„Ich war so unendlich müde“

Anna Ternheim schreibt Musik für die Nacht: Geheimnisvoll, nie erdrückend.
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Illustration: Julia Schubert


Dein letztes Album erschien vor drei Jahren. Danach bist du in ein Motivationsloch gefallen und hast überlegt, aus der Musik auszusteigen. Was ist passiert?
 Ich bin viel getourt mit meinem letzten Album. Als ich schließlich nach Hause kam, wollte ich gleich wieder Songs schreiben. Aber das ging nicht. Mein Kopf war leer und blieb es für eine lange Zeit. Ich war so unendlich müde. Musik machen war für mich immer notwendig, so was wie eine Konsequenz des Lebens. Ich brauchte einfach Zeit zu leben, ohne krampfhaft darauf  zu hoffen, dass mir eine Songzeile einfällt. Jedes Album ist wie ein neuer Anfang. Du startest immer wieder von Null.

Ist es dir jemals zuvor so schwer gefallen neu anzufangen?
Schwer ja, aber nicht so schwer. Du willst dich mit deiner Musik nicht wiederholen und suchst also immer etwas Neues, das das nächste Album ausmacht. Aber manchmal braucht es eben mehr Zeit, um diese neue Logik zu finden. Musikerin zu sein ist kein „nine-to-five“ Job. Manchmal komme ich in einen Flow und schreibe unheimlich viel. Manchmal falle ich dafür in eine Schreibblockade. Ich mache jetzt schon so lange Musik. Ich habe gelernt, Geduld zu haben. Obwohl ich jemand bin, der sich oft selbst infrage stellt. Ich frage mich permanent, ob ich hier richtig bin.

Und, bist du es?
Momentan ja. Aber gerade in den Zeiten, in denen es mir schwer fällt, Songs zu schreiben, komme ich ins Zweifeln. Wenn du morgens aufwachst und weißt, du kannst deine Miete nicht zahlen, musst du dir schon was überlegen. Aber Musik ist meine Leidenschaft. Ich will momentan nichts anderes machen. „The Night Visitor“ war in gewisser Weise ein Bruch. Das fühlt sich an als würde ich gerade erst beginnen Musik zu machen.

Wieso?
Ich bin vor knapp 4 Jahren von Stockholm nach New York gezogen, dort sind einige Songs entstanden und der Rest in Nashville. Ich habe mit Leuten gearbeitet, die ich vorher nicht kannte. Das hat mich daran erinnert, wie ich mich vor meiner ersten Platte gefühlt habe: Alles fremd, alles neu. Du weißt nicht, was am Ende dabei heraus kommt.

Du hast in Nashville im Studio von Dave Ferguson aufgenommen, dem langjährigen Tontechniker von Johnny Cash. Woher kanntest du ihn?
Matt Sweeny, mein Produzent, hat die Verbindung hergestellt. Matt hat auf meiner letzten Platte Gitarre gespielt. Aber wir haben uns damals gar nicht richtig kennengelernt, er hat nur einen Song begleitet. Wir haben uns aus den Augen verloren. Als ich anfing über „The Night Visitor“ nachzudenken, wusste ich, dass ich ein sehr gitarrenorientiertes Album machen wollte: Sehr reduzierte, gezupfte, pure Gitarren. Dazu brauchte ich ein bisschen Nachhilfe und habe Matt angerufen, ob er mir nicht Unterricht geben könnte. Nach ein paar Stunden meinte er: „Ich will deine neue Platte produzieren. Wir sollten dafür nach Nashville fahren, ich kenne da einen Typen, der heißt Dave Ferguson und hat fast 30 Jahre lang Johnny Cash produziert. Der macht daraus eine Wahnsinnsplatte.“ Und ich dachte: Wow, na klar. Davon hatte ich nie zu träumen gewagt. Ich hatte ja auch mit Country nicht viel zu tun.

Würdest du sagen dass „The Night Visitor“ eine Countryplatte ist?
Ich weiß nicht. Viele Leute sagen es sei Country und das ist ok für mich. Es gibt definitiv amerikanische Einflüsse darauf. Aber ich finde, sie klingt eher nach englischer Folkmusik.

http://www.youtube.com/watch?v=afjRIFjsPJI

 Die erste Singleauskopplung von „The Night Visitor“ ist „The longer the waiting the sweeter the kiss“, ein Duett mit Dave Ferguson. Im Video sitzt ihr bei ihm im Wohnzimmer und spielt zusammen den Song. Das ist eine sehr intime Atmosphäre und ihr zwei seht aus, als wärt ihr euch sehr nah. Wie ist eure Beziehung zueinander?
Sie ist gewachsen mit der Zeit. Jetzt sind wir Freunde, aber das war ein langer Prozess. Musik machen ist ein sehr persönliches Ding, du entblößt dich ja vollkommen vor deinem Zuhörer. Und wenn man dann zusammenarbeitet, lernt man sich gut kennen. Dave ist mir ein sehr wichtiger Berater und Freund geworden, nicht nur musikalisch.

Du bist Anfang 30, er ist 50, welche Rolle hat der Altersunterschied gespielt?
Überhaupt keine. Er ist bei Weitem nicht der älteste der Leute, mit denen ich an dieser Platte gearbeitet habe. Ich habe in Nashville mit ein paar sehr alten Typen Musik gemacht, die teilweise schon doppelt so lange im Geschäft sind, wie ich alt bin. Aber ich finde, je älter jemand wird, umso weniger wichtig wird das Alter. Keiner der Männer, mit denen ich aufgenommen habe, hat sich älter als 25 angefühlt. Die haben alle noch ganz junge Seelen und leben einfach nur für die Musik. Das ist wahnsinnig beeindruckend.

Was hast du von ihnen und von Nashville gelernt?
Dass du das lieben musst, was du tust. Dass du deiner Musik und der Geschichte dahinter vertrauen musst. Und vor allem, dass du nicht immer all das zeigen musst, was du kannst und weißt. Das betrifft die Musik und das Leben. Vielleicht kommt diese Einsicht mit dem Älterwerden. 

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Illustration: Julia Schubert


"The Night Visitor" von Anna Ternheim ist bei Universal erschienen.

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