ihrer Werbekunden. Wenn Four Seasons für 100.000 Dollar Anzeigen schaltet, über welches Hotel wird das Magazin wohl schreiben? Ein familiengeführtes Hostel in Malaysia kann sich keine Anzeige in einem europäischen Magazin leisten. Deshalb wird den Lesern empfohlen, im „Raffles“ in Singapore abzusteigen. Das beste Reisemagazin, für das ich je gearbeitet habe, hieß Escape und wurde in Los Angeles herausgegeben. Es richtete sich an den Lonely-Planet-Reisenden. Also an Leute, die an entlegene Orte reisen und wenig Geld ausgeben wollen. Trotz vieler begeisterte Leser wurde das Magazin nach sieben Jahren eingestellt. Es konnte einfach zu wenige Anzeigen verkaufen. Welche Rolle spielt PR? Chuck Thompson: Das ist letztlich eine erweiterte Form der Werbung. PR-Leute versuchen der Publikation zu „helfen“, seinen redaktionellen Inhalt in eine Richtung zu bringen, die den Werbekunden gefällt. Ein Beispiel: Das Tourismusministerium eines Karibikstaates gibt 250.000 Dollar für eine Kampagne aus, die das Magazin innerhalb eines Jahres verwendet. Ein oder zwei Monate später rufen PR-Leute des Ministeriums an und sagen „Wir haben eine großartige Idee für eine Geschichte über einen Golfplatz und ein Vier-Sterne-Ressort, das in drei Monate eröffnet. Der Herausgeber ist begeistert und weist in der nächsten Konferenz seine Redakteure darauf hin, wie wichtig dieser Kunde ist und dass er 250.000 Dollar gezahlt hat. Ein Redakteur übernimmt die Geschichte und natürlich ist sein erster Kontakt dorthin wieder dieser PR-Mensch. Der arrangiert auch die gesamte Reise des Journalisten. Der Journalist wiederum muss sich um nichts kümmern, hat eine großartige Zeit dort und schreibt eine begeisterte Geschichte. Alle sind zufrieden. Hat hier irgendjemand gelogen? Eigentlich nicht. Aber, wenn der Leser durch das Magazin blättert, hat er keine Ahnung, dass die 250.000 Dollar der Grund sind, warum ihm gerade dieses Vier-Sterne-Hotel vorgestellt wird. Private Reiseblogs könnten hier doch eigentlich für Abhilfe sorgen. Warum gibt es kaum interessante? Chuck Thompson: Weil die meisten Menschen nicht gut schreiben können. Das liegt nicht daran, dass sie dumm sind. Aber sie nehmen sich nicht die Zeit, die Dinge gründlich zu recherchieren und sie machen sich nicht die Mühe, das Geschriebene zu überarbeiten. Wie jeder andere Job erfordert Schreiben viel Disziplin. In Deinem Buch kritisierst Du auch den Reiseführer Lonely Planet. Dabei fördert der doch gerade den unabhängigen Tourismus. Chuck Thompson: Ich habe mich in meinem Buch sehr kritisch mit der Selbstherrlichkeit von Lonely Planet auseinandergesetzt. Und ich war überrascht, wie viel Zustimmung ich dafür erhalten habe. Ich dachte immer, dass ich mit einer Abneigung gegen Lonely Planet ziemlich allein sei. Dabei ist es gar nicht, dass ich LP seinen Erfolg nicht gönne. Vielmehr wurde er Opfer seines eigenen Erfolgs. Es ist wie der amerikanische Baseballspieler Yogi Berra einmal sagte: Dieser Ort ist so beliebt geworden, dass niemand mehr dorthin will.

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Illustration: Julia Schubert

"Smile When You're Lying - Confessions of a Rogue Trave Writer" ist bisher nur auf Englisch erschienen. Verlag: Henry Holt; ISBN-10: 0805082093 Mehr unter: www.chuckthompsonbooks.com

Text: philipp-mattheis - Fotos: www.chuckthompsonbooks.com; www.amazon.com

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