"Ich dachte: um Gottes Willen!"

In "Die Wolke" beschrieb Gudrun Pausewang, wie es in Deutschland nach einem Reaktorunglück aussieht. Ein Interview mit der 83-jährigen Autorin über die Katastrophe in Japan.
peter-wagner

jetzt.de: Frau Pausewang, jetzt gehört Ihr Buch "Die Wolke" bei Amazon wieder zu den meistverkauften. Viele haben es in der Schule gelesen und denken schon beim Wort "Reaktorunfall" an die Geschichte von Janna-Berta, die nach einem solchen fiktiven Unglück ohne Familie durch Deutschland irrt. Wundert es Sie, dass das Buch selbst 24 Jahre nach Erscheinen so präsent ist?  
Pausewang: Nein, das wundert mich nicht. Ich habe in meinem Jugendbuch „Die Wolke“ die Reaktorkatastrophe in Deutschland zwar schon sechs bis sieben Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl geschehen lassen, aber jedem Leser war klar, dass sie auch zu einem anderen Zeitpunkt geschehen könnte – oder überhaupt nicht. Dieses Buch wurde von unzähligen Schülern im In- und Ausland in den Achtziger- und Neunzigerjahren als Klassenlektüre gelesen und hat viele junge Leser aufgewühlt. Denn es handelt ja nicht in einer Science Fiction- oder Fantasy-Welt, deren Vorgänge noch so schrecklich sein mögen, uns aber nicht erreichen, weil wir in einer anderen Welt leben. Sondern ich habe eine Katastrophenmöglichkeit geschildert, die unsere Welt, unsere Realität, uns selbst betrifft! Wahrscheinlich ging dieses Buch deshalb so unter die Haut. Ich habe es als Warnung geschrieben. Und als Aufforderung, im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten mitzuhelfen, dass das, was ich in meinem Buch fiktiv geschildert habe, nie Realität wird. Jetzt hat sich so eine Reaktorkatastrophe in Japan ereignet. Nachdem dieses Thema bei uns schon von Vielen längst abgehakt, als vorgestrig, als megaout betrachtet wurde, bewegt es wieder unsere Gedanken und Gefühle, steht es wieder im Mittelpunkt. Mich wundert das nicht. Denn die atomare Gefahr ist in den letzten Jahren nicht gebannt worden. Wir haben sie nur verdrängt.  

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Illustration: Julia Schubert



Gestern standen auf einer Nachrichtenseite die Überschriften „Kernschmelze droht“ und „Merkel will Laufzeitverlängerung aussetzen“. Jetzt sollen in Deutschland sieben Reaktoren vorübergehend abgeschaltet werden. Handelt der Mensch immer erst, wenn die Gefahr vor der Haustür steht?
Ja, ich glaube, das ist typisch menschlich. Auch das Verdrängen von Gefahren ist menschlich. Der Mensch ist unberechenbar. Er verhält sich nicht logisch. Viele Menschen stufen das Anhäufen materiellen Besitzes für wichtiger ein als die Verhinderung einer drohenden Katastrophe, die Tausende von Menschenleben kosten kann.  

In „Die Wolke“ haben Sie plastisch geschildert, welche Wirkung ein Reaktorunfall hat. Janna-Berta muss sich übergeben, ihr fallen die Haare aus. Mussten Sie das Buch so schreiben – gerade weil die Gefahr durch radioaktive Strahlung unsichtbar ist?  
Das war ein Grund. Ein anderer: Ich will ehrlich sein. Diese gesundheitliche Beeinträchtigung gehört zu den Folgen der atomaren Verstrahlung.  

Erinnern Sie sich an den Tag, als die Nachricht vom explodierten Kernkraftwerk aus Tschernobyl zu hören war? Was haben Sie an jenem Tag getan?   
Ich weiß nicht mehr, was ich – außer dem Abhören der neuesten Nachrichten – an diesem Tag getan habe. Aber ich weiß noch genau, dass mir etwas bewusst wurde, was mein ganzes Leben veränderte: Das Selbstverständlichste der Welt, nämlich das Sich-ins-Gras-setzen, war plötzlich nicht mehr selbstverständlich, war ein gesundheitliches Risiko geworden.  

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Illustration: Julia Schubert

Gudrun Pausewang

Was hat die Gesellschaft auf dem Reaktorunglück von Tschernobyl gelernt? Oder hat sie gar nichts gelernt?
Teile der Gesellschaft haben gelernt, dass die Gefahrenursache in der Atomindustrie nicht in erster Linie mangelhafe Technik ist, sondern menschliches Versagen. Dagegen gibt es keinen Schutz. Menschliches Versagen kann überall passieren. Andere Teile der Gesellschaft haben nichts gelernt. Denn lernen ist anstrengend und unbequem.  

Für jene, die ihr Buch nicht gelesen haben: Was muss man tun, beziehungsweise was soll man auf jeden Fall unterlassen, wenn tatsächlich eine radioaktive Wolke droht?
Was ist besser? Daheim bleiben oder Flüchten? Beides hat seine Vor- und Nachteile. Flüchtende sollten den Winden ausweichen, die aus der Richtung des Katastrophenzentrums kommen. Und sie sollten sich klar darüber sein, dass in so einer Lage die Straßenverkehrsordnung keine Rolle mehr spielt und dass viele Zeitgenossen dann bloß noch an ihre eigene Rettung denken. Wer daheim bleibt, muss Fenster und Türen schließen und muss über sauberes Wasser und unverstrahlte Essensvorräte für sich, seine Familie und seine Haustiere verfügen. Absolut sicher vor Verstrahlung ist man im Keller auch nicht. Die gefährdetsten Bereiche rund um das lecke Atomkraftwerk werden sowieso evakuiert. Alle Personen im Bereich eines Reaktors, dem Kernenergie entströmt, müssen sich darüber klar sein, dass man die Gefahr nicht sehen kann. Kernenergie ist unsichtbar, nicht etwa erkennbar als graue Wolke.  

Haben Sie selbst Furcht vor einem Reaktorunfall in Deutschland?
Natürlich! 

Was haben Sie gedacht, als die Bundesregierung im vergangenen Jahr die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke beschlossen hatte?
Ich dachte: um Gottes Willen! Sind die Politiker, die für diesen Beschluss die Verantwortung tragen, noch zu retten? Wissen die Manager und Eigner der Atomindustrie, welches Risiko sie damit dem Volk aufzwingen? Im Ernstfall flüchten sie. Die weniger Betuchten müssen bleiben. Und wie kommt es, dass wir uns so einen Beschluss gefallen lassen? Wir sind das Volk! Haben wir das vergessen? Schade, dass ich schon so alt bin. Wäre ich noch gut zu Fuß, würde ich – so wie früher – längst bei denen sein, die auf die Straße gehen und Transparente schwenken! 

"Die Wolke" ist im vergangenen Jahr in der 13. Auflage als Taschenbuch beim Ravensburger Buchverlag erschienen.


Text: peter-wagner - Fotos: Auszug vom Cover von "Die Wolke"/oh

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