Ich versuche immer, Statik und Grenzen zu durchbrechen

Von der Kuhwiese bis zur Castingbühne: Rapper Das Bo erzählt, wie er aufwuchs und warum er im Moment in der X-Factor-Jury neben Sarah Connor und Till Brönner sitzt.
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Illustration: Julia Schubert



Das Bo, hast du über eine Zusage lange nachdenken müssen, als dir ein Platz in der diesjährigen „X-Factor“-Jury angeboten wurde?
Als Abenteurer haben mich neue Herausforderungen immer schon gereizt. Aber ich musste mich damit erst mal auseinandersetzen. Wichtig für mich war, dass, wenn ich mitmache, ich auch ich selbst sein kann und nicht irgendwelche vorgegebenen Sachen nachplappern oder Kandidaten für die Einschaltquote niedermachen muss. Das wurde mir zugesichert. Ich fand auch die Dreierkonstellation der Jury gut: Till, der studierte Multiinstrumentalist und Professor, der Popstar Sarah Connor und ich, der Self-made Man. 

Bedenken gegenüber dem Castingformat an sich hattest du keine?
Ich bin niemand, der Personen oder Sachen gegenüber Vorbehalte hat. Überall gibt es gute Menschen und schlechte Menschen. Ich versuche, mich auf das Gute zu konzentrieren.  

Wärst du genauso offen gewesen, wenn RTL dich für die „DSDS“-Jury neben Dieter Bohlen hätte haben wollen?
Dann hätte ich mich auch damit auseinandergesetzt.  

Zu Castingshows wie „DSDS“ und „X-Factor“ kommen vor allem junge hoffnungsvolle Musiker. Hätte es eine solche Show bereits Anfang der 90er gegeben, als deine eigene Karriere begann, wäre die Teilnahme eine Option für dich gewesen – oder eher ein rotes Tuch?
Auf keine Fall eine Option. Zu dem Zeitpunkt war ich als Mensch noch sehr unsicher und nicht gefestigt. Musik war damals meine Insel, mein safe spot. Es gab eine Zeit in meiner Jugend, in der die Bühne der einzige Ort war, an dem ich mich wohlgefühlt habe. Mit zwölf bin ich mit meinen Eltern vom Hamburger Schanzenviertel aufs Dorf gezogen. Das war ein intensiver Einschnitt. Was mich damals über die Runden gebracht hat, war HipHop. Ich saß da, habe auf die grüne Wiese mit der Kuh geguckt, und Gangsterrap gehört. Das war meine Balance. Zur Musik bin ich dann später nicht gekommen, weil ich erfolgreich sein wollte, sondern weil ich Freude daran hatte. Wir wollten nach der Schule einfach nicht direkt nach Hause, lieber in den Keller, um Rap-Musik zu machen. Anfang der 90er habe ich dann Tobi kennen gelernt, Gründungsmitglied von Fettes Brot, und wir haben Der Tobi & Das Bo gemacht.  

Du sagst, Musik sei für dich wie eine Insel gewesen. Das soll sie doch aber für die jungen Castingkandidaten heute eigentlich auch sein – oder?
Ja, natürlich. Aber in den letzten fünfzehn Jahren hat sich in Sachen Sozialstruktur in Deutschland ja einiges verändert. Damals gab es noch keine Handys oder Internet. Der Vibe, mit dem man gelebt hat, war ein ganz anderer. Heute ist alles viel schneller, und für junge Künstler gibt es viel mehr Möglichkeiten, sich selber zu vermarkten. Während man damals ein Demo an eine Plattenfirma geschickt hat, kann man heute schon sein eigenes Video präsentieren. Dieses Hast-du-was-bist-du-was ist nun viel mehr in die Sozialstruktur eingebaut. Deshalb sind die jungen Leute heute ganz anders gepolt, als damals. Das Individuelle, was früher existentiell war, ist jetzt für viele nicht mehr so wichtig. Sie wollen eher den Erfolg, als sich mit dem, was sie selbst sind und machen, irgendwann dorthin bringen, wo der Erfolg ist.  

Würdest du einem jungen talentierten Musiker denn eine Teilnahme bei „X-Factor“ empfehlen?
Wenn er sich selbst dabei treu bleibt, kann er alles machen und nie verlieren. Es ist doch geil, wenn man ein guter, authentischer Künstler ist und vor zwei Millionen Leuten auftreten kann. Wenn man auf der Suche nach einer großen Bühne und dem Feedback etablierter Künstler ist, ist „X Factor“ genau das Richtig. Die Frage ist natürlich, was passiert, sollte man den Wettbewerb gewinnen. Denn dann kommt eine Plattenfirma ins Spiel, die einen übernimmt. Ich sehe die Leute in meiner Position ja nur so, wie sie sind. Was nach „X-Factor“ mit ihnen passiert, liegt außerhalb meiner Macht.  

Können Castingshows wirklich Leben retten, wie es ihre Macher gerne behaupten?
Das weiß ich nicht. Klar, wenn da jemand zum Beispiel den Krebs besiegt hat, hat er für Musik natürlich schon ein anderes Gefühl, weil er für sein Leben auch schon ein anderes Gefühl hat. Oder wenn jemand seine Eltern verloren hat – das sind alles Umstände, die fürs Fernsehen sehr interessant sind. Ich glaube aber, dass diese Leute mit der Musik generell schon etwas gefunden haben, das ihnen hilft und ein gutes Gefühl gibt.  

In der „X-Factor“-Jury hast du dich schnell als Entertainer etabliert. Hat man dir am Anfang bestimmte Verhaltensregeln für den Job mitgegeben?
Ganz am Anfang der Drehs bin ich mal vom Jurypult runtergesprungen und habe später bei der Ausstrahlung gesehen, dass die Kamera nicht dabei war. Weil man das einfach nicht erwartet hatte. Mittlerweile ist es so, dass ich gerade bei skurrilen Kandidaten schon mal ins Publikum oder bei einem Beatboxer mit auf die Bühne springe. Ich versuche immer, Statik und Grenzen zu durchbrechen. Wer sagt denn, dass der Jury-Typ da sitzen muss?  

Du hast es dir also zur Aufgabe gemacht, der Sendung quasi den Stock aus dem Hintern zu ziehen?
Dafür haben mich die Leute geholt. Wenn ich da bin, versuche ich, das Ganze nicht zu sehr zu zerdenken. Ich lebe das dann und genieße es. Wenn da jemand ein Lied singt und mir dabei in die Augen guckt, kommt es mir so vor, als sei das für mich. Und dann reagiere ich auch so darauf, wie ich es empfinde. Auch wenn das alles vor 600 Leuten passiert, ist das für mich ein heftiger Moment. Denn mir hat noch niemand in die Augen geguckt und ein schönes Lied gesungen.  

Manchmal scheint es, als hätten deine Jury-Kollegen Sarah Connor und Till Brönner Angst, du könntest ihnen die Show stehlen. Meckern die auch manchmal hinter der Bühne?
Nee, gar nicht. Mit Till verstehe ich mich sehr gut, gerade weil wir so unterschiedlich sind: der Professor und der autodidaktische Freak. Wir wissen jeweils am anderen zu schätzen, was wir selber nicht haben. Ich bin in der Jury auch nicht so drauf, dass ich denke: Jetzt zeige ich’s denen aber mal so richtig! Im Gegenteil.  

Du bist bekanntermaßen ein Verfechter von mehr Ehrlichkeit im Showgeschäft. Findest du diese Ehrlichkeit derzeit beim „X-Factor“?
Ja – ich bin ja da! Und es ist doch oft so, dass man sich etwas anguckt und denkt: Wie scheiße ist das denn? Aber wer geht danach hin und macht es besser? Wenn man selbst nichts anderes anbietet als das, was da ist, muss man die Schnauze halten. Alle reden, reden und reden, und wenn sie dann die Anfrage kriegen, lehnen sie ab. Das ist genau falsch.  

Wirst du im kommenden Jahr denn wieder in der Jury sitzen?
Das muss man sehen. Ich bin jemand, der im Jetzt lebt und das auch genießt. Und jetzt bin ich vor den anstehenden Live-Shows auch erst mal aufgeregt, weil das ja ein ganz anderes Ding ist als das, was wir bisher gemacht haben. Eigentlich ist es auch eher mein Ding. Es wird hoch her gehen!

Text: erik-brandt-hoege - Foto: Vox

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