"Ich boykottiere die Wahl selbstverständlich."

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www.die-partei-hamburg.de Rocko Schamoni (Musiker, Theatermann, Künstler, Pudelbetreiber, Tausendsassa) ist Spitzenkandidat der Partei "Die Partei" in Hamburg. In seinem Wahlkampfsong “Mauern" singt er “Wir wollen eine Mauer bauen, wir brauchen eine Mauer, eine Mauer der Liebe". Rocko, geht es um mehr als bloß Klamauk, Parodie und Provokation? Ich glaube nicht an das großdeutsche Reich. Ich glaube auch nicht, dass eine Mauer zwischen Ost und West Probleme beseitigen könnte. Ich glaube, dass wir viele Mauern brauchen, denn wir sind uns nicht ähnlich und wir sind nicht eins. Meiner bescheidenen und uneinlösbaren Ansicht nach, bräuchten wir die Auflösung der großen Staatengebilde und den bewussten Rückschritt in die Vorbismarcksche Phase: ein Splitterstaatenwesen, in dem die Staaten nach Interessengruppen gebildet werden, in dem sich jeder das Land aussuchen kann, in dem er leben will. Klingt das zu utopisch? Vielleicht, aber große Visionen brauchen Zeit. Wagst du eine Koalitionsaussage? Die Spitzenkandidatur ist mir aufgezwungen worden, ich habe sie schließlich angenommen, um meine Position zu vertreten, ich biete mich zur freien Koalition an und bin auch unter 5 Prozent dabei. Warum sollte man seine Stimme dir und der "Partei" geben und nicht den großen Parteien? Für viele Wähler gibt es in dieser Wahl keine Chance darauf, dass ihr Wille etwas zur Regierungsbildung beiträgt, denn SPD sowie Grüne haben eine mögliche Koalition mit der Linken abgesagt. Das heißt, dass wir sowieso von Angela Merkel regiert werden, entweder unter Schwarzgelb oder in einer großen Koalition. Ab diesem Punkt ist die Stimme in der Wahl obsolet, dann kann man genauso gut mich wählen. Ich vertrete vollkommen unrealisierbare Standpunkte, ich habe die Möglichkeit Träume auszusprechen, da ich nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen habe, ich bin der Traumpartner. Ist der beste Grund "Die Partei" zu wählen, um für die Demokratie aber gegen die etablierten Parteien zu stimmen? Mein Lieber, das habe ich Ihnen doch eben schon genau erklärt. Die Wahlslogans auf euren Plakaten sind ganz offensichtlich Phrasen, auf den Bildern lächeln die Kinder, die Partei bekennt sich offen zum Populismus - glaubst du, das wird von euren Unterstützern verstanden? Die Politik ist total verlogen, es gibt - aus dem Grund so viele Menschen wie möglich anzusprechen und einen Meinungsmainstream zu bedienen - keine Ehrlichkeit in der Politik, bis auf die paar kaputten Rechtspopulisten die Volkes Dummsud schüren. Wir bedienen genau wie alle anderen den Meinungsmainstream, wir haben ein Recht darauf, mit Phrasen zu arbeiten und uns mit Kindern fotografieren zu lassen, aber unsere Ziele sind andere. Mitte der Neunziger konnte man in Berlin T-Shirts kaufen, auf denen stand: Baut die Mauer wieder auf - aber drei Meter höher. Die Shirts waren bei westdeutschen Klassenfahrtsschülern extrem beliebt. Sind das eure Leute? Wie gesagt: Ich persönlich bin gegen eine Mauer zwischen Ost und West, diese Trennung müssen wir überwinden, diese Trennung ist Geschichte, diesen Fehler dürfen wir nicht noch mal machen, das hat uns Jahre gekostet. Und die Klassenfahrtschüler von denen sie sprechen werden ihre politischen Fehler später noch teuer bezahlen, man kann sie nur durch die Dummheit ihrer Jugend entschuldigen. Du hast ja auch schon vor “Mauern" Politik in Popsongs verpackt - früher ging es aber gegen konkrete Gegner: Den Staat (in “Wehr dich gegen den Staat") oder die CDU (mit “Du wählst CDU - darum mach ich Schluss"). Was ist denn mit der Ablehnung von Staat und Parteien passiert? Nichts, wieso? Ich habe nach wie vor Angst vor dem Staat und sehe Parteien als den größten allgemeinen Nenner für Massenmeinungen, die sowieso nicht der meinigen entsprechen. Eigentlich müsste ich einen Zwergstaat gründen, nur für mich und meine Freunde, damit man uns endlich in Ruhe lässt. CDU und Rolling Stones, die Scorpions zusammen mit der SPD oder Siegmar Gabriel als Popbeauftragter der Bundesregierung - Wie bringt man Pop und Politik unter einen Hutm, ohne dass es aufdringlich oder lächerlich wird? Unmöglich, denn wenn immer Politik an Pop herantritt - und Pop ist ein Freiheitsphänomen - wittert man Absicht. Politik versucht Pop, den Wind der Freiheit, zu vereinnahmen, hängt sich schleimig, jugendlich, vermeintlich unabsichtsvoll, verlogen an Trends, um diese zu annektieren. Pop und Politik gehören für immer getrennt, durch eine Mauer. Letzte Frage: Wirst du dich selbst wählen? Nein, ich boykottiere die Wahl selbstverständlich.