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jetzt.de: Gibt man bei Wikipedia mal den Begriff „Aura” ein, bekommt man mehr als 20 Einträge, für was der Begriff alles steht – von der griechischen Göttin der Morgenbrise über einen Asteroiden bis hin zu einem finnischen Blauschimmelkäse. War dir das bewusst?
Kool Savas: Nein. So intensiv habe ich mich nicht damit beschäftigt. Ich finde es aber gut, dass dieser Titel so viel Interpretationsspielraum lässt – das kommt mir sehr entgegen. Mir geht es aber vor allem um die landläufige Bedeutung im Sinne von Ausstrahlung. Wobei: Manchmal fühle ich mich auch wie ein Gott der Morgenbrise, das kann ich nicht abstreiten (lacht). 

Warum aber dieser Titel?
Weil ich hoffe, dass die Leute durch die persönliche Komponente des Albums auch einen Eindruck davon bekommen, wer ich bin; woher das kommt, was sie vielleicht als meine Ausstrahlung wahrnehmen – zumindest die Ausstrahlung auf der Bühne. Da gibt es diese magischen Momente, in denen zwischen mir und dem Publikum so ein verbindendes und euphorisierendes Gefühl entsteht. 

Ihr habt euch im Zuge der Albumveröffentlichung einige Gimmicks überlegt, um einen größtmöglichen Kaufanreiz zu schaffen und die Platte zu bewerben. Es wird eine aufwändige Deluxe-Edition geben, Gewinnspiele mit der Chance auf eine Reise nach New York mit dir, es wird sogar einen exklusiven und auf drei Paar limitierten „Aura“-Schuh geben. Muss man in Zeiten sinkender Plattenverkäufe solche Mehrwerte schaffen, um sein Produkt noch an den Mann zu bekommen?
Natürlich hängt die Realisierung solcher Zusatz-Anreize auch mit der wirtschaftlichen Situation zusammen. Wir machen aus der Not aber eine Tugend, die uns wiederum zu Höchstleistungen anstachelt. Nimm nur mal das Cover-Artwork: Der Schweizer Künstler Onur hat ein exklusives und fotorealistisches Porträt von mir angefertigt und das Ganze dann mit Schwarzlichtfarbe übermalt, sodass man das Bild nur unter dem entsprechenden Licht sehen kann. Das Album ist mehr Kunst- denn reines Entertainment-Produkt.

Früher hast du dich immer dagegen gesträubt, zu viel Persönliches von dir preiszugeben. Nun gewährst du mit „Aura“ jedoch Einblicke in dein Innerstes wie nie zuvor. Woher kommt dieser Sinneswandel?
Ich habe bei dieser Platte einfach gemerkt, dass ich das machen will. Vermutlich hat das auch mit dem Alter zu tun; mit mehr Selbstsicherheit. Hinzu kommt, dass mich meine Freunde darin bestärkt haben, als ich ihnen die ersten Tracks vorgespielt habe. Olli Banjo, der zurzeit ja nur noch an seinem Rock-Crossover-Projekt arbeitet, meinte: „Das ist das erste Mal seit langem, dass ich bei einem Rap-Album wieder Gänsehaut bekommen habe. Das animiert mich wieder zum Rappen.“ Und das ist das schönste Kompliment, das ich mir hätte vorstellen können.  

Das Stück „Und dann kam Essah“ fängt an mit: „Ich saß zuhause, der Drum-Computer auf dem Schoß/als mein Vater schrie: ‚Mach was für die Schule, du Idiot’/Ich hab sie mies verkackt, sorry Baba, war zu abgelenkt.“ Bei einem Presse-Showcase anlässlich deiner Album-Veröffentlichung stand dein Vater in der ersten Reihe und man konnte sehen, wie stolz er war, als du diese Zeilen gerappt hast. Was bedeutet das für dich?
Ich habe das gar nicht mitbekommen, aber es ist natürlich schön, das zu hören. Mein Vater beschäftigt sich auch erst mit meiner Musik, seit er letztes Jahr zum ersten Mal ein Konzert von mir besucht hat. Während meiner Jugendzeit saß mein Vater als politischer Gefangener in einem türkischen Gefängnis, war also in einer wichtigen Phase meines Heranwachsens nicht da; deshalb war unser Verhältnis lange Zeit sehr kompliziert.  

Kennt dein Vater denn auch alte, härtere Sachen von dir wie „LMS“ oder „Schwule Rapper“?
Nein, nicht wirklich. Als er mitbekommen hat, dass Songs wie „LMS“ existieren, hat er sofort zugemacht, weil ihm das unangenehm ist. Er ist Erzieher von Beruf, deshalb lehnt er so etwas kategorisch ab. Als er bei meinem Konzert war, hat er aber gesehen, wie viel Power ich gebe, und das fand er cool. Ab diesem Zeitpunkt war der Knoten geplatzt. Mir bedeutet es sehr viel, dass er sich mittlerweile mit mir und meiner Musik auseinandersetzt. Unser Verhältnis ist dadurch viel besser geworden, weil wir uns mehr und intensiver mit dem Anderen beschäftigen.  

Das Stück „Nichts bleibt mehr“ fängt mit einem Gedicht deines Vaters an, das er dir vor vielen Jahren mal aus dem Gefängnis geschickt hat. Inwiefern hat dich das Interesse deines Vaters an Lyrik als Rapper geprägt?
Dazu passt eine Zeile aus dem Track „Nie mehr geh’n“, in der es heißt: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, mein Vater schrieb und ich schreib“. Mein Vater ist sogar noch heftiger als ich, der hat ein ganzes Buch voller Gedichte. Da meine Eltern beide Erzieher sind, Kindern immer viel vorgelesen haben und beide sehr gut mit Sprache umgehen können, habe ich sicherlich einiges von ihnen mit auf den Weg bekommen. 

Worum geht es denn speziell in dem angesprochenen Gedicht?
Es handelt von einem Fisch, der einsehen muss, dass er ein Fisch ist und nicht der Frosch, der er gerne wäre. Letztlich geht es darum, man selbst zu sein, sich auch mal zu widersetzen und an seine Prinzipien zu glauben. Das war eine verschlüsselte Botschaft, die mein Vater mir aus dem Gefängnis heraus hat zukommen lassen. Als ich das Gedicht damals bekommen habe, war ich allerdings sieben Jahre alt, und habe das natürlich noch nicht verstanden. Die Schönheit des Gedichts habe ich erst später registriert.  

Auf dem Intro des Albums sagst du an einer Stelle: „Ich bin der letzte meiner Gattung.“ Was meinst du damit konkret?
Die ganze Bescheidenheit mal beiseite gelassen, bin ich eben der letzte meiner Art – gleichzeitig aber auch der erste. Ich bin der letzte Rapper, der noch mit den echten Werten eines MCs aufgewachsen ist und diese aufrecht erhält. Auf der anderen Seite bin ich aber auch der erste MC in Deutschland, der mit HipHop alt werden kann, ohne sich lächerlich zu machen. Alle anderen Rapper sterben Stück für Stück aus, werden durch jüngere ersetzt oder machen etwas ganz anderes, weil sie sich mit Rap nicht mehr identifizieren können. „Lieber toter Rapper als lebender Singer/Songwriter“ rappe ich auf einem Stück. Damit bringe ich mein Festhalten an der HipHop-Kultur auf den Punkt. 

Wie kommst du denn darauf, dass du mit 40 noch auf der Bühne stehen und rappen kannst, andere aber nicht?
Weil ich gut vorgelegt habe. Ich habe immer gute Leistungen gezeigt, die Leute nehmen mich ernst. Ich habe eine annähernd weiße Weste. Ich habe nie einen Image-Wechsel vollzogen und habe die Leute immer an meiner musikalischen Entwicklung teilhaben lassen. Natürlich hatte auch ich alberne Phasen, in denen die T-Shirts mal ein bisschen zu groß waren, aber wenn es um ein Soloalbum ging, habe ich Gott sei dank immer wieder zurück in die Spur gefunden und eine Platte veröffentlicht, die mir zu der jeweiligen Zeit entsprochen hat.  

Hast du denn eine Erklärung dafür, warum es in Deutschland bisher nicht gelungen ist, aus der Jugendkultur HipHop eine Kultur zu machen, die für sämtliche Altersgruppen relevant ist?
Nein, aber ich finde das total traurig. Natürlich sollen die Leute tun und lassen, was sie für richtig halten; einige entwickeln sich eben in andere Richtungen, und dann muss man das akzeptieren. Aber ich trage HipHop im Herzen, und das wird auch so bleiben. Wobei: Ich sollte mich vielleicht nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, sonst muss ich mich in zehn Jahren dafür rechtfertigen, wenn auch ich plötzlich Gitarrenmucke mache (grinst). Aber solange es keine neuen Rapper gibt, die meinen Platz einnehmen, werde ich weitermachen.  


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Das Album "Aura" von Kool Savas erscheint am 11. November über Essah Entertainment/Groove Attack