"Ich kann mit meinen Songs die Menschen nicht verändern."

Der Londoner Hiphop-Star Professor Green schreibt keine politischen Lieder. Im Interview erzählt er trotzdem von den Aussschreitungen Londoner Jugendlichen und wie er mit seiner Herkunft aus dem Eastend umgeht.
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Illustration: Julia Schubert


Du warst für dieses Album auch in Amerika unterwegs. Welchen Hauptunterschied siehst du zwischen Rapmusik aus England und aus Amerik? Mal abgesehen von der längeren Tradition in den USA.
Professor Green: Wie du schon sagst, in Amerika hat HipHop eine viel größere Tradition und damit auch ein besseres Standing als in England. Bei uns haben immer wieder erfolgreiche Bands den Weg für die Rockmusik geebnet, sowas gab es im HipHop weniger. Aber ich empfinde das nicht unbedingt als Nachteil. Ich glaube sogar, dass Rapmusik in England noch etwas ehrlicher und „realer“ ist als in den USA. Dort spielt der Charterfolg eine viel größere Rolle. 

Du wirst häufiger mit Eminem verglichen. Empfindest du das als Kompliment? Das stimmt. Ich finde den Vergleich eher komisch. Man muss sich als Musiker einfach damit abfinden, dass die Leute dich vergleichen. Wie passend das im Einzelfall ist, sei mal dahin gestellt. Ich habe jedenfalls noch nie über Sex mit meiner Mutter gerappt und bin auch nicht in einer Wohnwagensiedlung groß geworden. Die Parallelen sind wohl eher globaler: Wir sind beides weiße Rapper, die in ihren Songs aus dem eigenen Leben erzählen. Wäre ich schwarz, gäbe es wahrscheinlich auch die Vergleiche nicht. (lacht).

Also sind diese Vergleiche nicht der Grund für dein Feature mit Royce da 5‘9 bei deinem Track „Nightmare“? Immerhin ist er ja der "Bad meets Evil" - Part von Eminem.
Nein, Nein. Ich bin schon sehr lange ein Fan von Royce und wollte unbedingt mal einen Track mit ihm aufnehmen. Er mochte Nightmare am liebsten und zum Dank werde ich auf seinem nächsten Album auch ein Feature übernehmen.    

Sprechen wir doch mal über deine Anfänge als Musiker. Inwiefern hat dich East London musikalisch beeinflusst?
Der Einfluss ist enorm. Ich bin dort aufgewachsen und viele meiner Geschichten haben da ihren Ursprung. Ich würde aber auch sagen, dass für fast alle Musiker aus London das Eastend eine große Bedeutung hat. Immerhin sind hier die Mieten relativ niedrig und man hat noch Platz seine Musik zu machen. 

Ich habe gehört, dass du als Kind Jungle gehört hast.
Ja, genau. Die älteren Jungs aus meiner Straße haben Jungle gehört und so lief auf meinen ersten Kassetten kein HipHop. Irgendwann ist man ja zum Glück alt genug für einen eigenen Musikgeschmack. Als ich dann mit ungefähr 12 oder 13 Jahren Biggie (The Notorious B.I.G. Anm. d. Red.) entdeckte, war es um mich geschehen. Seit dem habe ich all mein Taschengeld für Rap-Platten ausgegeben und angefangen eigene Sachen zu schreiben und zu rappen.  

Du hast vorhin von deiner Familie gesprochen. Eine Geschichte auf deinem Album hat mich sehr berührt, nämlich „Read All about It“. Kannst du vielleicht kurz erklären, um was es geht?
Es geht in dem Lied um meinen Vater und seinen Selbstmord vor einigen Jahren. Ich hatte ein sehr schlechtes Verhältnis zu ihm und fast sechs Jahre keinen Kontakt mehr. Nach seinem Tod kam seine Witwe zu mir und wollte von dem Erfolg profitieren. Ich hatte nie viel mit ihr gesprochen und kannte sie deshalb kaum. Trotzdem ist sie an die Presse gegangen und hat darüber gesprochen, was ich angeblich für ein schlechter Sohn war. Ich habe mich in der Sache komplett zurückgehalten, weil ich wußte, dass sie nur mein Geld will. Um diese Geschichte zu verarbeiten, habe ich „Read All about it“ geschrieben. 

Hattest du nie Angst zu privat zu werden oder vor den ständigen Fragen zu deinem Vater?
Nein, ich habe mit dem Ganzen inzwischen sehr gut abgeschlossen. Außerdem glaube ich, dass man sich als Künstler auch auf eine gewisse Weise öffnen muss. Ohne diese Ehrlichkeit und das Bewusstsein etwas von sich preiszugeben, kann ich keine Geschichten erzählen. Ich denke, darum besteht die Gefahr nicht. Letztendlich entscheidet jeder Musiker ja selbst, was er preisgibt und welche Fragen er beantwortet.  

Der Refrain wird von der großartigen Emeli Sandi gesungen. Wie kam es dazu? Sie war ja schon auf meinem ersten Album. Schon damals habe ich gespürt, dass wir von unserer Art und Weise Musik zu machen gut zusammenpassen. Ich musste ihr zum Beispiel gar nicht groß erklären, was der Song für mich bedeutet. Sie kam ins Studio und wußte gleich, wie man die Aussage umsetzen könnte. Eine tolle Frau, ich würde mich freuen, wenn sie auch auf meinen kommenden Alben wieder dabei ist.  

Emeli Sandi ist ja nur einer von vielen Gästen auf deinem Album. Wie hast du deine Feature-Parts ausgewählt?
Ich habe nicht gezielt nach großen Namen gesucht und auch von der Labelseite gab es keine gekauften Features. Vielmehr sind es Musiker, die ich auch persönlich schätze und zu denen ich vorher schon Kontakt hatte. Arrangierte Features klingen aus meiner Sicht nie so gut, wie etwas, was man aus Verbundenheit und Sympathie zueinander aufgenommen hat.  


Das Eastend war im letzen Jahr auch wegen zahlreicher Ausschreitungen in den Schlagzeilen. Kannst du die Wut der Jugendlichen aus deinem Viertel verstehen? Ich kann ihre Wut durchaus verstehen, vielen von ihnen haben nie Gerechtigkeit erlebt. Natürlich ist der Weg, wie sie protestiert haben, nicht unbedingt der Richtige. Aber man muss auch fragen, woher diese Form sich zu artikulieren kommt. Für mich beginnt Bildung schon weit vor der Schule. Wenn schon die Eltern keine Chance haben und ihren Frust an den Kinder auslassen, wie sollen es dann die Kinder selbst besser machen?  

Das stimmt. Wärst du einer von ihnen gewesen, wenn du keinen Erfolg mit der Musik gehabt hättest?
Das kann ich nicht genau sagen. Meine Familie hatte zwar kaum Geld, aber meine Mutter und meine Großmutter legten immer viel Wert auf Bildung und Beschäftigungen außerhalb der Straße. Das hat zwar nicht immer geklappt, aber ich glaube, so perspektivlos wie viele andere Jugendliche in Großbritannien war ich nicht. Außerdem hatte ich durch die Musik viel Kontakt zu Leuten außerhalb des Eastends. Auch das haben viele dieser Jugendlichen nicht. Für sie spielt sich alles nur in ihrem Elend ab. Sie kommen da nicht raus. Ich habe dagegen schnell gelernt durch meine Musik zu kommunizieren. Ich brauchte nicht mehr zuschlagen, um verstanden zu werden. 

Es gibt ja immer wieder den Vorwurf, dass auch HipHop an der Gewalt auf den Straßen eine Mitschuld trägt.
Ja, so einen Quatsch hört man ständig. Wer so etwas sagt, ist echt beschränkt in seinem Denken. Leider regieren viele dieser Leute auch unser Land. 

Hätte denn deine Musik rein theoretisch solchen Einfluss? 
Sicher nicht. Musik kann Menschen zwar berühren, aber ich sehe mich nicht als Priester, der etwas Großes und Wichtiges verkünden muss. Ich kann mit meinen Songs die Menschen nicht verändern und schon gar nicht dazu bringen, ein besseres Leben zu führen. Wäre das mein Ziel, hätte ich bestimmt keine Freude mehr an dem Leben als Musiker.      

Für mich gibt es da noch ein kleinen Widerspruch, den du mir erklären müsstest. Bei Twitter und Facebook äußerst du dich regelmäßig zu politischen Themen, trotzdem gibt es keinen politischen Song von dir. Warum trennst du das so strikt?
Ich mache mir natürlich Gedanken zu der Welt, in der ich lebe und teile die auch per Twitter oder Facebook mit. Aber Songs oder ein ganzes Album über diese Themen würde mich extrem langweilen. Ich glaube auch nicht, dass die Welt Protestsongs von mir dringend braucht. 

 Langweilen dich auch politische Songs von anderen Bands?
 Ja, ich habe nie politische Bands wie Rage Against the Machine sonderlich spannend gefunden.

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Illustration: Julia Schubert


"At Your Inconvenience" von Professor Green erscheint am heutigen Freitag bei EmiMusic

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