„Ich will keine Gefühlsanleitung geben“

Er gilt als der heißeste Anwärter auf den Knyphausen-Pokal 2011. Mit jetzt.de hat Liedermacher Moritz Krämer über seine traurig-schönen Songs gesprochen.
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Moritz, in einem deiner Songs, nämlich „Nichts getan“, erklärst du deiner Ex-Freundin, dass du ihre Katze vom Balkon geschmissen hast. Hoffentlich nur eine Metapher!
Ja, das ist fiktiv. Meine Ex-Freundin hat eigentlich gar keine Katze. Meine Songs sind immer so ein Mischmasch aus konkreten Dingen, die stimmen – also hier zum Beispiel ein Gefühl zu meiner Ex-Freundin – und irgendeiner Idee davon, was ich ihr vielleicht gerne angetan oder auch nicht angetan hätte.  

Du singst im selben Song, dass du ihre Nähe nicht mehr brauchst. Suchst du diese Nähe nicht aber geradezu, wenn du ganze Songs über sie schreibst? Stimmt, das ist hier auch ironisch gemeint. Der, der das im Song sagt, sagt im Anschluss ja auch, dass ihm seine Mutter so nah sei. Und so was will ja keiner gerne hören, dass da die Mutter die ganze Zeit eine Rolle spielt.  

Wie hilfreich ist dir das Liederschreiben denn, wenn du mal traurig oder sauer oder beides wegen jemandem bist? Wenn ich keinen Abstand zu etwas habe, und dann etwas darüber schreibe, gefällt mir das später oft nicht mehr. Allgemein weiß ich aber gar nicht so genau, ob ich mit der Musik etwas verarbeite. Vielleicht ist das so – vielleicht aber auch gar nicht. Wenn es so wäre, würde ich mich ja psychoanalysieren.

  Aber so ganz zwischen Kunst und Leben trennen kann doch keiner.
Ich denke auch, dass sich das vermischt. So wie sich in der Musik Bilder, die man von etwas hat, mit wirklich Passiertem vermischen. Ich finde es auch schön, wenn Musik nicht die ganze Zeit so einem Schutz unterliegt, bloß nichts über sich selbst zu sagen. Dann wird es so künstlich, dass ich das Gefühl bekomme, nichts über den zu erfahren, der da etwas spielt oder singt. Es ist doch schön, wenn man jemandem irgendwie zugucken und erahnen kann, was er damit privat meint. Das finde ich immer gut.  

http://www.youtube.com/watch?v=siF2X_ATxFI


Im Song „Hinterher“ wirst du dann selbst sehr persönlich – du beschreibst deine eigene Beerdigung. Mit Freunden, die keine waren, und leider ohne Wladimir Putin und Rachel Weisz, deren Anwesenheit zu deinem letzten Willen zählte. Wie bist du überhaupt auf diese beiden gekommen?
Auf die kam ich unabhängig voneinander. Das mit Putin ist eher ironisch gemeint. Und Rachel Weisz, weil ich die toll finde.  

Was muss einem denn passiert sein, dass man von seiner eigenen Beerdigung singt?
 Im Song steckt so eine Angst vorm Verschwinden. Mir kam die größenwahnsinnige Idee, dass man wie im Film der eigenen Beerdigung zugucken könnte. Und dann stellt man sich vor, welche Leute da sind.   

Schließlich singst du im Lied, dass es „vielleicht zu früh war und dass das Beste eigentlich noch kommt“. Klingt, als ginge der Beerdigung Selbstmord voraus.
Da rennt ja einer freiwillig in seinen Tod. Ich habe mir vorgestellt, dass ein paar Leute in eine Richtung rennen. Und der, der ganz vorne rennt, guckt sich irgendwann um, und die anderen sind gar nicht mit gerannt.

 Weiter heißt es dann im Text: „Mir fehlen jetzt schon all die Sorgen, dass man ständig ficken muss“. Was genau meinst du damit?
Das sind ja zwei Dinge, mit denen man sich die ganze Zeit beschäftigt und die einem auf den Geist gehen. Ficken an sich geht einem nicht auf den Geist, hier ist eher die ständige Beschäftigung mit dem plumpen Bild von zwischenmenschlichen Beziehungen gemeint. Dieses ständige darüber nachdenken und sich ein Versprechen oder aber kein Versprechen geben und stattdessen etwas Unverbindliches finden. Oder etwas Verbindliches wollen und es vielleicht nicht hinkriegen. All das, worum man sich so kümmert, was einen anstrengt und nervt. Mit „ficken muss“ meine ich also nicht, dass der im Song die ganze Zeit dazu genötigt worden ist, mit anderen Menschen zu vögeln. Sondern nur, dass er sich dauernd damit beschäftigt - mit zwischenmenschlichen Beziehungen allgemein. Und jetzt hat er das Gefühl, dass er sich mit all diesen Sorgen irgendwie doch noch weiter hätte beschäftigen können.  

Manchmal scheinst du dich hinter Abstraktheiten und Figuren zu verstecken, auch wenn du jetzt immer wieder von „dem im Song“ und nicht von dir sprichst. Sind das noch die Überbleibsel aus deiner langen Zeit am Theater?
 Ich finde es gut, wenn Bilder, die mit einem bestimmten Thema zu tun haben, so versatzstückartig in einem Theaterstück oder eben einem Lied vorkommen. Wenn also Thesen in den Raum gestellt werden und es nicht so abläuft wie in einem typischen Hollywood-Film, wo man an die Hand genommen und einem gesagt wird, wann man traurig sein soll. Ich will mit meinen Liedern keine Gefühlsanleitung geben. „Ich liebe dich“ zum Beispiel ist etwas sehr Konkretes. Und wenn man das irgendwie anders sagen kann und es schön klingt, finde ich das toll.   

Bemerkenswert ist dann auch der Song „Nachbarn“, worin es um einen einsamen Mann geht, der vom Balkon die glücklichen Menschen gegenüber beobachtet.  Was war die Inspiration hierfür?
Einfach das Gefühl, das man hat, wenn man so alleine in der Wohnung rumhängt und nach draußen auf die anderen guckt. Der Mann im Song guckt ja immer drüben in die Fenster rein und sieht dort ein Pärchen. Es geht hier um die Frage, ob man vielleicht sogar froh ist, dass man alleine ist, oder ob man sich dann leid tut, vielleicht wehmütig in seine Kindheit zurückblickt und ganz schnell nach Hause will, um drei Wochen Urlaub bei den Eltern zu machen. Manchmal weiß man ja selbst nicht so richtig, ob man nun traurig ist oder nicht.  

In der Regel kann man an dem Gefühl von Traurigkeit doch aber nichts ändern. Lässt du vielleicht bestimmte Gefühle einfach nicht zu?
Ja, bestimmt. Um mich zu schützen.  

Kannst du dafür ein Beispiel nennen?
Zum Beispiel, als mein Opa gestorben ist. Er hatte Alzheimer. Lange Zeit war er ein starker Mann, konnte auch ein bisschen herrisch sein. Als er dann plötzlich Alzheimer-Patient war, und ich jedes Mal wieder sagen musste, wer ich bin, da habe ich den Kontakt recht klein gehalten, weil ich damit nicht so gut zurecht kam. Ich habe ihn dann eher weniger besucht, als ich mir eigentlich Gedanken über ihn gemacht habe. Aber es gibt auch andere Beispiele. Wenn man frisch verliebt ist, aber ein ganz ungutes Gefühl dabei hat. Manchmal bin ich eigentlich total aufgeregt und verliebt, weiß aber schon, dass das alles nicht gut wird. Oder wenn man sich frisch getrennt hat und für sich noch nicht genau weiß, ob das jetzt gut oder scheiße war.   


„Wir können nix dafür“ von Moritz Krämer erscheint am 1. März auf Tapete Records.