"Ich bin ein Mathenerd, da gibt es keine Zweifel"

Seit über 10 Jahren tüftelt Dan Snaith als Caribou an verträumten Elektrobeats. Im Interview erzählt er, was Schwimmstunden und Gulags mit seinem neuen Album zu tun haben.
wlada-kolosowa

Guten Morgen, Dan. Ist es für dich an der Tagesordnung, Interviews auf 7.30 Uhr zu legen? Bist du ein radikaler Frühaufsteher? Dan Snaith: Wenn ich auf Tour bin, ja, gezwungenerweise. Aber wenn ich zu Hause Musik aufnehme, kann ich Routine nicht leiden: Mal mache ich die Nacht durch, mal stehe ich um sechs auf. Ich brauche keinen disziplinierenden Tagesplan, weil ich sowieso die ganze Zeit Musik machen will. Und wer schiebt schon Spaß auf? Dieses Glück wünsche ich jedem: Dass Arbeit genau das ist, wie man sowieso spielen würde.

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Illustration: Julia Schubert

Wie sieht „Arbeit“ denn aus? Bist du der Einsiedler, der in seinem Schlafzimmer über dem Laptop brütet? In einem früherem Interview mit dir steht, dass du eine Zeit lang von deinem Bett aus aufgenommen hast, während deine Freundin neben dir schlief – mit Fingern in den Ohren. Zumindest versuchte sie es, während ich nebenan Gitarrensoli einspielte. Ich bin ihr unendlich dankbar, dass sie es zwei Jahre lang mitgemacht hat. Jetzt haben wir zum Glück eine Zweizimmerwohnung, sodass ich einen eigenen Raum zum Musikmachen habe. Ich nehme aber immer noch alles zu Hause auf. Ich brauche kein Studio; der Ort ist mir nicht so wichtig. Im Kopf bin ich ja meistens sowieso weit weg. In Odessa zum Beispiel? Oder warum hast du den Vorzeigetrack deines neuen Albums so genannt? Ich würde gern mal nach Odessa reisen. Als ich den Song aufnahm, habe ich ein Buch über die Geschichte des Gulags gelesen und Odessa kam da immer wieder vor. Auch wenn das Thema des Buches es nicht vermuten lässt, ich stelle mir Odessa ziemlich romantisch vor.

Das tust du also, um dich von Musikmachen zu erholen? Bücher über Gulags lesen? Ich bin gerade ziemlich besessen mit Europäischer Geschichte. Momentan kämpfe ich mich durch einen ziemlich trocken Wälzer durch: “The Age of Revolution: 1789-1848“ von Eric Hobsbawm. Ich habe mich sowieso schon gewundert: Was macht jemand, für den Arbeit Spiel ist, in seiner Freizeit? Ich brauche keine, ganz ehrlich! Ich verstehe schon das Konzept der Freizeit: Nach einer Phase der Konzentration sollte eine Phase folgen, in der man im Bett liegt und entspannt. Aber irgendwie habe ich nie das Bedürfnis. Es ist fast unmöglich, mich zum Stillstand zu bringen. Nachdem ich gelesen habe, dass du einen Doktortitel in reiner Mathematik hast, habe ich ein bisschen gehofft, dass du sagst: mathematische Probleme lösen. Was genau ist reine Mathematik eigentlich? Im Lexikon stand, es sei der Zweig der Disziplin, der sich nicht mit der Anwendung beschäftigt, sondern mit der Schönheit und Abstraktion der Mathematik. Etwas schwammige Definition, fand ich. Es ist auch fast unmöglich, es in Worte zu fassen. Reine Mathematik ist eine elegante, kreative Disziplin, die sehr wenig mit Schulmathe zu tun hat. Ganz ehrlich: Es zu definieren, ist wie Pudding an die Wand zu nageln. Hört sich ja fast an wie Kunst. Ist es ja auch, zumindest galt es als solche in der Antike. Die Griechen sahen die Disziplin näher an Philosophie und Musik, als an den Wissenschaften. Auch heute wird reine Mathematik an vielen Universitäten an der Kunstfakultät unterrichtet. Ich finde, da ist was dran. Denkst du, es gibt eine Verbindung zwischen Mathematik und Musik? Einstein war ein begabter Geiger, Herman von Helmholtz spielte Klavier, der britische Mathematiker James Jeans hielt sich mindestens drei Stunden täglich in seinem Musizierzimmer auf. Auf jeden Fall gibt es die! Ich habe viele Mathematikerfreunde, die Instrumente spielen. Ganz sicher hat meine Bildung Einfluss darauf, wie ich Informationen aufnehme und verarbeite. Aber bevor du mich falsch verstehst: Die Art und Weise, wie ich Musik mache ist überhaupt nicht mathematisch oder analytisch. Es ist sogar ziemlich das Gegenteil von verkopft – sehr emotional und instinktiv. Ich würde fast schon sagen, ich mache Musik aus dem Bauch heraus. Würdest du dich anders ausdrücken, wenn du in einer anderen Umgebung aufgewachsen wärst? Ganz bestimmt. Der Mathegeek, der Akademiker, ist ein Teil meiner Persönlichkeit. Mein Vater ist ein Matheprofessor, meine Schwester hat einen Doktortitel in Englisch. Wäre ich in einer Malerfamilie geboren – wer weiß, vielleicht hätte ich einen ganz visuellen Zugang zur Welt. So wie es jetzt ist, muss ich die Gestaltungsaufgaben an Freunde wie Jason Evans delegieren. Er kann viel besser in Bildern artikulieren, was ich mit meiner Musik sagen will. Ich brauche ihn als Übersetzer. Mit den Worten scheinst du aber selbst sehr kreativ zu sein, wenn man sich die Titel deiner früheren Alben anschaut: „If Assholes Could Fly This Place Would Be an Airport 12". Oder: “The Milk of Human Kindness”. Das letzte ist ein Zitat aus Shakespeares McBeth. Aber um ehrlich zu sein, habe ich erst im Nachhinein rausgefunden. Ich habe die Aufschrift auf einem Lieferwagen gesehen. War wohl ein Werbeslogan für eine Milch-Kampagne. Bei deinem aktuellen Album warst du allerdings ziemlich lakonisch: es heißt ganz schlicht "Swim". Meine neue Platte wurde sehr vom Wasser inspiriert. Ich habe erst im letzten Jahr das Schwimmen gelernt. Mit über 30 Jahren? Ich konnte mich vorher schon über Wasser halten, ohne unterzugehen. Aber ich hatte überhaupt keine Technik, und sah kein bisschen anmutig aus. Letztes Jahr habe ich zum ersten Mal professionelle Schwimmstunden genommen. Es war eine Offenbarung, sich plötzlich wohl in einer neuen Welt zu fühlen. Schade, dass ich in meiner Jugend andere Sachen zu tun hatte. Mathe? (lacht) Ja, das auch. Nervt dich das Mathenerd-Image inzwischen nicht ein bisschen? Das ist ja nicht aus der Luft gegriffen. Ich bin ein Geek, da gibt es keine Zweifel. Ich sehe aus wie ein Mathestudent, ich mag verzwickte Kopfspielchen. Ich bin zwar kein Computerkind oder unsozial oder so. Aber ich kann mich ganz streberhaft in Musik reinknien oder in Literatur, oder Geschichte, oder Wissenschaft. Ich sehe „Geek“ als Kompliment, weil es ja auch Leidenschaft bedeutet – Leidenschaft für ein Hobby und somit auch Hunger fürs Leben. Ich stimme da voll und ganz zu. Ich bin erlebnishungrig und leicht fürs Neue zu begeistern. Ist doch Zeitverschwendung, so zu tun, als sei man zu cool um sich vom Leben mitreißen zu lassen. Caribou spielen am Dienstag, den 27. April, in Münchner Feierwerk, am Mittwoch im Berliner Berghain und am Donnerstag in der Hamburger Prinzenbar. Ihr Album „Swim“ ist am 20. April bei Merge Records erschienen.

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