„Ich fühle mich nicht nackt“

Joy Denalane ist wieder da, mit ihrer neuen Platte "Maureen". Ein Gespräch über das Waschen von schmutziger Wäsche in der Öffentlichkeit und Musik als paartherapeuthische Maßnahme
daniel-schieferdecker

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Illustration: Julia Schubert



jetzt.de: Dein neues Album „Maureen“ wirkt sehr vorwärts gewandt. Du singst zum Beispiel: „Träume werden nur wahr, wenn wir uns bewegen“. Auf der anderen Seite setzt du dich auf der Platte inhaltlich sehr intensiv mit der Vergangenheit auseinander. Ist das nicht ein Widerspruch?
Joy Denalane: Ich versuche stets zu reflektieren, was in meiner jüngsten Vergangenheit passiert ist. Grundsätzlich bin ich aber ein nach vorne gerichteter Mensch, der nicht allzu lange an einer Stelle verweilen kann. Ich bin eher der nervöse Typ, der viele Dinge auf einmal macht – verschiedene Bücher parallel lesen zum Beispiel.

Bist du denn eher jemand, der nach vorne blickt oder jemand, der sehr im Hier und Jetzt lebt?
Beides passt gut zusammen, finde ich. Ich denke auf jeden Fall nicht nur an heute und morgen, sondern sehr viel langfristiger. Das hat aber auch damit zu tun, dass ich eine Familie habe und die Zukunft meiner Kinder natürlich nie aus den Augen verlieren darf.  

Ist dein Blick auf die Dinge durch die Kinder also ein anderer geworden?
Natürlich habe ich mich durch meine Familie und das Mutterdasein stark verändert. Es dreht sich eben nicht mehr alles um mich und meinen Partner. An allererster Stelle stehen die Kinder, dann kommt ganz lange nichts und erst dann kommen mein Mann Max und ich.  

Die weibliche Eigenschaft, sich sehr intensiv mit seiner eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, ist demnach bei dir nicht allzu stark ausgeprägt.
Ach doch. Das hört man ja auch auf der Platte. Ich zeige darauf sehr viel mehr von mir als auf den Platten davor, weil ich mich in den letzten Jahren von vielen neuen Seiten kennengelernt habe.  

Welche zum Beispiel?
Die Trennung von Max war damals eine heftige Erfahrung, die zwar nicht besonders schön war, die mich aber hat reifen lassen. Und diesem Reifungsprozess zolle ich auf der Platte Tribut. Insofern blicke ich schon zurück in die Vergangenheit. Allerdings nicht, um in ihr zu verweilen, sondern um aus ihr zu lernen und das Gelernte in der Gegenwart anzuwenden.  

Durch die musikalische Auseinandersetzung damit hat also zugleich eine emotionale Aufarbeitung stattgefunden.
Natürlich. Ich verarbeite auf dieser Platte sehr viel Wut und Schmerz. Trotzdem habe ich mir sehr viel Mühe gegeben, keine schmutzige Wäsche zu waschen. Ich wollte nicht reißerisch sein, sondern lediglich meine Emotionen schildern, ohne jemand anderem dabei zu nahe zu treten. Das alles ist eben immer nur meine Sicht der Dinge.  

Lustig, dass du betonst, dass du keine schmutzige Wäsche waschen wolltest. Dasselbe hat nämlich auch Max gesagt, als ich vor zwei Jahren mit ihm gesprochen habe. Auch er hat sich auf seiner Platte ja mit eurer Beziehung auseinandergesetzt. Man hat fast den Eindruck, dass diese künstlerische Beschäftigung mit euren Problemen für eine Art innere Reinigung gesorgt hat, so dass ihr jetzt noch einmal von vorne anfangen könnt. Kann man das so sehen oder ist das Quatsch?
Das ist zumindest eine sehr interessante Theorie (lacht). Aber da ist bestimmt etwas dran. Im Gegensatz zu einem Gespräch, in dem man mal etwas vergisst oder verdrängt, bleibt so ein Song schließlich bestehen. Er dokumentiert bestimmte Momente und macht das Revidieren bestimmter Aussagen unmöglich. Dadurch hört man seinem Gegenüber vollkommen anders zu.  

http://www.youtube.com/watch?v=nT0I2DyclIo  

Kannst du dich denn noch daran erinnern, wie es war, als du die Songs von Max zum ersten Mal gehört hast?
Da ist alles jedenfalls noch einmal sehr nah an mich herangekommen. Das war genau das, was er reflektiert und ungefiltert gedacht hat, und das hat mich schon sehr berührt. Jeder von uns hat seine Stücke sicherlich in erster Linie für sich selbst geschrieben, aber es hatte durchaus auch den Effekt, dass wir dem Anderen dadurch besser zuhören konnten. Insofern kann es durchaus sein, dass uns diese Songs wieder ein Stück näher gebracht haben.  

Hast du manchmal Bedenken, dass du die Außenwelt zu sehr an deinem Innenleben teilhaben lässt?
Nein, gar nicht. Ich sehe es als Privileg an, als Musiker seine Gefühle und Gedanken in einem Song verarbeiten zu können. Ich fühle mich auf der Platte auch nicht nackt. Es gibt nichts, wofür ich mich schämen müsste. Im Gegenteil: Ich finde sie sehr stark, resolut und kraftvoll. Am Ende des Tages ist Musik sowieso bloß eine Projektionsfläche für die persönlichen Geschichten anderer Menschen.  

Auf die Frage, woran du merkst, dass du liebst, hast du mal gesagt: „Das merke ich daran, dass ich mich öffne und man in meine Seele blicken kann.“ Auf der neuen Platte machst du genau diesen Eindruck. Ist Liebe demnach die treibende Kraft hinter der Produktion gewesen?
Liebe ist immer die treibende Kraft in meinem Leben – in sämtlichen Bereichen. Auf dieser Platte ist sie zudem inhaltlich sehr stark in den Fokus gerückt. Dadurch, dass ich mich darauf sehr stark mit mir selbst auseinandergesetzt habe, kommen die Leute gleichzeitig näher an sich selbst heran. Das war mein Ziel.  

In „Bin und bleib dein“ gibt es die Textzeile: „Denn auch ich kann meine Frau im Leben stehen / Und trotzdem wünsch ich mir manchmal mich anzulehnen.“ Hast du deine Stärke als Frau im Miteinander mit dem anderen Geschlecht manchmal als hinderlich empfunden?
Nein, nie. Bei den Männern mag das aber etwas anderes gewesen sein (lacht). Das ist einfach meine Art, mein Charakter. Das wurde mir einerseits in die Wiege gelegt, hat andererseits aber auch mit der Erziehung meiner Eltern zu tun. Meine Mutter hat uns beigebracht, dass wir uns aufgrund unseres Geschlechts in keiner Weise benachteiligt fühlen müssen. Ihr war immer wichtig, dass man durch seine Leistung überzeugt. Deshalb hat sie immer zu mir gesagt: „Kind, du kannst in der Schule so frech sein, wie du willst - solange deine Leistung stimmt.“ Eine Zeit lang hat das auch gut geklappt – bis ich dann in die Pubertät kam (lacht).  

Vor kurzem hast du ein Semester lang Deutsch, Englisch und vergleichende Literaturwissenschaften studiert. Hattest du ernsthaft vor, einen Abschluss zu machen?
Nein. Es fehlt mir tatsächlich die Zeit, um ein komplettes Studium zu absolvieren. Ich hatte mir dieses eine Semester einfach mal freigenommen – das war sozusagen mein Sabbathalbjahr. Ich wollte einfach mal wissen: Wie verhalte ich mich eigentlich in einem komplett anderen Kontext?  

Und?
Ich habe mich da ganz gut durchgebissen. Mein Leben hat in sich den letzten zehn bis zwölf Jahren als Musikerin in einem sehr behüteten Mikrokosmos abgespielt. Ich wusste einfach, wie ich mich bewegen muss und welche Rolle ich dort innehabe. Insofern fand ich es für mich persönlich interessant zu sehen, was passiert, wenn ich mal eine vollkommen neue Welt mit anderen Regeln betrete und ich mich diesen Regeln genauso unterwerfen muss wie jeder Andere auch. Die ersten Tage waren daher sehr aufregend.  

War das nicht komisch zwischen den ganzen 20-Jährigen zu sitzen – zumal dich einige sicherlich kannten?
Am Anfang schon. Aber das vergeht auch schnell wieder, wenn man sich selbst nicht so wichtig nimmt. Irgendwann habe ich mich bloß noch als eine von denen empfunden – selbst wenn ich um einiges älter war. Aber selbst das spielte keine allzu große Rolle. Es ging eben vor allem um Leistung, alles war sehr diszipliniert.  

Wie deine Mutter es schon zu deinen Schulzeiten gesagt hat.
Stimmt. Aber frech zu sein habe ich mich nicht mehr getraut.  

„Maureen“ erscheint am 20. Mai über Nesola/Sony Music.

Text: daniel-schieferdecker - Foto: dapd

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