Zwischen Berlin und Hamburg liegen 250 Kilometer. Was die Qualität öffentlichkeitswirksamer HipHop-Momente betrifft, trennen beide Städte derzeit jedoch Welten. Während man in Berlin mit sorgsam dokumentierten Gewaltinszenierungen die Prolattitüde pflegt, gehen von Hamburg Signale aus, die blank ziehende Quizzlstrippen zur inneren Einkehr bewegen. "Bettina" heißt der Song. Fettes Brot die Band. "Strom und Drang" ihr neues Album. Ein jetzt.de-Gespräch mit Martin Vandreier (Doktor Renz), Boris Lauterbach (König Boris) und Björn Warns (Björn Beton) über RTL-II-Rapper, Angeber-Songs und heiße Frauen. jetzt.de: Ihr sprecht auf eurem neuen Album davon, dass man den "RTL II"-Rappern nicht mehr entkomme. Was meint ihr damit - dass diese Rapper ihre Wurzeln nicht mehr in der HipHop-Kultur haben sondern in den Daily-Talks der 90er Jahre haben? Boris: Ja, die verwechseln Authentizität mit so 'ner Art Seelen-Striptease. Die lassen uns an ekelhaft privaten Details Anteil nehmen. Und wenn das dann auch noch stimmt, dann ist das umso erschreckender - dass die das auch noch freiwillig erzählen! An ihrer Stelle, würde ich den ganzen Mist am liebsten vor der Öffentlichkeit verbergen. Das wurzelt tatsächlich nicht in der HipHop-Kultur. Die Werte, die wir von der HipHop-Kultur mitbekommen haben, stehen dem diametral gegenüber. Als wir angefangen haben, waren Sachen wie Anti-Gewalt ein großes Thema im HipHop. Martin: Und Anti-Kommerz. Björn: Anti-Diskriminierung. Boris: Das sind alles Dinge, die diese Leute nicht machen. jetzt.de: Viele HipHop-Nummern klingen heute auch anspruchsloser. Ganz so, als würden sie nur produziert, um auf Teenager-Handys zu scheppern. Boris: Die klingen in der Stereoanlage genau so. Björn: Das ist eine neue Form des Musikgenusses. Das war ja schon vorher so, dass irgendein schlecht zusammenkompiliertes MP3-File hin- und hergeschickt wurde. Schon da war wohl nicht mehr das Ziel, den Sound zu optimieren, wie noch bei der CD. Boris: Aber diesen Qualitätsanspruch haben viele nicht mehr. Weil denen die Möglichkeiten und das Talent dazu fehlen, qualitativ hochwertige Produktionen abzuliefern. Die meisten neuen deutschen Rap-Produktionen klingen vorher schon so, als würde man sie auf dem Handy abspielen. "Traurig dünne Beats" ist eine der Formulierung, die es trifft. Martin: Wobei eine zu überhöhte Sound-Ästhetik auch nervt. So gesehen bin ich froh über den punkrockigen Ansatz: Ich brauch' nicht viel, ich hab meine Stimme und meine geilen Ideen. jetzt.de: An denen hapert's aber oft. Martin: Klar, aber das ändert ja nichts daran, dass Musik keinen bestimmten Grad an Perfektion erreichen muss. Björn: Wenn aber die Musik scheiße klingt, die Texte inhaltsleer sind und der Rest auch mau ist, dann bleibt am Ende einfach nichts mehr. Gegen eine amateurhafte Produktion mit Texten, bei denen einem das Herz aufgeht, hat dagegen niemand was. Martin: Vielleicht ist das, was den Menschen daran gefällt, alleine der Gedanke, dass jemand, der am Rande der Gesellschaft steht und diese Gesellschaft mit Füßen tritt, sich trotzdem durch seine ihm eigene Kraft eine gewisse Position erkämpfen kann. Björn: Da geht's um Demonstration von Macht. jetzt.de: Ihr versucht, mit Humor zu demonstrieren. Björn: Klar, unser Lied "Bettina" zeigt zum Beispiel, dass man Sexualität nicht mehr als das darstellt, was Sexualität eigentlich ist. In der Öffentlichkeit wird von echter Sexualität abgelenkt, schlimmstenfalls wird sie sogar zerstört. Überall bekommt man dieses Versprechen von Sex, überall sieht man Sex und jeder wird in jedem Alter ständig dazu aufgefordert. Das hat aber nichts mit dem zu tun, was Sexualität eigentlich sein sollte - Erotik, Sinnlichkeit, Körperlichkeit und auch eine gewisse Ruhe und Zeit dafür. Wenn vom Duschgel bis zum Handy alles mit barbusigen Mädchen verkauft werden soll, ist das irgendwie komisch. Wie soll man das erste Mal miteinander schlafen, wenn man verklebt ist von den Bildern, die man ständig sieht? Martin: Früher musste ich nach Nacktbildern von heißen Frauen noch richtig suchen. Heute ist das dank Internet kein Problem mehr. Björn: Auch die Idealisierung der Körperlichkeit ist heute weitaus präsenter. Es ist ganz selbstverständlich, dass irgendwelche Stars ernährungskrank sind - weil alles nur noch ein ständiges Ranking und Rating ist und ein riesiger Bewertungsdruck herrscht. Das hat sich in den letzten Jahren verschärft. Martin: Vielleicht ist unsere Platte rauer geworden, weil das Leben rauer wird. Bei vielen Menschen in unserem Alter, so Anfang, Mitte 30, die es jetzt jobmäßig nicht so 1A getroffen haben wie wir, bei denen spielen Ängste eine Rolle, über die ich mir als Jugendlicher keine Gedanken gemacht habe. Vielleicht, weil ich persönlich so groß geworden bin, dass ich mich nicht mit dieser Angst des Verarmens auseinandersetzen musste. Aber ich habe das Gefühl, dass das immer mehr Menschen in meinem Umfeld betrifft. Dadurch verändern sich Verhaltensweisen - das Leben wird eher härter als wohliger. Der Humor ist deshalb - gerade in härteren Lebenssituationen - unabdingbar. "Strom und Drang" von Fettes Brot erscheint am 14. März.