"Heimat - das ist für mich der Geruch nach Freibad"

"Wild Germany"-Reporter Manuel Möglich begleitet ab sofort Prominente wie Dolly Buster und Jürgen Drews an die Orte ihrer Kindheit. Ein Interview über Herkunft und den Zusammenhang zwischen Frittengeruch und Pubertät.
michele-loetzner

jetzt.de: Manuel, kurzer Zwischenbericht: Welche Reise war bisher die überraschendste?
Manuel Möglich: Jeder Gast hat mich in gewisser Weise überrascht, aber wenn ich mich auf eine Reise beschränken soll, dann wohl die mit Heinz Strunk. Mit ihm haben wir die meisten Orte besucht und er erschien mir extrem offen und überraschte mich mit vielen Dingen, die er sagte. Allerdings: Leute wie ihn oder den Zeit-Kolumnisten Harald Martenstein würde ich nicht unbedingt als Promis bezeichnen. Wir haben vielmehr bekannte Persönlichkeiten gesucht, die wir spannend finden.  

Im Vergleich zu deiner letzten Sendung „Wild Germany“ klingt das Sendekonzept eher harmlos. Täuscht das?
Keineswegs, "Heimwärts mit..." ist natürlich nicht ansatzweise so krass oder schockierend wie eine Folge "Wild Germany" zum Thema Pädophilie, Satanismus oder Crystal Meth. Aber nach 24 Folgen davon wollte ich für den Moment etwas ganz anderes ausprobieren. Für mich als Reporter ist es zum Beispiel eine neue Herangehensweise, weil ich mich nur mit einer Person auseinandersetze und kein Thema bearbeite wie bei "Wild Germany". Allerdings bin ich mir sicher, dass "Heimwärts mit..." auch neue Geschichten liefert.

Zum Beispiel?
Wir sind wahrscheinlich die erste Produktion, die mit Jürgen Drews über den zweiten Weltkrieg sprach und fragte, was genau sein Vater, ein angesehener Arzt, damals eigentlich gemacht hat. Im April 1945 wurde ja nicht jede Familie aus Berlin rausgeflogen, die Drews aber schon. Mehr will ich noch nicht verraten. 

Illustration: Julia Schubert


Der Reporter Manuel Möglich, 34. Inzwischen trägt er übrigens einen Oberlippenbart.

Welche Momente gingen dir besonders nahe?
Auf jeden Fall das Gespräch mit Wolfgang Niedecken, als er mir in Rheinbach erzählte, wie er als kleiner Junge im Internat missbraucht wurde. Ich hatte das zwar schon in seiner Biografie gelesen, aber im einstigen Internat darüber zu reden war intensiv. Wie offen Heinz Strunk über eigene Depressionen, die seiner Mutter und Suizid sprach, ging mir ebenfalls nahe.

Wen würdest du in Zukunft noch gerne begleiten?
Da gibt es noch einige Leute. Um nur ein paar Namen zu nennen: Michel Friedman, Lothar Matthäus, Gerhard Schröder, Sibel Kekilli, Werner Herzog, Rocko Schamoni oder Til Schweiger, der in derselben Ecke in Hessen aufgewachsen ist wie ich.  

Wie steht es um dein eigenes Heimatgefühl: Gibt es einen Ort, den du definitiv als Heimat bezeichnest?
Heimat ist für mich mehr als nur ein Ort, Heimat kann auch Familie, ein Gefühl oder ein Duft sein. Der Freibadgeruch beispielsweise, für mich ein Gemisch aus Chlor, Sonnenmilch und Pommes, weckt eigentlich jedes Mal Erinnerungen an die frühe Pubertät. Plötzlich waren Mädchen auf eine unbekannte Art interessant und wunderschön. In Tiefenbach, einem kleinen Dorf in Mittelhessen, bin ich aufgewachsen. Diesen Ort bezeichne ich definitiv als meine Heimat.

Welche schönen oder auch traurigen Erlebnisse verbindest du mit diesem Ort?
Auf der einen Seite hatte ich dort eine großartige Kindheit mit vielen tollen Erlebnissen. Andererseits erinnere ich mich aber auch an die erdrückende Enge der Provinz, die mich als Teenager irgendwann extrem genervt hat.   

Sind seither "neue Heimaten" dazugekommen?
Ja, ich habe direkt nach dem Abi knapp zehn Jahre in Köln gelebt und diese Stadt ist auf eine Art auch zu meiner Heimat geworden. Berlin verwandelt sich nach all den Jahren, die ich nun hier lebe, immer mehr von zu Hause in Heimat.  

Lässt du dich eigentlich gerne in deine Heimat begleiten oder ist dir das eher unangenehm?
Unangenehm ist es mir nicht, im Gegenteil finde ich es spannend, weil sich so auch der eigene Blick verändern kann. Es wäre ja auch wahnsinnig bigott, wenn ich von den Gästen verlangen würde, mir einen Blick in ihre Heimat zu gewähren und umgekehrt ein Problem damit hätte, die Orte meiner Jugend anderen Menschen zu zeigen.

"Heimwärts mit..." läuft ab dieser Woche immer donnerstags um 22:15 Uhr auf ZDFneo.

Text: michele-loetzner - Foto: ZDF

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