"Ich bin auf jeden Fall kein Kosmopolit“

Es scheint das Jahr der Soloalben zu sein: Nach Kele Okereke und Brandon Flowers steht nun das Einzelwerk von Paul Smith in den Regalen. Im Interview erzählt er von seinen frühesten Solo-Erfahrungen: Er wuchs als Außenseiter in der nordenglischen Provinz auf.
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Illustration: Julia Schubert

„While You're In The Bath“ entstand als erster Song des Albums – und in einem Hotelzimmer. Ein guter Ort, um kreativ zu sein? In einem Hotelzimmer in Brisbane, um genau zu sein. Und auch noch so weit außerhalb des Stadtzentrums, dass ich absolut nichts zu tun hatte. Ich wachte eines Morgens auf, nahm die Gitarre, spielte ein bisschen herum, und irgendwann kam der Text. Peter Brewis von Field Music nahm ihn dann auf und verwendete ihn für eine Kunstausstellung. Erst in dem Moment fiel mir auf: „Oh, ich mache hier gerade was alleine.“ Hast Du es der Band sofort gesagt? Ich hatte den Song ursprünglich sogar für ein Maximo-Park-Album vorgeschlagen. Die anderen lehnten ab – und hatten damit natürlich eigentlich recht, weil er nicht wirklich zu dem passte, was wir machen. Ich kann mir nicht vorstellen, jemanden in der Band zu zwingen, etwas zu spielen, einen Song gut zu finden. So haben Maximo Park nie funktioniert. Wir hören uns zu und nehmen Ratschäge an, aber wissen alle recht genau, was wir wollen. Und ich denke, ich kann sehr stur sein. Deswegen war diese Platte eine gute Lösung. Als ich feststellte, dass ziemlich viele Songs Deiner Platte an Orte und Räume andocken, fand ich das sehr schön. Das ist auch eine sehr britische Tradition, ne? Die Kinks, Pulp, The Beautiful South … Kitchen Sink Drama nannte man das früher. Aber im Ernst: Wenn ich an amerikanische Rockstars denke – und ich weiß, dass das ein Klischee ist – stelle ich mir leere Gesten vor und Gitarrensoli, die viel zu lange dauern. Wenn ich an britischen Pop denke, denke ich tatsächlich an Beat-Pop, an Songs, zu denen ich eine Verbindung habe. Aber das ist natürlich auch ein Klischee (lacht). Ich glaube, das ist eine Art des Schreibens, zu der ich mich einfach immer hingezogen fühlte. Das hat etwas mit der Umgebung zu tun, in der ich aufwuchs. Ich komme aus dem Nordosten Englands. Dort zu schüchtern, zu unsicher zu sein, war nicht unbedingt das Ticket in eine glückliche Jugend. Damit hatte ich immer meine Probleme. Ich zu sein war gar nicht immer einfach. Ich kenne ziemlich viele Leute, die regelmäßig verprügelt wurden, weil sie etwas anders waren. Ein ruppiger Ort. Andererseits meine Heimat. Auf jeden Fall führte das alles dazu, dass ich nicht irgendwelche psychedelischen Songs über meine inneren Dimensionen schreibe. Du stammst aus Billingham, einer kleinen Stadt im Norden Englands. Was definierte Deine Jugend? Abgeschiedenheit. Die Mitte des Landes ist weit, weit, weg von Billingham. Ich war zum ersten Mal in London, als wir mit der Universität eine Exkursion dorthin unternahmen. Als ich aufwuchs, schien schon Newcastle, wo ich heute lebe, ein fremdes Land zu sein. Das ist gar nicht weit weg, vielleicht eine Stunde mit dem Zug und 45 Minuten mit dem Auto. Aber die wichtigen Dinge spielten sich zu Hause ab. Mein Vater arbeitete – und arbeitet immer noch – in der chemischen Industrie. So lange ich zurück denken kann: Sein Job war immer in Gefahr, weil es einfach immer weniger Jobs gab. Als ich anfing, zu malen, malte ich Industrielandschaften. Ohne groß darüber nachzudenken. Und da haben wir dann auch wieder die Verbindung zu meinen Songs. Die Lichter, die man sieht, wenn man in die Stadt fährt, finden sich in einer Zeile von „The Crush And The Shatter“ wieder. Bist Du heimatverbunden? Ich bin auf jeden Fall kein Kosmopolit. Als ich nach Newcastle zog, merkte ich aber, dass ich den Zugang zu verschiedenen Facetten der Kultur durchaus schätze. Auch Popkultur, was mich immer immens interessierte. Ich spiele seit einigen Jahren in einer Popband, was ein großer Glücksfall für mich ist. Ich beobachte viel, was mit anderen Bands passiert und interessiere mich auch für Sachen wie „X Factor“. Ich gehe mit meinen Freunden ins Kino – und selbst, wenn der Film doof war, hatte ich einen schönen Abend, weil wir danach noch etwas trinken waren. Ich vermute stark, dass mein Leben in Billingham sich anders abgespielt hätte. Was hat man dort als junger Mensch gemacht? Gab es Jugendzentren? Die gab es. Aber die habe ich gemieden. Die Jugendzentren waren die Orte, wo die Stärkeren hingingen. Die Alpha-Männchen mit ihren Alpha-Mädchen, die Rave und HipHop und so hörten. Man sah diese Kids immer durch die Stadt gehen, mit ihren Walkmen am Ohr und hörte dann dieses „Dz Dz Dz“. Da musste man schon aufpassen. Es gab Straßen, die ich wegen denen mied. Ich vermute, dass ich nicht der Typ war, den sie gerne um sich gehabt hätten. Und umgekehrt war es genauso. Obwohl – ich weiß nicht, vielleicht wünschte ich mir auch, dazuzugehören. Entschuldigung, aber das klingt einigermaßen furchtbar. So schlimm war es nicht. Du darfst nicht vergessen, dass jeder einen persönlichen Background hat. Und der war bei mir sehr schön. Ich wuchs behütet auf, und meine Eltern förderten mich nach Kräften. Meine Familie zog irgendwann um – aus einem recht üblen Teil der Stadt in einen besseren. Das waren zehn Minuten mit dem Auto, die meine Kindheit entschieden aufwerteten. Man konnte dort auch verprügelt werden, aber man wurde dort nicht mehr mit Eiern beschmissen (lacht). Tatsächlich ist das, was die Erinnerung an meine Kindheit dominiert, die Langeweile, weil es dort nicht sehr viel zu tun gab. Hast Du jemals überlegt, nach London zu ziehen? London jagte mir Angst ein. Es gibt auf dem Album eine Textzeile, die lautet: „In a room full of strangers i withdraw“. Und ich denke, die erklärt mich sehr gut. Es geht dabei gar nicht mal um Orte, sondern nur um die Leute. Menschen haben so viele verschiedene Motive für ihre Handlungen und verschiedene Arten, ihr Leben zu leben. Wenn ich dann feststelle, dass jemand unfreundlich ist oder eine Einstellung hat, die sich von meiner unterscheidet, verunsichert mich das. Ich lerne gerne andere kennen – aber nach meinen eigenen Regeln. Das ist vermutlich traurig, aber eine Stadt wie London würde mich fertigmachen. Bei einigen Texten dachte ich mir: Der fotografiert auch. Und, tust Du? Während der ersten vier Jahre mit Maximo Park machte ich Polaroids von allem, was mich interessierte. Ich versuchte dabei, einen etwas anderen Ansatz zu finden. Einen, der nichts damit zu tun hatte, dass wir eine Band sind, die tourt. Es sollten eher kleine Kunstwerke sein. Stimmt hier die Perspektive? Passen diese Gegenstände zusammen? Funktionieren diese Farben? Im Prinzip versuchte ich den Regeln zu folgen, die auch relevant waren, als auf in der Kunsthochschule war. Das war wichtig für mich, weil man ein Sofortbild ja nur einmal macht. Das ist ja nicht wie mit Digitalfotografie, wo Du knipst, löschst, knipst, löschst. Ich meine, das ist in Ordnung, am Ende kommt ja auch oft ein schönes Bild daraus. Aber irgendwie ist es auch etwas banal. Wie viele Fotos hast Du gemacht? Tausende. Ich habe es immerhin schon geschafft, 70 davon auszuwählen, die ich einem Buch veröffentlichen werden. In den letzten drei Wochen saß ich jeden Abend mit meinem Bruder zusammen, der Grafikdsigner ist, und habe versucht, da eine Ordnung hineinzubringen. Das soll richtig schön werden. Zwei Polaroids auf jeder Seite. Stoffgebunden und mit halbdurchsichtigen Papier zwischen den einzelnen Seiten. Dann musste ich noch ein Vorwort schreiben – eine Menge Arbeit. Was erwartest Du von „Margins“? Denkst Du über Absatzzahlen nach? Ach, das ist mir egal. Nein, es ist mir natürlich nicht egal, ich würde mich sehr freuen, wenn es den Menschen gefiele und es vielleicht auch Fans finden würde, die mit Maximo Park nicht so viel am Hut haben. Es würde mich ermutigen, meinen bisherigen Weg weiter zu gehen. Aber ich habe das Album ohne jede Erwartungshaltung aufgenommen. Ist nicht eine gewisse Erwartungshaltung bei einem Künstler, dessen Band in der Vergangenheit die Top-Ten erreichte, immer da? Ich sprach neulich mit der Band Hurts. Die sagten: Ein Pop-Musiker, der sich nicht den großen Erfolg wünscht, lügt. Das ist einfach eine andere Art und Weise zu denken, ein anderes Verständnis vom Begriff Popmusik. Natürlich würde ich mich sehr freuen, wenn meine Platte Nummer Eins der Albumcharts werden würde. Andererseits weiß ich, dass ihr Klang und die Art, wie sie aufgenommen wurde, nicht unbedingt dafür sprechen. Ich bin der Überzeugung, dass man, möchte man tatsächlich sehr erfolgreich sein, viel opfern muss. Sonst wird das nichts. Ein Beispiel, bitte. Sogar jemand wie Lady Gaga gehorcht letztendlich den Gesetzen des Marktes. Sie mag ein Superstar sein, vielleicht der einzige weltweit. Und es mag ein, dass sie es schafft, dennoch ein Weirdo zu sein. Andererseits zieht sie sich trotzdem für Photoshootings aus. Das ist, was Männer sehen wollen. Das ist, was die Gesellschaft sehen will. Vor allem aber ist die Musik nichts, was irgendwie revolutionär wäre. Das klingt doch wie Ace Of Bace. Ich bin kein Lady-Gaga-Fan, aber das ist doch Unsinn. Nein, „Alejandro“ klingt genau wie „All That She Wants“. Es ist eben etwas zeitgemäßer produziert. Im Prinzip Eurotrash auf Stereoiden.

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Illustration: Julia Schubert

"Margins" von Paul Smith ist bei Coop Records erschienen

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