"Ich meckere weniger als ich heule"

Bevor Adolar Ende des Monats beim Bundesvision Song Contest für Sachsen-Anhalt antreten, sprachen wir mit Sänger Tom über das neue Album "Die Kälte der neuen Biederkeit". Denn was soll das eigentlich heißen?
erik-brandt-hoege

jetzt.de: Tom, erklär’s uns: Was ist die "neue Biederkeit"?
Tom: Bei uns ist es so, dass wir im Proberaum nicht nur Musik machen, sondern auch viel reden. Irgendwann haben wir uns mal bewusst einen Kopf über die Gesellschaft gemacht, in der wir leben, und jeder hat gesagt, was ihm so auffällt. Und dann haben wir nach etwas gesucht, dass alles irgendwie umschreibt.

Und was umschreibt der Begriff "neue Biederkeit"?
Dass die Gesellschaft schon seit langer Zeit sehr unpolitisch ist, vielleicht so unpolitisch wie noch nie, und dass gleichzeitig die CDU-Regierung die konservativen Werte immer mehr predigt - und die Leute sie verinnerlichen und leben.

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Illustration: Julia Schubert



Wann und wo fällt dir das auf?
Schon wenn ich bei einer Mitfahrgelegenheit ins Auto steige. Sofort werde ich gefragt, wie weit ich auf der Skala bin, bei der es um die Erfüllung der großen vorgegebenen Ziele geht. Es kontrollieren eben alle mit.

Seit wann ist das so?
Vor einigen Jahren war es noch so, dass man dachte, das System wäre es, das Druck auf uns ausübt. Mittlerweile sind es eindeutig die Menschen, die ständig fragen: Wann hast du dein Studium fertig? Wann geht’s bei dir mit Familie los? Was fährst du für ein Auto? Es geht immer und überall um einen Statusvergleich. Manchmal werde ich zuerst danach gefragt, was ich mache, und erst danach, wie ich heiße.

Wo liegt die Wurzel dieses Übels?
Das fängt schon im Schulsystem an, das nur noch auf die Wirtschaft ausgerichtet ist, und in dem Humanismus ziemlich abgeschrieben ist. Für Fantasie und Kreativität gibt es kaum mehr Spielraum.

Die Übeltäter sind also die Politiker, die zum Beispiel für das Schulsystem zuständig sind?
Man könnte jetzt hundert Jahre zurückgehen, aber es reicht auch schon ein Blick auf die Zeit kurz nach der Wende: Helmut Kohl hat damals nach einer moralischen Wende verlangt und sich mehr konservative Werte in den Köpfen der Deutschen gewünscht. Das wurde über Jahre voran getrieben. Und jetzt, wieder mit der CDU, ist es nicht nur wahr, sondern ganz extrem geworden. Deutschland muss immer gut dastehen, in jedem Bereich. Das ist so in den Leuten drin, und sie reden auch über nichts anderes mehr. Sie stehen eben unter enormem Druck.

http://www.youtube.com/watch?v=wq2zLg2wgT8#t=20 "Raketen" vom neuen Album.

Wie ist das bei Musikerkollegen?
Ich habe das Gefühl, dass ein Großteil der Bands in Deutschland sogar dabei mithilft, diesen Zustand zu halten. Aus vielen Liedern höre ich heraus: "Scheiß’ auf das Jetzt, wir müssen einfach nur ein bisschen durchhalten, noch ein paar Jahre, dann wir schon alles gut, dann werden wir belohnt!" Zuletzt sind unheimlich viele Musikvideos erschienen, in denen Menschen in Zeitlupe durch Wälder rennen, alles ist ruhig und friedlich. Weil die Leute sich nach Ruhe sehnen! Sie sind so fertig von den Ansprüchen, die an sie gestellt werden, von dem ganzen Stress, dass sie gar nicht mehr dazu kommen, darüber nachzudenken, was in der Gegenwart passiert.

Wie viel "neue Biederkeit" entdeckst du bei dir selbst?
Man kann sich selbst natürlich nie ganz rausnehmen, aber ich glaube schon, dass ich einen etwas anderen Lebensstil habe als Viele. Ich wohne in einem abgewrackten Haus, in dem kaum Strom funktioniert, zahle nur 90 Euro Miete im Monat. Wenn ich irgendwohin will, trampe ich. Ich habe auch kein Handy. Als ich letztes Jahr auf der Mecklenburger Seenplatte paddeln war, hatte ich keinen Empfang und dachte: irgendwie ganz schön! Als ich zurück kam, habe ich meinen Vertrag gekündigt.

Hat das dein soziales Leben negativ beeinflusst?
Eigentlich nicht. Es ist tatsächlich sogar einiges übersichtlicher geworden.
Was zum Beispiel?
Wenn ich mich mit jemandem verabrede, muss ich halt einfach pünktlich sein.
Wenn der andere allerdings plötzlich nicht pünktlich da sein kann, kann er dir das natürlich nicht mitteilen...
Aber dann, wenn man da irgendwo auf einem Platz ist, entstehen wieder anderen Dinge. Irgendein neues Abenteuer beginnt – und wenn es aus der Situation heraus passiert, dass man jemanden nach einer Zigarette fragt.

Trotzdem animierst du in euren Songs niemanden, einen ähnlichen Weg zu gehen.
Stimmt. Ich habe mich zum Beispiel auch jahrelang vegan ernährt, anderen aber nie auf den Teller geguckt und gesagt: "Boah, was ziehst du dir denn da rein!?" Auf dem Album meckere ich weniger als ich heule.

Was in den Texten auf dem Album besonders häufig vorkommt, sind die Worte "allein" und "kalt".
Die Songs wurden ungefähr vor einem Jahr geschrieben, in einer Zeit, in der es mir echt nicht gut ging. Mir hat das Leben in meiner Umwelt keinen Spaß mehr gemacht.

Wie ist es wieder besser geworden?
Indem ich bewusst einiges geändert habe, zum Beispiel die Sache mit dem Handy. Und ich habe mir angewöhnt, wenn ich zum Beispiel bei einem Konzert backstage bin, jeden überschwänglich zu begrüßen, von der Küchenkraft bis zum Sänger.

Wie sind die Reaktionen?
Super! Gerade haben wir ein Konzert in Köln gespielt, da waren ein paar Damen aus der Küche, die uns später sogar umarmt und uns Brote für die Fahrt mitgegeben haben.

Sonst noch irgendwelche Aktionen zur Besserung?
Erst vor ein paar Wochen bin ich mit zwei Freundinnen nach Rotterdam getrampt, zum "No Border Camp", um Aktivisten und Flüchtlingen zu helfen. Wir haben Essen gemacht, Klos geputzt, aber auch Vorträge angehört und demonstriert.

In ein paar Wochen tretet ihr beim "Bundesvision Song Contest" für Sachsen-Anhalt an. Habt ihr Angst, dass die Masse euch nicht kapiert?
Nee, Angst überhaupt nicht. Wir glauben: Wenn man den Leuten mal was Anderes zeigen will, muss man sich auch mal in anderen Bereichen bewegen.

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Illustration: Julia Schubert


"Die Kälte der neuen Biederkeit" von Adolar ist vergangene Woche erschienen.

Text: erik-brandt-hoege - Foto: Daniel Möring, MID

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