"Ich wollte auf der Platte mehr Thomas Hübner sein als sonst."

Früher war er ein unbedarfter Rapper, jetzt bringt Clueso bald sein bereits fünftes Album heraus. Ein Gespräch über Verluste, Perfektionismus und goldene Käfige.
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Illustration: Julia Schubert



jetzt.de: Die erste Single deines neuen Albums heißt „Zu schnell vorbei“. Bist du ein Nostalgiker?
Clueso: Das würde ich so nicht sagen, aber natürlich bin ich mittlerweile in einem Alter, in dem man auf etwas zurückblicken kann. Der Song ist aber eher ein Appell an mich selbst, auch mal den Weg einer Reise zu genießen und nicht bloß immer auf die nächste Lichtung zu warten.  

Demnach war die Produktion anstrengend?
Das kann man so sagen, ja. Ich versuche eben, mich mit jedem Album neu zu erfinden, und das wird von Mal zu Mal schwieriger. Man stößt an Grenzen und Mauern, die es einzureißen gilt. Und das kostet wahnsinnig viel Kraft. Anstrengend ist dabei vor allem das Feilen und Festigen von Ideen, damit sie eine lange Halbwertszeit haben. Hinzu kommt: Wenn ich merke, ein Song klingt zu gut, ist er für mich nicht mehr perfekt.  

Das klingt nach einer etwas merkwürdigen Form von Perfektionismus.
Mag sein. Aber die Songs sollten nicht einfach so dahinplätschern, sondern Fragen aufwerfen. Ein Lied muss immer lebendig und angreifbar bleiben. Es darf seine Leichtigkeit nicht verlieren, denn ansonsten geht das Gefühl verloren, und das wäre fatal. 

Wenn die Albumproduktion so anstrengend war, besteht dann die Gefahr, sich darin zu verlieren?
Ich verstehe die Platte sogar als eine dringende Aufforderung, sich darin zu verlieren. Für alle anderen, aber auch für mich selbst.  

Im Allgemeinen wird Verlust als etwas Negatives empfunden. Inwiefern bedeutet es im vorliegenden Fall etwas Positives?
Es gibt eben Phasen im Leben, in denen man dermaßen im Alltag gefangen ist, dass man sich am liebsten die Treppe hinunterwerfen möchte, um herauszufinden, ob man noch lebt. Manchmal erschlagen einen Dinge und tun weh. Aber sie zeigen einem eben auch, dass man noch lebendig ist. Und das ist wichtig.  

Hast du den Eindruck, dass in unserer Gesellschaft der Mut zum Verlust verloren gegangen ist?
So eine Angst existiert auf jeden Fall. Aber jetzt, wo MTV nur noch im Pay-TV zu sehen ist, bricht auch in der Musik ein neues Zeitalter an – und ich finde das gut. Man kann sich wieder mehr auf die Kunst konzentrieren und muss nicht mehr so viel Gedanken an das Drumherum verschwenden. Auch das Internet hat viel Platz für neue Möglichkeiten geschaffen.  

Welche Auswirkungen hat das auf die Musik und deren Rezeption?
Nehmen wir nur mal das Beispiel der Radios: Da geht es doch nur noch um Quoten. Man soll einen Hit haben, damit sie dich im Radio spielen, aber sie spielen dich nicht, weil du noch keinen Hit hast. Das ist doch paradox. Irgendwann werden sich die Radiosender jedoch nicht mehr erlauben können, ständig bloß dieselben 80 Titel von Genesis bis Phil Collins aufzulegen, weil Musik anders funktioniert. Musik kommuniziert sich. Und die Leute werden auf die Übersättigung reagieren. 

http://vimeo.com/20160395


Im Stück „Ich bin fürs Rollen“ fällt der Satz: „Lass uns nicht sicher sein.“ Demnach hast du Freude am Ungewissen?
Absolut. Und das kann die Leute um mich herum schon mal in den Wahnsinn treiben. Denn wenn mir bestimmte Dinge zu sicher erscheinen, kann es schon mal passieren, dass ich sämtliche Seile kappe und tragende Säulen umtrete, damit es mal wieder ein bisschen wackelt.  

Dann fühlst du dich manchmal wie im goldenen Käfig?
Ja, ab und an ist das so. Aber wenn ich es gar nicht mehr aushalte, haue ich auch mal für drei Tage ab oder spiele mit einem Kumpel ein spontanes Konzert in einem Café. Solche Ausbrüche sichern mein Überleben in der Musik, in der ich mich so verloren habe und die meine große Liebe ist. Außerdem: Man muss aufpassen, dass man weiterhin an den Leuten dranbleibt und als Künstler nicht plötzlich in irgendwelche Parallelwelten abdriftet. Meine Freunde versuchen zwar so gut es geht, mich davor zu beschützen, aber trotzdem muss ich in diese Schutzmauern auch manchmal kleine Löcher schlagen, um den Bezug zum wahren Leben nicht zu verlieren.  

Hast du das Gefühl, mit dieser Platte bei dir selbst angekommen zu sein?
Ich habe letztens ein sehr schönes Kompliment von jemandem bekommen, der mir nahe steht. Der meinte, dass sich bei dieser Platte kein Gefühl des Gefallen-Wollens einstellen würde, und dass diese Platte sehr nah an mir dran wäre. Das fand ich schön, denn das Gefühl habe ich auch. Ich höre auf der Platte mehr den Thomas Hübner (Cluesos bürgerlicher Name, Anm. d. Verf.) als den Clueso.  

War das denn deine Absicht?
Ich wollte auf der Platte zumindest mehr Thomas Hübner sein als sonst. Denn immerhin habe ich die letzten zehn Jahre komplett in dieses Projekt investiert, war zu 150% Clueso und da ist der Thomas Hübner oftmals ein bisschen zu kurz gekommen. Als Künstler befindet man sich nun mal in einer Art Geschwindigkeitsrausch, in dem vieles verloren geht. Mir hat das zum Glück nie jemand übel genommen, aber ich weiß selbst, dass ich mehr darauf achten muss.  

Die Platte heißt „An und für sich“ – ein Ausspruch, auf den in der Regel noch ein „Aber“ folgt. Wie lautet denn das „Aber“, das mit diesem Album einhergeht?
„An und für sich“ ist ein komischer Titel, aber ein geiles Album.

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Illustration: Julia Schubert


An und für sich von Clueso erscheint am 25. März auf Four Music/SonyBMG.

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