Ich vertrete hier Tunesien

Einmal im Jahr wird in New York das Simulationsspiel der Vereinten Nationen NMUN abgehalten. Stefan Bock ist 24 und studiert Politologie und Mittlere und Neuere Geschichte in Frankfurt am Main. Dort findet auch gerade eine Vorbereitungskonferenz mit NMUN-Spielern aus ganz Europa statt. Im April fliegt Stefan mit in die USA. Gemeinsam mit seiner 28köpfigen Delegationsmannschaft wird er dort den Iran vertreten.
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Illustration: Julia Schubert

Was genau ist NMUN? Das ist ein Planspiel, das kurz nach der Gründung der Vereinten Nationen im Jahr 1946 für Studenten eingerichtet wurde. Damals beteiligten sich nur US-amerikanische Universitäten. Dieses Jahr versammeln sich 3000 Studenten aus 200 weltweiten Unis in New York. Insgesamt 15 deutsche Hochschulen sind vertreten. Und wie läuft das dann ab? Die Studenten werden in Delegationen aufgeteilt. Jede davon vertritt entweder einen Mitgliedsstaat oder eine Nichtregierungsorganisation und schickt Mitglieder in die unterschiedlichen Komitees der UN. Ich werde zum Beispiel in der World Conference on Desaster Reduction sitzen, die sich mit der Prävention von Naturkatastrophen beschäftigt. Momentan haben sich 200 NMUN-Spieler in Frankfurt versammelt. Was macht ihr dort? Das Treffen hier dauert noch bis Sonntag. Es gibt uns die letzte Gelegenheit, unsere Soft Skills, also unsere Argumentationsfähigkeit und unser Strategiedenken zu testen, bevor wir dann im April nach New York fliegen. Vor allem müssen wir uns als Einzelkämpfer durchsetzen. Ich vertrete hier zum Beispiel Tunesien – ganz alleine. Wir simulieren auch nicht alle UN-Komitees, sondern nur die wichtigsten: die Generalversammlung, den Sicherheitsrat und die UNCTAD, die Welthandelskonferenz der Uno. Welche Themen werden verhandelt? Die Themen werden von den Organisatoren vorgegeben. In der Generalversammlung werden zum Beispiel Menschenrechte, Waffenkontrollen und das Klonen von Menschen verhandelt. Wir recherchieren dann über die Webseite der Vereinten Nationen oder der Botschaften unserer entsprechenden Länder, welche Position wir dazu einnehmen und versuchen, die dann angemessen zu repräsentieren. In New York vertritt deine Delegation den Iran, dessen Präsident Mahmud Ahmadi-Nedschad in den letzten Monaten vor allem durch lautstarke antisemitische Äußerungen aufgefallen ist. War das so geplant? Jede Gruppe gibt bei der Bewerbung Präferenzen an, wen sie spielen möchte. Der Iran stand bei uns tatsächlich an zweiter Stelle, nach der Türkei. Im Oktober erfuhren wir dann, dass wir ihn bekommen hatten. Warum ausgerechnet der Iran? Zugegeben, Frankreich und Norwegen standen auch auf unserer Liste und wären wesentlich einfacher zu vertreten gewesen. Aber der Iran stellt eine viel größere Herausforderung dar und das ist letztendlich einfach interessanter. Die politischen und kulturellen Unterschiede erfordern einen kompletten Perspektivwechsel. Aber zwei unserer Delegierten sind iranischstämmig. Das verleiht uns auch eine gewisse Kompetenz. Nun ist das iranische Staatsoberhaupt nicht gerade ein Sympathieträger. Zufälligerweise fielen seine ersten Kommentare ziemlich zeitgleich mit der Bekanntgabe der Länderverteilung bei NMUN zusammen. An einem Tag erfuhren wir von unserer Professorin, dass wir den Iran spielen würden. Sie meinte noch, da käme durchaus eine Herausforderung auf uns zu. Am nächsten Tag waren Ahmadi-Nedschads Äußerungen in den Nachrichten – und wir hatten unsere Herausforderung. Hast du ein komisches Gefühl dabei, ein Land zu vertreten, dessen Präsident so ausfällig ist? Naja, besonders interessant am Iran ist ja die Ambivalenz des Landes. Einerseits leben dort einige zehntausend Juden, deren Stellung nicht so marginalisiert ist, wie die Äußerungen des Präsidenten vermuten lassen könnten. Andererseits gibt es eben diese Hetztiraden. Ahmadi-Nedschads Vorgänger Mohammed Chatami und viele iranische Intellektuelle betonen ja auch immer wieder, dass dieser Antisemitismus nicht viel mit der Meinung des Volkes zu tun hat. Und dann findet dort ja auch weiterhin ein langsamer Reformprozess statt. Ich habe eine gute Freundin aus dem Iran. Deren Mutter und deren Schwester waren dort neulich zu Besuch und meinten, das Land modernisiert sich langsam aber sicher. Frauen mit lackierten Zehnägeln oder knutschende Liebespärchen hätte es vor ein paar Jahren in der Öffentlichkeit dort nicht gegen. Jetzt schon – trotz des erzreaktionären Präsidenten. Wie werdet ihr mit diesen Umständen in New York umgehen? Wir müssen uns noch genau überlegen, wie wir den Aspekt Ahmadi-Nedschad einbringen. Ich denke, in der Generalversammlung und im Sicherheitsrat werden wir es schon schwer haben, gerade was die Atompolitik und die Menschenrechtsdebatte anbelangt. Aber wir müssen eben tagsüber standfest die iranische Haltung bewahren – und sie abends, wenn das Spiel vorbei ist, auch wieder ablegen. Foto: privat

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